Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Ein Juwel im einsetzenden Unwetter

Hamburg

In der Nummer 80 der edit findet sich eine Perle, Raritäten, viele gute Kurzmomente und ansonsten recht viel Durchschnitt. Mit dem Beititel jetzt stehen wir alle hier im plural und zeitgenössischer Gestaltung will man einen Schnitt im Geschehen machen, einen Tag im „Anthropozän“ multiperspektivisch umreißen.

Der See gleicht einem Kessel voll Quecksilber. Die Wasseroberfläche ist undurchsichtig und die dichten Wolken hängen tief und bedrohlich vom Himmel herab, so tief, als steckten die Baumkronen im Firmament fest. Sieht nicht gut aus, sage ich.

Es geht los mit einem Beitrag von Jonas M. Mölzer namens Häutungen. Ein etwas unentschlossen zwischen Essay (-versuch) und Erzählung angesiedelter Text, der die medial induzierten Beschleunigungen, mithin Beschädigungen, sowohl fassen (alles im Kopf des erzählenden Ichs), als auch seinen eigenen Erzähltod, das Versiegen des Erzählstroms, thematisieren will. Dabei genau in seine eigenen klischeetierten Postulate tappt: Was als „Haut -> Häutung“ bezeichnet wird, die eigene existenzielle Überwucherung durch globale Vereinfachung bis zur Erstarrung, ist Konstituens der Prosa mitsamt ihrem billigen The Endfick. Nicht die Kritik an den Zuständen ist Bewegungsmotiv der Erzählung, diese Erzählung (in geliehenen Formeln, siehe beigehängter Anmerkungsapparat) gibt es, weil sie der kritisierten Zustände bester Kunde ist. Mehr Mut, die eigene Kehle zu gebrauchen, darf hier postuliert werden, anstelle spekulativer Reproduktion.

Eigenständiger operiert Can Xues Beitrag Staub über denselben, der ausruft: „Wir sind Blumen! Wir sind Blumen!“ Eine aufgeweckte Fabelparabel über Phänomene.

Haben Sie schon einmal einen Tornado gesehen? Das ist so eine typische Gestalt unserer willkürlichen Zusammenschlüsse. Ganz schön furchteinflößend, nicht wahr? An Tagen, an denen wir zum Tornado werden, sind wir alle sehr aufgeregt – und sehr verängstigt.

Falk Messerschmidts Artwork liefert ebenso schöne wie kluge digitale Bildinterventionen, die auf den ersten Blick sitzen. Reduziert, fokussiert. Die Lyrik von Johannes Koch hingegen geht in die Richtung von Mölzer, wenngleich etwas utopischer formuliert.

betrachten arm in arm die explosionen
etablieren neue arten der erregung
im gespräch. du ziehst mit deinem finger
serpentinen nach sagst lass uns runter gehen
ja sag ich sofort noch kurz.

Ein Blick auf die „bänker“, mit einer Vorliebe für anglotouchy Sprache, bei der man nicht genau spürt, ob sie kritisch oder partizipierend sein will, falls letzteres, wovon gerne Teil sein möchte?

                                               [...] hier pulen
politiker verängstigt am rostigen lack
von laternen oder kauern in gebüschen
am straßenrand. kommt heraus. wir
sind euch nicht mehr böse. geht nach
hause geht ins bett. diese welt hat euch
bereits vergessen.

Es folgt der gewichtige Teil der 80, Daniel Falbs in Teilen sehr starker, aufrüttelnder Essay Poetik für Anthropozän Institutionen. Neben den schon bekannten Falbschen Sprachfakten, nebst Schaukästen, die zwischen bitter und ironisch treiben, zur Debatte „Anthropozän“, zu Beginn verkürzt, gleichwohl frappant wiedergegeben aus seiner langjährigen Beschäftigungspraxis (Verlagshaus Berlin, Merve etc.), geht es um das Einbringen von Selbstreflexion, wie auch -produktion ins Schreiben (von Gedichten) derer von Leipzigs & Co. Und zwar als ein poetologischer Vorschlag, mit dem PoemPhoneTM, das alles kann, recherchierend wie konstruierend. Prinzipiell fordert Falb einen Realitätscheck im globalen Heute. Das ist gut, das ist richtig. Das Problem ist, dass hier wiederum der Kunst ein Muss vorgesetzt wird, der Vorschlag Falbs passt vor allem gut auf seine eigenen Gedichte, und dieses Trademark-FON ist die rührende Umschreibung in heutiger Herrschaftssprache des poetokreativen Apparats, auch mal Seh-Maschine u.a. genannt, in jedem schreibenden Blick vor dem Setzen des ersten Worts. Der manchmal cool-apodiktische Text, der alternative Praxen wie Lütfiye Güzel gekonnt ausklammert, ist im Kern allerdings auch erneuter Aufruf, dem es an datengestützter Vehemenz nicht fehlt, zur Politisierung des Schreibens / des Spiels. Also nicht über Politik schreiben, sondern als Politik schreiben, mit allen zu Verfügung stehenden synchronisierten Maximen von heute. Wider Geoapartheid als Machtpolitik (zum Beispiel), im Wissen um die eigene Spur, den Stratum-Beitrag des eigenen Smogs:

Poetische Institutionskritik verwandelt literarische Praxis in ein Testcamp für das Leben in der völligen Transparenz materieller und ökologischer Betrachtungen, für eine Transparenz, die das Leben im Anthropozän nicht nur für die Literatur, und nicht einmal nur für die globale Ökonomie, sondern noch für die Biosphäre und das Erdsystem selbst, als der Arena von Geomacht, von uns einfordert.

Oder in den Worten der eda. zitierten Andrea Fraser: „Otherwise it’s just about pointing fingers and it becomes really kind of escapism.“

Maurice Carlos Ruffin schreibt mit Die andern lieben dich immer eine eigenartiger French Quarter New Orleans Story, in betont salopper Übertragung von Ina Pfitzner, die, kaum drin, sofort wieder abblendet. Von Dmitrij Gawrisch kommt ein Theatertext Wird schon werden, der bitter und distanziert Mythen, erdhistorische, aneinanderknallt. „Kalte Daten setzen sie an die Stelle der wärmenden Worte“ sagen die Lernenden vs die Erzählerin vs der Erfinder vs die Erzogenen vs die Erfahrenste vs das Vorbild.

Der Glühwurm zeigt, wie nah der Morgen ist.

Steffen Popps Rede zur Verleihung des Essaypreises Könnte poetisch werden schlägt eine ontologische Brücke zwischen zeitgenössischem Essay und Schreibkunst. Auf der Suche nach Werkzeugen (oder FONs) für eine poetische Auseinandersetzung mit einem Thema, mobil und geistwerklich, ein exploratives Schreiben als Bewegung. Ein netter Text.

[...] eine solche Engführung von Denken und Stil im Dienste des Eigensinns – ohne dass ein „Ich“ darin vorkäme im Übrigen, Eigensinn prägt sich Texten auch ohne grammatikalischen Selbstbezug, ohne den Auftritt einer Autorenpersona ein.

Farblich gelungene Collagen / Montagen von Jochen Mühlenbrink hängen sich an, darauf ein geheimnisvoller Text von Maria Jansen Supernova, der das Mädchen Nova, in eine Reihe mit dem erahnbaren Universen-Phänomen stellt.

Die Straße hat keine Markierungen und nach wenigen Kilometern durch den Wald hört der Asphalt einfach auf und übrig bleibt ein Schotterweg, der alle herumliegenden Gegenstände zum Tanzen bringt.
Der Sommer vibrierte unter ihren Fingerkuppen.

Schließlich mit Zora Neale Hurstons Mein schwarzes Ich aus dem Jahre 1928 der herausragende Text der Ausgabe. Sehr achtsam, fürsorglich übersetzt von Miryam Schellbach und Mounira Zennia ist dies der einzige Text in der 80, der in einem Falbschen Sinne (s.o.) im Herzen engagiert, fingerlos, Politische Literatur (in Zeiten und Befindlichkeit vor dem Begriff „Anthropozän“) betreibt.

Die vordere Veranda [...] mir war sie so lieb wie ein Logenplatz [...] Für gewöhnlich sprach ich mit ihnen [den Schauspielern], während sie vorübergingen. Ich winkte ihnen und wenn sie meinen Gruß erwiderten, sagte ich so etwas wie: „Howdy-mach-es-gut-ich-dank-dir-auch-wo-geht’s-denn-hin?“ Üblicherweise wurden die Autos oder Pferde dann angehalten und nach einem etwas eigenartigen Austausch von Komplimenten, ging ich vielleicht ein „piece of the way“ mit ihnen, so wie man es hier im hinteren Florida sagt.

Sehr gelungen ist die Schilderung der sprachlichen Bilder beim Hören eines Jazz (-Orchesters):

Es schnürt dir den Brustkorb zu und spaltet das Herz mit seiner Geschwindigkeit und seiner narkotischen Harmonie. Dieses Orchester wächst ungestüm, stellt sich auf seine Hinterbeine [...] Langsam, mit dem letzten Ton, krieche ich zurück in die Fassade, die wir Zivilisation nennen, und finde den weißen Freund vor, bewegungslos auf seinem Platz sitzend, gefasst eine Zigarette rauchend.
„Gute Musik haben sie hier“, bemerkt er, während er mit den Fingerspitzen auf dem Tisch trommelt.

Die 80 beschließen gewollt trashige Bilder einer Clayperformance Anni Puolakkas.

Kathrin Jira (Hg.) · Clara Sondermann (Hg.) · Edda Reimann (Hg.)
Edit 80 | Papier für neue Texte
Edit e.V.
2020 · 128 Seiten · 9,00 Euro

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