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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Unfreiwillig zugerüstet

Longlist Deutscher Buchpreis 2019
Hamburg

"Hier sind Löwen" von Katerina Poladjan ist, für sich genommen, ein tadelloser Roman mit stringentem, schnörkellosem Aufbau. Eine Protagonistin, geboren und aufgewachsen in Deutschland, eignet sich Elemente einer Nationalidentität an – der armenischen –, die, nur der Herkunft nach, auch die ihre wäre, wobei sie tatsächlich nicht einmal die Sprache spricht. Dies vollzieht sich quasi mit Naturgesetzlichkeit: Einerseits die Bedürfnisse der Mutter, unzuverlässige und unstete Hüterin einer Familiengeschichte; andererseits die Erfordernisse des Restauratorinnenberufs der Protagonistin, der sie nach Armenien führt, wo sie eine Bibel restaurieren soll, die sie, klar, nicht einmal lesen kann. Das vermittelnde Element stellt die Parallelerzählung in der Vergangenheit dar, eine Fluchtgeschichte zweier Geschwister, Anahit und Hrant, eingeführt und an Helens Geschichte geknüpft durch eine handschriftliche Notiz in der bearbeiteten Bibel:

"Hrant will nicht aufwachen."

Der Romanleser bekommt entlegenes Bildungsgut geboten, bekommt dieses psychologisch in der Ichperspektive der Erzählerin eingebettet, bekommt weiters Geschichtliches plastisch vor Augen geführt, und alles das in einem Buch, das sich an einem längeren Nachmittag durchlesen lässt, weil es kaum Überflüssiges enthält. Was Klappe und Marketing versprechen, hält der Text. Wie gesagt: alles untadelig. Aber warum genau "Hier sind Löwen" für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert ist, erschließt sich mir nicht.

Also: Schon, aber nur zur Hälfte. Denn gerade von ungefähr dieser Länge, gerade in dieser wohlerprobten, eingespielten Wiese komponiert, von gerade dieser Prosa pflegen die Neuerscheinungen der besseren deutschen Verlage im Romansegment derzeit eben zu sein. Sie sind natürlich zunächst einmal Produkte ihrer Autor*innen, denen freilich die bestmöglichen Arbeitsbedingungen zu wünschen sind; aber sie sind zugleich auch erkennbar die Produkte dieser Arbeitsbedingungen, welche punktgenau auf das Hervorbringen eines sehr eng definierten High-End-Produktes ausgerichtet erscheinen1, also: Produkte eines sehr spezifischen Filtersystems aus Agentur- und dann nochmal Verlagslektoraten, aus den Anreizen zu institutionellen Kooperationen im Graubereich der akademischen, diplomatischen, wirtschaftlichen und verlegerischen Vorfeld-Gremien, und aus der vermeintlichen Notwendigkeit, "Vermarktbares" zu produzieren.

Denn die Schnittmenge von "spürbar origineller, künstlerisch nicht völlig erstarrter Literatur" und "vermarktbar", sie sieht eben genauso aus wie "Hier sind Löwen", bis auf die vierte Stelle hinter dem Komma. Ich erkenne also sofort auf der ersten Seite das Strickmuster – das ja tatsächlich keines ist, sondern wirklich und ehrlich den Erfordernissen des Materials entspringt, das Poladjan organisiert – und so sicher, wie ich in Hollywoodfilmen weiß, dass der erste Wendepunkt nach 20 Minuten kommt und der point of no return um die Zweidrittelmarke rum, so sicher weiß ich jedes Mal, wenn ich aufs Geratewohl eine Seite aufschlage, was mich erwarten wird.

Wie oben angedeutet: ich übe diese doch recht harsche Kritik, obwohl mir das Buch, als Lektüre, von der ersten bis zur letzten Seite gefallen hat und ich es für eine respektable Leistung seiner Verfasserin halte. Aber unübersehbar ist die Verknüpfung von Heimat, Identität, Religion; gar zu penetrant lugt von unter der Oberfläche dieser Textwelt die Gegenüberstellung vom "überzivilisierten", "sinnentleerten" Westen und der "einfachen", "natürlichen" und von traditionellen Geschlechterrollen und -zwängen explizit geprägten "Urheimat" der Protagonistin;  noch zu schweigen von der ganz unproblematisch-ungezwungenen Benutzung des Worts "Volk" – wiederum: ganz im Sinne der Organisation des wirklich, glaubhaft, gerade so von Poldajan vorgefundenen und organisierten Stoffes …

"Hier sind Löwen" – als wohlkomponierter Text, und als Ergebnis der ganz konkreten Recherchen seiner Verfasserin – kann nichts dafür, aber "Hier sind Löwen" – als buchpreisnominierter Roman und Vertreter eines Typus – stellt Zurüstung zu zeitgenössischen identitären Heimatdiskursen in Deutschland dar; gerade weit genug hinter den unmittelbaren Alltagshorizont der Leser*innen der FAS projiziert, dass es nicht sofort auffällt.

  • 1. und zwar, wie ich denke, erkennbar stärker, als das mit anderen Kräftefeldern der Literaturgeschichte der Fall ist/war
Katerina Poladjan
Hier sind Löwen
S. Fischer
2019 · 288 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-10-397381-5

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