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Kritik

Es wäre so schön, wenn du mir nur einen Satz sagen könntest und ich würde ihn wiederholen

Hamburg

Das sogenannte uncreative writing ist ein mittlerweile beinahe häufig gewordener Terminus, den Kenneth Goldsmith etwa 2011 eingeführt hat. In seiner gleichnamigen Schrift aus eben jenem Jahr, nun auf Deutsch vorgelegt, führt er in verschiedenen Essays, die unabhängig voneinander stehen, aus, was sich dahinter verbirgt. Lebendig übertragen von Swantje Lichtenstein und Hannes Bajohr, in ansprechender Gestaltung bei Matthes und Seitz, folgt man einer zwischen Poetik, Manifest oder Philosophie des Schreibens schwankenden, überraschenden Sichtweise auf Text-/ Literaturproduktion. Der im Prinzip eher marktlustig benannte Terminus uncreative writing funktioniert hauptsächlich auf dem Feld derjenigen gut, denen der Antipol creative writing auch etwas sagt. Aus Autorenperspektive wäre der Einfluss der sogenannten Kreativität beim Schreiben aus vielerlei Gründen allerdings wohl eher schwammig bis indifferent zu nennen.

Unkreatives Schreiben – die Kunst, Informationen zu managen und sie als Literatur darzustellen.

[...] Ich wollte versuchen, ein literarisches Werk mit dem kleinstmöglichen Eingriff von meiner Seite zu erschaffen, indem ich den Text von einer Instanz in eine andere übertrug.

Goldsmith bemüht kenntnisreich alle möglichen Poetiken und Kunstbegriffe der Vergangenheit, um zu erklären, warum uncreative writing im Zeitalter der Elektronik die "Zukunft des Schreibens" darstelle. Beziehungsweise wie eine Erweiterung oder der nächste logische Schritt in der Literatur sein müsste (analog der Bildenden Kunst, die, in Rekurs auf die damals aufkommende Fotografie, sich in einen Zustand der "permanenten Avantgarde" habe begeben können). Doch an das in dem Buch erklärte radikale Ziel, dass Maschinen für Maschinen Texte (Literatur) produzieren müssten (analog Warhols Traum), reicht kein einziges seiner Beispiele heran. Denn alle von ihm zitierten uncreative writer, das sind natürlich nicht nur Internet-Parser, Reblogger, -Mixer, -Tweeter und wie sie heißen mögen, sondern auch Leibnitz, Jonathan Swift, auch Boswell mit den "unkreativen" Notaten und Listen dessen, was der Doktor Johnson den lieben langen Tag XY vertilgt hat, sowie Gertrude Stein, Oulipo, Simon Morris, L=A=N=G=U=A=G=E und selbstverständlich er selbst (Kenneth Goldsmith), bleiben schließlich Autoren (Menschen). Und alle konzeptuellen Ideen, die dort in die sogenannte unkreative Textproduktion einfließen, durch Textrecycling oder Maschinenauswurf erworben, bleiben am Ende unter Aufsicht eines menschlichen (und damit per se kreativen) Aktes. Es spielt keine Rolle, ob hier Kreativität quantifizierbar ist oder nicht, das Endprodukt versteht sich als Kunstwerk und damit "Kreation", ob Goldsmith will oder nicht. Insofern haben wir es bei dieser Poetik eher mit einer Aufforderung zu tun, u.a. die Möglichkeiten der aktuellen Vernetzung stärker zu benutzen, um vorgefundene Texte erneut zu verwenden und ready-made artig neu zu präsentieren. Den Druck eines ewig Neuen zu bekämpfen und neue Körperlichkeitswelten im (Ab-)Schreiben zu entdecken. Dass das auch provokativ verstanden sein will, indem geistiges Eigentum anderer Autoren oder Urheber verwendet sein darf, ist ein anderes Thema.

Zusammenfassend und grundsätzlich meint uncreative writing nicht, unkreativ zu sein beim Schreiben, indem man keine Idee hat und nichts tut, sondern das stehende Textpotential der Umwelt als solches, wie bei einem Spaziergang, zu nutzen und situationistisch, d.h. mit Idee, zu verfremden. Das heißt wiederum nichts anderes, als Konzeptkunst auf das Medium der Sprache anzuwenden – So wie John Cage Konzeptkünstler im Medium der Komposition und Andy Warhol im Medium der Reproduktionskunst, beide von Goldsmith in beinahe jedem Beitrag fast fetischhaft angeführt. Goldsmith als der erste und vielleicht einzige wirkliche uncreative writer unter jenem Terminus legt dar, warum er selbst als Duchamp der Textwelt gelten könnte. Er hat ein schönes, markthaftes Wort für sein Konzept/ Lehrfach gefunden. Und sein "klassischer" Buchtext jedenfalls liest sich gut. Fließend, witzig und gebildet. Mit obskuren Beispielen, wunderschönen Listen und auch ein bisschen bashing eher traditionell-kreativer Kollegentexte. Das Ergebnis ist lesenswerte Theorie über eine Position, die als solche einiges zu kanalisieren vermeint, aber, falls sie als ein neues radikales Manifest gelesen sein will, nicht grundsätzlich etwas Neues einbringt, sondern vielmehr einfach eine (bis vor kurzem seltene) Transferleistung im Bereich der Literatur forciert. Das heißt mithin, es handelt sich bei uncreative writing um eine Technik. Und eventuell, im Hinblick auf die Ergebnisse, auch um eine Ästhetik. Goldsmiths Buch ist am besten als ein Selbstportrait mit Quellen zu lesen.

Kenneth Goldsmith
Uncreative Writing. Sprachmanagement im digitalen Zeitalter.
Übersetzung: Hannes Bajohr, Swantje Lichtenstein
Matthes & Seitz
2017 · 351 Seiten · 30,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-252-3

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