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Über die Erzählung „Immortal-Dead Soon III, Maniac 1.000.000 Eigenfikkung“ von Berliner Autor und Künstler Kevin Kemter.
Hamburg

Macht das, was ich tue Sinn? Wer darauf eine friedliche Antwort will, wird mit der Erzählung „Immortal Dead Soon III, 1.000.000 Maniac Eigenfikkung”, die im September im Korbinian Verlag erschienen ist, nicht glücklich. Die anderen können von Autor und Künstler Kevin Kemter lernen, wie der Nahkampf mit den inneren Zweiflern zu führen ist. Denn in dem schmalen Buch geht es auf gleich mehreren Ebenen um den Umgang mit den nervenden Psychos.

Bereits auf der ersten Seite ist von den drei Typen Doubt, Alien-Thought und Borderliner, die Rede, die man zunächst für Konkurrenten aus der Sprayer-Szene, alte Feindschaften aus dem Kiez, oder Künstlerfreunde hält. Es dauert ein wenig, bis durchsickert, dass sie nicht so normal, sondern Vorstellungen des Ich-Erzählers sind. Da hat man sie aber schon als ebenbürtige Protagonisten akzeptiert und macht keinen Unterschied zwischen der äußeren und der inneren Welt des Ichs. Das ist wirkungsvoll, denn diejenigen, die üblicherweise nur für einen selbst sicht- und hörbar sind, weil sie das Hirn und den Körper bewohnen - Zweifel, Angst, das Andere - zählen in Person von Doubt, Alien-Thought und Borderliner zur Außenwelt.

Die Vorstellung ihrer Unabhängigkeit hat insofern was von radikaler Selbstverteidigung, als dass man in der Lage wäre, sie entweder aus zu knocken oder selbst K.O zu gehen – und zwar jeweils physisch und nicht in der abartigen Form des Selbstgesprächs. Wie erholsam auch die Vorstellung, sie würden sich andernorts mit sich selbst beschäftigen. In der Zwischenzeit könnte man sich mit klarem Verstand den wichtigen Dingen widmen: Freunden, Text, Kunst, Alkohol, Musik, Liebe. Kemter lässt seinen Erzähler an diesen Illusionen teilhaben und stellenweise darin aufgehen, nicht ohne ihn mit der ewigen Wiederkehr des Konflikts zu konfrontieren:

„Aber weil: Mein Gehirn ein Verraetergehirn ist und eigenlebt, kann ich ALIEN- THOUGHT manchmal verschyben, aber ny verbannen.“

Zur Leseerfahrung der Erzählung zählt, dass Distanz nur schwer zu halten ist. Die 129 Seiten, von denen viele mit knapp 90 Zeichnungen des Autors gefüllt sind, erzeugen einen Sog, der es schwer macht, einen Überblick zu behalten. Eine inhaltliche Wiedergabe könnte so aussehen: 

Kunstaffiner Adoleszent sucht in Berlin nach seinem Platz in der Welt. Auf seinen Streifzügen durch die Stadt macht er Graffitis, zu Hause am Schreibtisch fertigt er Zeichnungen an und wenn er müde ist, legt er sich ins Bett. Da denkt er über seine Träume, das Leben und die Kunst nach, ohne eine Lösung zu finden. Zusätzlichen Stress macht ihm sein Vater, der ihn zu einer sinnvollen Lebensführung auffordert. Ansonsten raucht und trinkt er viel, was dazu führt, dass er manchmal die Kontrolle über seinen Verstand verliert und anfängt, verrückte Sachen zu sagen und zu machen.

Damit wäre ungefähr beschrieben, was passiert, aber noch nicht, was die Erzählung ausmacht. Wie wenig sie mit einer klassischen Narration zu tun hat, macht Kemter nicht zuletzt auf dem Buchrücken klar. Dort heißt es: “Herzlichen Glückwunsch. Du bist durch. Jetzt: Fang nochmal von vorne an”. Die Verweigerung einer Entwicklungsgeschichte lässt sich auch an weiteren formalen Eigenschaften nachvollziehen. So setzt sich der Text aus einer Vielzahl an Kapiteln zusammen, die so gut wie gar nicht übergeleitet werden. Inhalt und Stil sind so unterschiedlich, dass man das Buch auch quer oder vom Ende her lesen könnte, ohne etwas durcheinander zu bringen. Gemein ist den Kapiteln allerdings, dass sie wie eine Dosis wirken: sinkt die Energie, endet der Text. Zu sprachlichem Druckabfall kommt es dadurch nie. Die Power färbt ab und löst Gedanken wie diese aus: 

Hier bewegt sich einer, der genau weiß, was er will und was er meiden sollte. Der Gradmesser seiner Entscheidungen ist dabei die innere Kraft und nicht der äußerliche Wert einer Sache, Person, oder Situation. Entsprechend undurchsichtig bleiben seine Kategorien. Sie lassen sich von außen kaum nachvollziehen. Klar ist, dass er keine Lust hat, Zeit und Energie für Überflüssiges zu verschwenden.

Nun ist es aber auch nicht so, als wäre das eine herzige Angelegenheit. Weder für den Ich-Erzähler, noch für den Leser, der sich mit ihm identifiziert. Denn so high Zeilen wie diese machen „Und ich weizz, was gut ist und was ich zu tun hab: Deshalb steh ich auf und dreh 91,4 aus und mach mir nazzes Klopapyr mit vyl Wazzer in dy Ohren und lazz meine Ohren mit Wazzer verstopfen: Und es rauscht”, so sehr fucken solche Beschreibungen ab: „Und ich weizz gar nichts mehr. Und ich weizz nicht mehr wo ich stehe. Aber oeffnen geht nicht. Ich oeffne mich nicht. Weil: Jede Oeffnung ist ein Lekk. Und brutale Fremd-Realitaet wuerde in den Bug meines Schlachtschiffes eindringen und alles machen, um es zum Sinken zu bringen.” Beiden Fällen, dem Hoch und dem Tief, scheint ein empfundenes „Genug“ vorauszugehen, das den Erzähler zwingt, sich von seiner Außenwelt abzuspalten. Dass die Gedanken in der Isolation dabei nicht besser, sondern offenkundig nur hysterischer und größenwahnsinniger werden, könnte man sich in der entsprechenden Situation vielleicht in Erinnerung rufen. 

Während einer Lesung des Autors kurz nach Erscheinen des Buches im September verkehrte sich die Begeisterung ins Gegenteil. Ich dachte ungefähr Folgendes: 

Warum ist das so flach? Der Witz, der Biss und die Aggressivität erschöpfen sich in männlichen Attitüden. Klingt wie ein Remake von Stuckrad-Barre, nur, dass hier gesprayt und nicht gekokst wird. 

Die Veranstalter hatten einen Transporter am Rand einer Wiese am Bahnhof Berlin Gesundbrunnen abgestellt, von dessen offener Ladefläche Kemter hinter Sonnenbrille und Cap versteckt vorlas. Weder die Nähe zum Handlungsort noch die Selbstinszenierung des Autors als soft criminal, die eine assoziative Verwandtschaft zum Ich-Erzähler unübersehbar machte, wirkten aufgesetzt. Was allerdings verloren ging, war der Eigenweltcharakter des Textes. Ohne die orthografischen Spleens und die bunten Filzstift-Zeichnungen von Raumschiffen und Monsterwesen vor Augen, klang das Gehörte vertraut. Plötzlich war da eine Nähe zu den pop-literarischen Berlin Ich-Texten, die während des Lesens höchstens am Rand aufgetaucht waren. Um zu verstehen, was Kemters Text von ihnen unterscheidet und auszeichnet, muss er Schwarz auf Weiß, als Print auf Papier, vorliegen. Erst dann wird klar, dass die Dinge, von denen berichtet wird, der Sprache nicht äußerlich, sondern in ihre Zeichen eingegangen sind. Das macht die Sache mit der Distanz so kompliziert. 

Wie der Körper und die Psyche des Erzählers, ist der Text nämlich zerlöchert, kaputt, malträtiert, ja, wie vom Leben gezeichnet. Wenn vom Sprayen und dem Hussle mit den Ordnungshütern erzählt wird, dann auch in Form der maskierten, verstellten Wort- und Satzstrukturen. Wenn vom Vater und seinem Wunsch nach einem geordneten Leben erzählt wird, dann tritt die Gegenwehr in Form der konsequent falschen Grammatik auf. Und wenn der manisch-depressive Erzähler auf seinen Spaziergängen neue Sinnzusammenhänge entdeckt, dann wird das über die konkreten Neuerfindungen von grammatischen und orthographischen Gesetzen zum Gegenstand von Sprache. Durch diese konkrete Bearbeitung der Zeichen schafft Kemter eine schräge, aber irgendwie sehr reale Welt. Ihre formvollendete Kaputtheit repräsentiert zum einen die paradoxen Zuständen einer Stadt wie Berlin, in der alles gut und zugleich am Arsch ist. Und zum anderen lässt sie die Überforderung spürbar werden, ein klares Bild dieser undurchsichtigen Lebensgrundlage zu gewinnen.

Die inneren Zweifler sind ebenso tief in der Sprache verankert. In Person von Doubt, Alien-Thought und Borderliner mögen sie auf der narrativen Ebene eine Rolle spielen, doch ihre größere Wirkung erzielen sie formal. Da landen sie Körpertreffer, verursachen Brüche, Löcher, Loops und das stetig auftauchende “und...und...und”, was den Text in Bewegung hält. Anstatt Angst, Zweifel und Panik zu objektivieren und einen irgendwie geschmeidigen Text über sie zu schreiben, arbeitet Kemter mit ihren Wirkungen. Sie fließen wie Treibstoff durch den Text und lassen die Erzählung abheben:

“Und ich bin nicht mehr in meinem Kontroll-Container, sondern in meinem Cokkpit und flyge ueber meine Endlos-Wuestenflaeche, dy ploetzlich mehr einem trokkenen Salzsee aehnelt, den jeder für lebensfeindlich und unbrauchbar haelt. Und ich sitz in meinem Flugfahrzeug und wyder fahren aus meinem Unterboden rysige Teleskop-Bohrer aus und drehen sich durch die Salzkristall-Erde.” 

Kevin Kemter
IMMORTAL – DEAD SOON III, MANIAC 1.000.000 EIGENFIKKUNG
Korbinian Verlag
2019 · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-9821220-0-7

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