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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

… und doch, der Fuchs, er herrscht! *

Hamburg

Diesen Band der Naturkunden-Reihe bei Matthes & Seitz haben wir besonders ungeduldig erwartet; schließlich ist der Fuchs im Lauf der letzten Jahre nicht mehr nur als Bild und Zeichen, sondern auch leibhaftig in den Städten immer sichtbarer geworden. Er spielt eine diskutierte Rolle als literarisches Sujet und wird, wo er nicht bei nächtlichen Spaziergängern Ängste auslöst, mit Abfällen gefüttert, angefahren und fotografiert.

Ein Charakteristikum der Naturkunden-Reihe ist ja, dass wir teilhaben am persönlichen, erkundenden Blick der- oder desjenigen, der da berichtet: Hier geht es nicht nur um Füchse, sondern um die Prozesse der persönlichen Annäherung an sie. Und wir ziehen gemeinsam mit Katrin Schumacher auf Expedition aus.

Natürlich gibt es über Füchse sehr viel zu schreiben, viel mehr als auf 150 Seiten Platz hat, aber eben auch viel mehr, als in einer Annäherung Platz braucht. .___STEADY_PAYWALL___ Wer dem Fuchs folgt, muss sich vorsehen, nicht in Einzelheiten verloren zu gehen.

Katrin Schumacher aber geht nicht nur nicht verloren; sie schafft einen Assoziationsstrom, der wie der Fuchs durch die verschiedenen Aspekte der Fuchsheit und ihren Kollisionen mit der Menschheit streunt (- vielmehr schnürt!).

Dass bei einem solchen Gang einiges unscharf bleibt, ist nicht nur entschuldbar, sondern versteht sich von selbst. Nur an ganz wenigen Stellen kann ein sehr pingeliger Leser stolpern und sich eventuell ein bisschen stoßen, etwa wenn der Physiologus die „älteste überlieferte Naturkunde“ genannt wird. Da murmelt er „Aber das ist doch gar keine Naturkunde… Sollte da nicht eher Plinius…?“ Und später mag er sich nochmal aufhalten an einer Stelle um „Geisha und Prostituierte“, doch vermutlich vor allem, weil ihm selber einst mal gegenüber einer sehr sympathischen Japanerin so eine Beinahe-Gleichsetzung herausgerutscht ist und er sich eine halbe Stunde lang zerknirscht vor deren aufgebracht-ausführlichen Erklärungen gebeugt hat: „Eine Geisha ist KÜNSTLERIN, KEINE Prostituierte!“

Doch selbst einem Pedanten nimmt das nicht die Lust, dem Fuchs auf der Spur zu bleiben. Denn Katrin Schumacher schreibt einen unprätentiösen und genauen Stil, ihre Wortwahl ist präzise und beschenkt uns auch mal mit lange nicht gelesenen Regionalismen („kiebig“!), und immer wieder machen starke, dichte Sätze uns Freude.

Nach einer zoologischen Einführung sitzen wir mit der Autorin neben einer Jägerin auf der Wildkanzel und erhalten („der Wald als Sprachraum“) einige Beispiele aus dem Jägerlatein. Wir staunen, dass die Füchsin (Fähe!) sich den Rüden wählt – noch nicht mal zwingend den stärksten, und dass der Fuchs in einem (selbstverständlich) völlig uneindeutigen Sozialsystem lebt. Nebenbei wird auch der Jagddruck erwähnt, der die Population der Füchse erhöht, anstatt sie zu verringern. Trotzdem sind die Deutschen immer noch Fuchsjagdweltmeister.

Ein Kapitel ist dem Besuch einer Kürschnerei und der Geschichte der Pelz-Mode, eines dem Fuchs in der Mythologie gewidmet (ein Fass ohne Boden: Klaus Mailahn allein hat über den Fuchs in Mythologie und Religion vier Bände geschrieben…), ein anderes seinen Erscheinungen in der Literatur von Äsop über den selten genannten Lichtwer und Reineke Fuchs bis zur Industrialisierung, während der der Fuchs zunehmend verteufelt wurde, bis zum kleinen Prinzen und der Gegenwart, die – oft besprochenes Phänomen – den Fuchs wieder feiert, seine Ambivalenz, seine Grenzgängerhaftigkeit zwischen Natur und Zivilisation, seine Wildheit. Der Fuchs in der Stadt bietet Anlass, über diese neue Nähe nachzudenken.

In den 70er Jahren waren noch Wildkaninchen, Spatzen, und auf dem Land Kiebitze und Feldlerchen omnipräsent, von Insekten hier mal zu schweigen; jetzt kennen Städter den Fuchs.

„Ist nicht die Zeit gekommen, da sich Mensch und Fuchs gemeinsam niederlegen sollten?“ zitiert Schumacher aus Thoreaus Tagebuch. - Sind sie inzwischen womöglich schon dabei?

Gibt es schon ein „neues Misstrauen gegen eindeutige Zuschreibungen“? Sollte sich da ein Verlangen nach Ambiguität anbahnen und – nachdem wir uns 200 Jahre lang der Industrie, Ordnung und Ausbeutung der Welt, ewigem Wachstum und Konsumauftrag gewidmet haben - danach, dem Wilden wieder etwas vertrauter zu werden?

Nicht ausgedachte Gedanken, zu denen Katrin Schumachers kleines, stimulierendes Buch über den Fuchs uns Türen öffnet, ein Buch, dem man (wie der gesamten Naturkunden-Reihe) ein großes Publikum wünscht.

 

*Nach dem Anfang des Renart le bestourné von Rutebeuf: Renars est mors : Renars est vis ! / Renars est ors, Renars est vils : / Et Renars regne!

 

Katrin Schumacher · Judith Schalansky (Hg.)
Füchse / Ein Portrait
Reihe Naturkunden Bd. 60
Matthes & Seitz
2020 · 159 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-855-6

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