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Kritik

Trotzdem schreiben

Hamburg

Was ist heute, was war einst gute Literatur und wer entscheidet darüber? Was ist lesenwert, welche Bücher werden von wem warum empfohlen? Und was sind bzw. waren die Kriterien für Anerkennung, Preise, die Aufnahme gar in einen literarischen Kanon? Die 1985 geborene Literaturbloggerin (Kulturgeschwätz) Katharina Herrmann, die als Lehrerin an einem Gymnasium tätig ist, gibt im Vorwort einen knappen Einblick in ihre literarische Sozialisation:

Als Schülerin nahm ich an, es hätte vor 1900 neben Annette von Droste-Hülshoff praktisch keine Schriftstellerinnen gegeben ... Ich nahm es einfach hin. Deutschland war eben ein Land der Dichter und Denker.

Erst während ihres Germanistikstudiums habe sie erkannt, dass Deutschland „immer auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen“ gewesen sei.

Sie sind nur irgendwann aus der Literaturgeschichte verschwunden, ...

Nun legt sie 20 Porträts mehr und weniger bekannter „Dichterinnen und Denkerinnen“ der letzten knapp 300 Jahre vor, Autorinnen, die sie nach dem Jahr ihrer Geburt chronologisch ordnet, beginnend mit Luise Adelgunde Victorie Gottsched (1713-1762) und endend mit Mascha Kaléko (1907-1975), der jüngsten Schriftstellerin dieser Auswahl. Kleine biografische Skizzen sind es, die durch Zitate aus Briefen und Gedichten sowie Auszügen aus Romanen bereichert werden, eine „Geschichte des Lebens und Schreibens von Autorinnen in Deutschland“ erzählen und Einblicke in das Umfeld dieses Schreibens geben. Herrmanns gut recherchierte Texte kreisen um das Trotzdem. Denn Frauen haben schon immer geschrieben, gegen alle Widerstände, obwohl sie als Menschen zweiter Klasse erachtet wurden, ihnen persönliche Rechte vorenthalten und Bildungsmöglichkeiten eingeschränkt wurden. Sie hatten ihre Daseinsberechtigung allein als Ehefrau und Mutter und keinen eigenständigen Platz in der Öffentlichkeit einzunehmen. Männer entschieden, ob ihre Tochter, ihre Gattin schreiben und ob sie publizieren durfte, nur manche traten gegen gesellschaftliche Konventionen auf, ermunterten Frauen sogar zur Fortsetzung ihres Schreibens und zur Veröffentlichung ihrer Werke, halfen dabei. Gemeinhin war man der Ansicht, nur Männer könnten Kunst erschaffen, während Frauen sich schreibend bloß beschäftigten, um sich nicht zu langweilen. Ihnen wurde allenfalls das Fach der leichten Unterhaltung oder der moralischen Ertüchtigung zugewiesen, ihr Schreiben „über den Nutzen, den dieses Buch ... haben würde, legitimiert“. Beispielhaft dafür ist etwa Sophie von La Roches erster, multiperspektivisch erzählter Roman „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“, für das ihr Vetter, der Schriftsteller Christoph Martin Wieland, ein Vorwort verfasste, mit dem er zugleich „der zu erwartenden Kritik an der Autorschaft einer Frau“ vorbeugen wollte.

Er wies darauf hin, dass der Text Mängel und Fehler aufweise, und wandte gegen eine zu strenge Beurteilung durch die (ausschließlich von Männern verfasste) Literaturkritik ein, dass die Autorin bescheiden und rechtschaffen sei, keineswegs daran gedacht habe, „für die Welt zu schreiben, oder ein Werk der Kunst hervorzubringen“, dass ihr Roman aber gerade für Frauen nützlich sein könne, weil sie am Vorbild der Protagonistin moralisch richtiges, einer Frau angemessenes Verhalten erlernen könnten.

Es sind Frauen aus begüterten, oft adeligen Familien, die sich im 18. und 19. Jahrhundert gelegentlich dem Luxus des Schreibens widmen konnten, nach ihren „Aufgaben als Ehefrau, Hofdame, und Gesellschafterin adeliger Kreise“ und der Geburt von acht Kindern wie Sophie von La Roche. Neben der schon erwähnten Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) hat Herrmann aus dieser Zeit noch andere bekannte Autorinnen in ihre Auswahl aufgenommen wie Johanna Schopenhauer (1766-1838), Rahel Varnhagen (1771-1833) und Karoline von Günderrode (1780-1806), während etwa eine Caroline Auguste Fischer (1764-1842), „die in ihrer Zeit durchaus erfolgreich war“ und in ihren Texten, etwa dem 1802 veröffentlichten, ebenfalls multiperspektivisch erzählten Roman „Die Honigmonathe“, vor allem Frauenfiguren entwarf, „die stark vom Weiblichkeitsideal der Zeit abwichen, ja ihm völlig entgegengesetzt waren“, heute vergessen ist.

Die jüngeren Autorinnen des Buchs, die ab etwa Mitte des 18. Jahrhunderts geboren wurden, sind alle heute noch bekannte Schriftstellerinnen, „deren Wirken bis in die jüngere Vergangenheit der DDR und BDR hineinreicht“ und deren Leben und Werk von Brüchen wie dem 1. und 2. Weltkrieg geprägt wurde, etwa Vicki Baum (1888-1960), Nelly Sachs (1891-1970), Gertrud Kolmar (1894-1943), Anna Seghers (1900-1983) und Marieluise Fleißer (1901-1974). Schreiben ist nun nichts mehr, was nur höheren Kreisen und begüterten Menschen vorbehalten bleibt. Schreibende Frauen profitieren zudem von den Errungenschaften der ersten Welle der Frauenbewegung. Rollenmuster und gesellschaftliche Erwartungshaltungen sind jedoch zäh, Haushalt und Obsorge schränken das Schaffen von Schriftstellerinnen ein, wie etwa Mascha Kaléko 1961 in einem Brief über ihre Lebensumstände klagt:

Der Alltag raubt mir Zeit und Kraft. ...  jetzt muss ich wieder immerzu kochen und haushalten, ich schrieb schon mal darüber, wie schlimm es um uns schaffende Frauen bestellt sei, einfach weil wir keine „Frau“ haben, die kocht und tippt.

In ihrem bekannten ironischen Gedicht „Die Frau in der Kultur“ heißt es dazu u.a.:

Nun: Wagner hatte seine Cosima
und Heine seine Mathilde.

...

Wenn Siegfried seine Lanze zog,
Don Carlos seinen Degen,
erging nur selten an ihn der Ruf,
den Säugling trockenzulegen.

Herrmann gelingt in ihrem leicht lesbaren Buch anhand der 20 Porträts ein Einblick in die Kulturgeschichte weiblichen Schreibens der drei letzten Jahrhunderte. Sie spürt Gemeinsamkeiten nach, zieht Verbindungsfäden und macht Lust, die eine oder andere Autorin (wieder) für sich zu entdecken. Dass Marie von Ebner-Eschenbach allerdings in ein Buch über „Autorinnen in Deutschland“ gerutscht ist, erstaunt ein wenig, denn sie ist eine österreichische Schriftstellerin. Aber es ist wohl ein kleinlicher Einwand gegen ein Buch, das starke, fortschrittliche Frauen in den Mittelpunkt rückt, die sich das Recht auf das eigene Schreiben wider aller Umstände nahmen. Stimmig illustriert werden die einzelnen Kapitel durch farbige Porträts der Künstlerin Tanja Kischel, die sich dabei auf vorhandene Ölbilder , Fotografien und die eigene Phantasie stützte.

 

Anmerkung: Wie es im 21. Jahrhundert zum Beispiel um die Vereinbarkeit von Autor*innenschaft und Elternschaft steht, kann u.a. im Blog other-writers need to concentrate nachgelesen werden.

Katharina Herrmann
Dichterinnen & Denkerinnen / Frauen, die trotzdem geschrieben haben
Mit Illustrationen von Tanja Kischel
Reclam
2020 · 237 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-15-011243-4

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