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Kritik

Bild trifft Philosophie: Die Emanzipation weiblichen Denkens

Hamburg

 

Zu früh. Zu wütend.
Zu klug. Zu dumm.
Zu ehrlich. Zu versnobbt.
Zu jüdisch. Zu wenig jüdisch.
Zu liebend, zu hassend,
zu männlich, nicht männlich genug.

Im Folgenden wird die Lebensgeschichte
einer Frau namens Hannah Arendt
erzählt. Sie wurde zu einer anderen Zeit
in einer verlorenen Welt
in einem verlorenen Land geboren,
sie war Flüchtling, Philosophin,
Denkerin, ihr Name mag einigen
vertraut sein.

Was voriges Jahr unter dem etwas sperrigen Titel „The Three Escapes of Hannah Arendt. A Tyranny of Truth“ bei Bloomsbury erschien, schafft dieses Jahr passend zur kalten Jahreszeit auch den Weg nach Deutschland – und das als erstes bei dtv erscheinendes Graphic Novel. So kann ein Genre, das beim Nachbarn in Frankreich beispielsweise seit Jahrzehnten großen Anklang findet, vielleicht auch die deutsche Leserschaft erreichen und, wie Cartoonist und Werbe-Kreativdirektor Krimstein in seinem Nachwort als Ziel formuliert, eine breite Öffentlichkeit mit philosophischem Denken vertraut machen.

In einem wilden Strom an Bildern wird in Form einer „biographische[n] Fiktion“ das Leben der politischen Theoretikerin und Philosophin Hannah Arendt von der Kindheit in Königsberg an bis zum Tod 1975 in New York erzählt und nach Sicht des Zeichners und Autors interpretiert. Da sieht man, wie Hannah als dünnes Mädchen die Straßen entlanghüpft und früh für ihre jüdische Kultur angefeindet wird, wie es sie zum Studium nach Marburg und dem beliebten Dozenten Martin Heidegger zieht, wie sie sich der Suche nach der „einen Wahrheit“ verschreibt und ihre Welt mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus immer mehr zerfällt, bis nur noch die gemeinsame Flucht mit ihrer Mutter bleibt.

„Es gibt keine gefährlichen Gedanken; das Denken selbst ist gefährlich.“

Souverän erklärt Ken Krimstein (übersetzt von Hanns Zischler) Arendts geistige und persönliche Entwicklung über die Beziehung zu Intellektuellen wie Walter Benjamin, Claude Levi-Strauss und Marc Chagall , die Ehemänner Günther Stern und Heinrich Blücher, sowie zu Martin Heidegger und die Affäre mit ihm. Noch Jahrzehnte später führt sie, dann beim Verfassen ihrer wichtigsten Werke wie „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ und „Vita activa oder vom tätigen Leben“ in New York, innere Dialoge mit dem deutschen Denker, von dessen Herausstellung des Todes als Ziel jeden Lebens sie sich nach und nach befreit. Sie findet neue Bezeichnungen zur Erklärung der Gegenwart und der Schrecken des „Totalitarismus“, der ihrer Deutung nach  stets versucht, die „Natalität“ und „Pluralität“ menschlichen Lebens zu negieren. Als Stärke kann man es werten, dass Krimstein in seinem Graphic Novel nicht auf einen Lebensabschnitt aus Arendts Leben fokussiert, sondern ihre Biographie als lange Emanzipationsgeschichte weiblichen Denkens erzählt, als Loskommen auch von der „tyranny of truth“. So gibt es in Arendts reifem Denken nicht nur die „eine“ Wahrheit wie Heidegger sie predigte, sondern so viele Lebenserklärungen, wie es Menschen gibt: „Die Wahrheit gibt es nicht - nur Wahrheiten.“

„DER NICHT ENDEN WOLLENDE SCHLAMASSEL ECHTER MENSCHLICHER  FREIHEIT.“

Faszinierend, wie Krimstein den Studierendenkreis an der Marburger Universität, das New York der Nachkriegszeit oder den Jerusalemer Gerichtssaal beim Eichmann-Prozess in seinen Bildern wiederaufleben lässt und doch stets mit der Aufmerksamkeit bei Hannah Arendt im grünen Kleid bleibt, die er kaum merklich von der dünnen Frau mit den lockigen Haaren zur kurzhaarigen Theoretikerin von Renommee altern lässt. Zeichnerische Entgleisungen in die Manga-Richtung sind nur äußerst selten. Vielmehr gelingt es ihm, dem Leser durch den Graphic Novel das bewegte Leben Arendts mitsamt ihrer Fluchten (von Deutschland über Tschechien nach Paris, aus dem Fraueninternierungslager Gurs nach Marseille, über Portugal schließlich in die USA) und „drei Leben“ als Liebende, Denkerin und Tätige miterleben zu lassen. Der Band positioniert sich klar auf der Seite Hannah Arendts und schafft es gleichzeitig, das philosophische Interesse der Rezipient*innen anzustoßen. In den USA wurde „Die drei Leben der Hannah Arendt” dafür von Forbes und The Comics Journal als eines der besten Graphic Novels von 2018 ausgewählt; beim National Jewish Book Award ging er als Finalist ins Rennen.

„Ich lebe ab jetzt drei Leben gleichzeitig: Lieben, Handeln, Denken.“

Ein absolut lesenswerter Graphic Novel über das geländerlose Denken einer der wichtigsten Philosophinnen der Moderne, die sich in ihren Betrachtungen mit aller Kraft von den „Scheinwahrheiten vorgefasster Begriffe und Widersprüche“ zu lösen versucht.

Auf der Seite des Verlags ist eine Leseprobe der ersten 20 Seiten des Bandes einzusehen.

Ken Krimstein
Die drei Leben der Hannah Arendt
Illustriert von Ken Krimstein. Aus dem amerikanischen Englisch von Hanns Zischler
dtv
2019 · 244 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-423-28208-6

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