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Kritik

chronisches echogramm

Hamburg

Kathrin Schmidt hat mehrere Romane und Erzählungen veröffentlicht. Begonnen hat sie jedoch als Lyrikerin und bereits 1982 ihren ersten Gedichtband publiziert. Acht Jahre nach dem Erscheinen ihres letzten Lyrikbandes „blinde bienen“ (2010) legt sie nun ihre siebente poetische Sammlung vor.

In einem Interview, das 2009 im Literaturmagazin „poet nr.5“ abgedruckt ist und im Internet nachgelesen werden kann, sprach sie davon, dass sie einst „die Wörter vom Baum pflücken konnte“. Zu diesem Selbstverständnis einer Wortpflückerin findet sie auch im aktuellen Buch zurück, wenn sie erzählt, dass ihr „biographisches obst an den bäumen“ hängt. Man könnte diesen Band mit „Resümee und Ausblick“ untertiteln: Da steht das lyrische Ich quasi auf einem Hügel, vielleicht an einem sonnigen Tag im eigenen Garten, umgeben von Obstbäumen, an denen Teile ihrer Biografie wie Früchte hängen. Manche sind vollreif, etliche verfault, ein paar wurmstichig, andere klein und verhutzelt. Wespen und Fliegen flirren umher. Die ersten Blätter färben sich, einige liegen im Gras, haben braune Flecken, eingerollte Ränder. Sie rascheln, wenn sich das Ich einem Baum nähert, behutsam nach der einen oder anderen Frucht greift, sie eingehend betrachtet, in einen Korb legt. Und wenn das Ich die Augen hebt, kann es durch Schneisen zwischen den Bäumen in die Ferne sehen, erinnert die Verletzung von Grenzen, nimmt Weltverwerfungen wahr. Es hält inne, nimmt sich Zeit und sieht einer neuen Frucht beim Wachsen und Reifen zu.

Grundton dieser Betrachtungen ist oft Melancholie, die vom Altern und von den Blessuren des Lebens erzählt, manchmal ins depressiv Gestimmte gleitet und eine Endzeitstimmung der mittlerweile 60-jährigen Lyrikerin, die auch in ihren neuesten Gedichten der konsequenten Kleinschreibung treu bleibt, transportiert.

dann ... kann ich endlich verschwinden. // und nehme den leib mit, der mich vor sechzig jahren / seinerseits auszumachen begann. zunächst noch im leib meiner / schwangeren mutter, später im deutschen freien. ferien / vom leben sind endlos. welch grund zum jubel.

Das erste Gedicht „verfallen“ spielt mit der zweifachen Bedeutung des Titels, wenn ein Garten mit Mohn und einem Enkel eingeführt wird. Doch es ist nichts darin, dem man verfallen könnte, denn der Garten ist unruhig, der Mohn geschnitten, die Widerborsten der Kletten warten auf das Haar des Enkels oder der Großmutter. Vom ins Gras Fallen ist die Rede, einer Falle aus Zündschnüren, von Schuldigkeit, einer Verpflichtung zum Ausharren, während schon der Herbst naht. In späteren Gedichten taucht „mein altgewordener uterus“ auf, wir lesen von häufiger „migräne“, „vergänglichkeitsknochen“, die schmerzen, oder vom „hautmeer“, das wellen schlägt.

so ist sie noch nie gekommen, / die trauer. geht auf und ab in der wohnung, / ... ihr abschneidezirkus /  / fällt auf die nerven, immerzu schwingt sie das messer

Im Gedicht „freitagsschwarz“ hingegen begegnen wir dem früheren „backfisch“ und der Erkenntnis

das mädchen in mir kann nicht raus / aus der alt gewordenen haut

Dieses heutige Ich ist ein „fisch mit geschundenem riemen über den kiemen“ und sehnt sich nach dem Ende. Ich fühlte mich wiederholt an das englische „I feel blue“ erinnert oder die Redewendung „I’ve got the blues“ – wobei es lohnenswert wäre, dem poetischen Schillern der Wörter und ihrer vielfachen Bedeutungsebenen in den Gedichten Kathrin Schmidts nicht nur dieses Bands eingehender nachzuforschen, als es in einer Rezension möglich ist, etwa der Farbe Blau, die schon in „blinde bienen“ in Verbindungen wie „einsam und blau“, „blaustichig“ und etlichen anderen auftaucht und sich da wie dort jeder eindeutigen Zuschreibung und Erklärung entzieht. Im 4. Gedicht des sechsteiligen Zyklus „kleistkubus, klandestin“, der 2011 mit dem Preis der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt in der Sparte Lyrik ausgezeichnet wurde, heißt es

ist ein frauenverstand eine pulversubstanz ... lückenfüllendes blau, das ausmehlt ...?

und es wird nicht falsch sein, dies als Statement einer Feministin zu begreifen, die u.a. die zugeschriebene Frauenrolle einer (familiären) Friedens- und Harmoniespenderin in Frage stellt. Im letzten Gedicht des Buchs „amazonian amazon“ hingegen erinnert die Farbe Blau eher an jene Blaue Blume der Romantik:

und dennoch klagt die amazone in mir / offene grenzen ein. spricht’s / und legt die weibliche endung beiseite. / ich schaue dem e hinterher, meinem / blauen, so blauen begehr.

In diesem letzten Gedicht wird das zweite Thema des Buchs noch einmal aufgegriffen, nämlich die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Verwerfungen, hier die Griechenlandkrise, Differenzen der westlichen Welt, und sogar der aktuelle amerikanische Präsident erscheint hier als „washingtons trumpet“, die wütet. Das Thema Flucht und deren Ursachen hat Schmidt gleich in mehreren Texten verdichtet, am eindrücklichsten im Sonettenkranz „das boot setzt über“, der den Untertitel „(dem Hand- und Kopfwerk des Übersetzens)“ trägt. Auch hier ein Spiel, diesmal mit der Mehrdeutigkeit des Wortes „übersetzen“: jenes der Boote Flüchtender über das Meer, das Ringen um ein Übersetzen der Ereignisse, also die Verwandlung des Geschauten und Gehörten in Sprache und nicht zuletzt Schmidts Weiterübersetzung in das enge Korsett des Sonetts. Sie ist nie distanzierte Beobachterin, sondern mittendrin, positioniert sich, weiß um ihr „europäisches auge“ und setzt sich in Beziehung, lässt dabei Empathie, Gesellschaftskritik, aber auch die eigene Betroffenheit und Ratlosigkeit aufblitzen.

Als drittes Thema taucht das Erinnern auf. Es sind Reisen, die aufgerufen werden, etwa nach Mexiko, Belarus und China, oder ein Aufenthalt im Künstlerhaus Lukas. Einige Gedichte hat die Lyrikerin gewidmet, etwa Elfriede Czurda, Andreas Altmann und Volker Braun, und nähert sich imitierend dem Stil dieser SchiftstellerInnen an. Auch ihre DDR-Vergangenheit findet wiederholt Eingang ins Gedicht.

Kathrin Schmidt stellt uns ihren prall gefüllten Gedichtkorb hin. Darin liegen mehrere Sonette, deren traditionell strenge Form die Lyrikerin mit aktuellen, politischen Inhalten produktiv reibt, neben Gedichten mit freien Rhythmen, Gereimtes neben Ungereimtem, oft in Strophen gegliedert. Schmidt ist eine genaue Beobachterin, die den sorgfältigen Umgang mit Sprache einmahnt und uns an ihrem Ringen um den richtigen Gebrauch der Wörter teilnehmen lässt. Ihr „wortflorett klemmt“ selten, sie ist eine geübte Wort(er)finderin, webt Neologismen ein, etwa „neozoenwörter“, „kürzeldrüse“, immerfeuchtfremdling“ oder „mitleidcrisis“, und findet herrlich schräge Bilder, etwa „geflügelte worte mit pelzbesatz“ oder „ein mann mit froschaugenmaß“. Gern spielt sie mit anderswo gefundenem Material, verwandelt Kinderreime und Sprichwörter sowie bekannte Zeilen aus Liedern und Märchen, verballhornt sie und weiß manchen Funken Humor damit zu erzeugen. Es ist dann allerdings auch schnell der Punkt erreicht, wo es mir zu viel wird. Mag sein, dass ich eine Spaßbremse bin, mag auch sein, dass sich das österreichische Humorverständnis vom deutschen unterscheidet. Doch da wird zuweilen auf eine Art und Weise geulkt und gekalauert, die deutlich zu oft ins allzu Platte abrutscht. Und das wiederum finde ich bei einer solch sprachbewussten Lyrikerin erstaunlich.

Kathrin Schmidt
waschplatz der kühlen dinge
Kiepenheuer & Witsch
2018 · 96 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-462-05091-2

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