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Wir reden über Literatur
Kritik

Nordische Schülerliebe.

Bereits in seinem Debütroman inszenierte sich Karl Ove Knausgård als Meister des skandalös Authentischen
Hamburg

Über das Thema Authentizität und Literatur ist in den vergangenen Jahren viel nachgedacht und geschrieben worden. Texte werden von der Kritik gerne danach abgeklopft, ob sie denn authentisch seien, also das vermeintlich echte Erleben und Fühlen der Verfasserin oder des Verfassers enthielten, und damit wohl eine Art von deren „biologischer Essenz“. Dass sich das Konzept vermeintlicher Authentizität nicht nur auf Texte beschränkt, sondern mittlerweile auf alle möglichen Bereiche des Lebens wie Gebäude, Lebensmittel oder berufliche Weiterbildungsseminare angewandt wird, darauf hat kürzlich der kanadische Philosoph Charles Taylor in seinem klugen Buch „The Ethics of Authenticity“ hingewiesen. Zudem informiert Taylor ganz nebenbei auch darüber, dass man unter authentisch eben nicht das vermeintlich Genuine eines Wesens begreift, sondern vielmehr die Ansprüche, die eine Person aufgrund externer Erwartungen an sich selbst hat, und der er oder sie zu entsprechen sucht. Kurz gesagt, auch Authentizität ist das Resultat sozialer Konstruktion.  

Für den literarischen Siegeszug der Echtheits-Sehnsucht gibt es in jüngster Zeit etliche Beispiele, von Edouard Louis über Gerhard Henschel und Thomas Melle bis zu den grandiosen Büro-Romanen des Niederländers J.J. Voskuil. 

Die größte Breitenwirkung erreichte aber zweifellos Karl Ove Knausgård mit seiner autobiografischen „Mein Kampf“-Reihe, die im Deutschen nicht so heißen durfte, weswegen die sechs Bände unter ihren Einzeltiteln „Träumen“, „Kämpfen“, „Sterben“, „Lieben“, Spielen“ und „Leben“ erschienen sind.

Im Luchterhand Verlag ist nun gut 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung sein Debütroman „Aus der Welt“ in deutscher Übersetzung von Paul Berf erschienen. In Norwegen hatte das Buch des damals 30-Jährigen für einiges Aufsehen gesorgt, war mit wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet worden, und hatte Knausgård mit einem Schlag in die erste Reihe der norwegischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller befördert. Das vermeintlich Skandalöse des Romans, nämlich das leidenschaftliche Begehren eines Lehrers nach seiner gerade einmal 13-jährigen Schülerin, das in einer sexuellen Beziehung mündet, war damals trotz des anzüglichen Buchcovers des Fotografen Jock Sturges, man mag es sich aus heutiger Warte kaum mehr vorzustellen, ohne überbordende Aufgeregtheit rezipiert worden.

Das freilich änderte sich grundlegend, als das Buch 2015 in Schweden veröffentlicht wurde, und umgehend eine kontroverse Debatte über die im Buch durchaus plastisch dargestellte pädophile Lehrer-Schülerin-Verstrickung einsetzte. Erschwerend kam hinzu, dass Knausgård seither zu einem literarischen Star avanciert war, und obendrein sein Bekenntnis zur vermeintlichen Bekenntnisliteratur die Debatte darüber befeuerte, wie viel Wahres, sprich abstoßend Kriminelles, denn in seinen ersten Roman eingeflossen sei; zumal die in „Aus der Welt“ geschilderten Begebenheiten zum Teil frappierend an jene Passagen in „Leben“ erinnern, in denen Knausgård über seine Zeit als Aushilfslehrer in Nordnorwegen berichtet, inklusive der Alkoholexzesse und einige der dargestellten Figuren, wenngleich ohne die anstößige Liaison. Darauf angesprochen, wie jüngst von einem Literaturkritiker der „ZEIT“, hat Knausgård stets betont, dass es sich bei der in „Aus der Welt“ geschilderten Beziehung um Fiktion handle. Einen Hinweis darauf, dass es anders gewesen sein könnte, gibt es nicht.

Das Buch erzählt die Geschichte des jungen Lehrers Henrik Vankel, der für ein Jahr als Lehrer in die Einöde des Nordens Norwegens geht, wo im Sommer die Sonne kaum unter- und im Winter kaum aufgeht. Als seine Beziehung mit Miriam aufzufliegen droht, flieht er Hals über Kopf nach Kristiansand, seiner (und Knausgårds) Heimatstadt. Dort reflektiert er über sich, sein Leben und seine Umgebung, und durchleuchtet in mehreren Rückblenden seine Kindheit sowie die gescheiterte Ehe seiner Eltern, was zumindest andeutungsweise als Parallelität zu seiner Beziehung mit Miriam verstanden werden darf. Vergangenes und Gegenwärtiges vermischen sich dabei in einem gewaltigen Textkorpus, bei dem sich bereits die Schilderung des Öffnens einer simplen Bierflasche über mehrere Absätze hinzieht, flankiert von assoziativen Gedankenfetzen, die dem Protagonisten dabei durch den von Alkohol und Testosteron erhitzten Kopf schwirren.

Tatsächlich ist in Knausgårds Erstlingswerk sein literarisches Erfolgsmodell bereits angelegt. Das Buch reiht sich nahtlos ein in die Texte, die die literarische Welt heute von ihm kennt, und die man aufgrund ihrer überbordenden literarischen Kraft sowie ihrer maßlosen Fixierung auf das vermeintlich eigene Sein und Tun entweder verehrt oder verachtet, die jedoch kaum jemanden, der sie liest, kalt lassen, und nicht zu einer klaren Meinung provozieren.

Man darf „Aus der Welt“ somit als den ersten literarischen Baustein lesen in einem Verwirrspiel, das Knausgård seither zu einiger Perfektion getrieben hat. Ein Spiel, bei dem den Lesern vorgegaukelt wird, sich aufgrund der vermeintlichen Selbstentblößungen des Autors diesem in seinem innersten Kern anzunähern, wenngleich die Phantasie der Rezipienten in Wahrheit genau dahin gesteuert wird, wo Knausgård sie haben möchte. Das Resultat ist ein wahrhaft authentisches Porträt seiner selbst.

Karl Ove Knausgård
Aus der Welt
Aus dem Norwegischen von Paul Berf
Luchterhand
2020 · 925 Seiten · 26,00 Euro
ISBN:
978-3-630-87437-1

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