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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

Das Sprechen der Perspektiven

Hamburg

"Wenn man Dingen Namen gibt, geht der Sinn verloren", postuliert der "Schriftsteller" in Tarkowskis dystopischem Fim "Stalker". Der aus Ungarn stammenden Künstlerin Kinga Tóth, in Lyrik wie Prosa, Grafik und Performance sowie mehreren Sprachen gleichermaßen souverän unterwegs, ist vor diesem Prozess, den so viele Kunstschaffende, zumal Schreibende schon erfahren haben, nicht bang, denn sie bezieht sich lieber auf ein anderes Zitat aus dem gleichen Film: "Während ich nach der Wahrheit gesucht habe, habe ich eine andere gefunden." Es steht bei ihr an prominenter Stelle, nämlich nach dem letzten Text auf Seite 103, und fasst noch einmal zusammen, wie sehr es in ihrem neuen Buch um Veränderung von Sichtweisen, vielfältige Perspektivierungen und eine Entwicklung jenseits von teleologischen Vorstellungen geht.

Die "Maislieder" hat Kinga Tóth nicht etwa in ihrer Muttersprache verfasst, sondern direkt auf Deutsch, welches sie als studierte Sprachwissenschaftlerin ausgezeichnet beherrscht (mit einem leichten Akzent, der ihren Leseperformances zusätzlich einen herben Charme verleiht1).

Eine Lyriksammlung, die einen solchen Titel trägt, wäre zunächst vielleicht einmal irgendwie der Abteilung Naturgedichte zuzurechen, legte man es denn auf eine Kategorisierung an. Dies wäre allerdings das erste in einer Reihe von Missverständnissen, die der Leserschaft aus Kinga Tóths neuem Buch entgegenkommen. Die mehr ahnbaren als messerscharf auszumachenden Sujets dieser Texte scheinen aufs erste Anlesen ganz unterschiedliche Schwerpunkte zu haben, die einerseits durchaus in vorgefundener oder von außen veränderter Flora und Fauna, aber auch in Paar-, Gruppen- und Gesellschaftsbeziehungen bestehen, die vielfältige Einlassungen auf das Welt-Erleben der lyrischen Subjekte widerspiegeln.

Das nächste möglich Missverständnis: diese Beziehungen stehen nicht einfach nebeneinander, sondern sind offenbar rhizomatisch miteinander verwoben. Ein Beispiel sei hier aufgeführt: zwischen "lied zehn" und "lied elf" scheinen aufs erste Lesen Welten zu liegen; von der beinah märchenhaft anmutenden "geheimwiese", auf welcher die Protagonisten die Zeit vergessen zu der "rettungsweste" und den Menschen am Strand, die noch "eine sprache zum gespräch" suchen und bei aller Beschaulichkeit der beschriebenen Szene doch unterschwellig an Flucht und Neuankunft, wie die Welt sie täglich erleben muss, denken lassen, ist es ein weiter Weg. Und doch knüpfen diese Texte der Lyrikerin Kinga Tóth mit feinen Assoziationsfäden aneinander an, denn das Land aus dem zehnten Lied, das nur von außen gesehen werden kann ("ich kann es mir vorstellen wenn ich draußen bleibe") erscheint wie die Literatur gewordene Projektion eines Menschen aus Afrika oder dem Orient, der sich eine Ankunft in Europa ausmalt, eine vermeintlich bessere Welt, in welcher ob der reichen Ernten, analog zu den eigenen Erfahrungen "wie minenkugeln / [...] die farmen [explodieren]", wie es dann in "lied zwölf" heißt.

Natürlich kann man diese Gedichte auch vollkommen anders lesen; vieles erscheint zunächst in einem Bedeutungs-Halbdunkel, und es dauert eine Weile, bis sich die Leserschaft nach und nach  Kinga Tóths Sound erliest und dabei bemerkt, dass das semantisch Rätselhafte vieler Wendungen mehr ist als eine surreale Rekonstruktion, dass vielmehr immer wieder Reiz- und Signalwörter auftauchen, die auf ganz konkrete Weise unseren Lebenswelten entnommen sind und diese in einen poetischen Kontext transformieren. So entsteht etwa aus der Aufnahme der Fluchtthematik wie im angeführten Beispiel beschrieben keine abgestandene Betroffenheitslyrik, die mit moralinsaurem Zeigefinger auf unsere Verfehlungen weist; Tóth stellt ihre Leserschaft vielmehr direkt ins Gedicht und lässt sie durch fremde Augen Fremderfahrungen machen - die sich freilich mit den eigenen Erfahrungen reiben oder mischen. So gibt es je nachdem, was gerade opportun erscheint, ein lyrisches Ich, ein Du, ein "wir" (deutlich am häufigsten), ein "sie" oder eine fast nüchtern wirkende Beschreibung von außen, die gänzlich ohne Personalpronomen auskommt.

So wird auch auf eine Titelgebung der einzelnen Texte verzichtet, die "lieder" werden schlicht durchnummeriert; ihre Sprache kann durchaus rhythmisch aufgefasst werden und kommt einem Bühnenvortrag entgegen - Kinga Tóth ist nicht zuletzt durch ihre ausgefeilten Live-Performances bekannt geworden, die u.a. auch Soundinstallationen einbeziehen. Für das Buch kontrastieren die Texte allerdings mit dem Medium der Grafik, mit Kinga Tóths eigenen im weitesten Sinne floral anmutenden Zeichnungen sowie einigen Holzschnitten des Verlegers Christian Thanhäuser, ein Umstand, der im Verbund mit dem bibliophilen Charakter des Bändchens zu einem ästhetisch reizvollen Genuss führt. So ist der Umschlag in traditioneller Handpressentechnik ausgeführt, und ein ebenso gestaltetes Lesezeichen hilft den Lesenden bei der Entdeckung der inneren Strukturen des Buches.

Ein weiterer rezeptiver Stolperstein wäre es nun, als lyrisches Subjekt stets ein menschliches Wesen auszumachen; was da zu sprechen scheint, ist aber mitunter mutmaßlich auch der Pflanzen- oder Tierwelt (durchaus auch niederer Ordnung) zuzurechnen, ja den Perspektivierungen selbst. Dies erscheint vielleicht als augenfälligstes inneres Konstruktionsmerkmal dieser Gedichte:

"wir erweichen in glashäusern lassen / die verstärkte licht- und vitamindosis ein / teilen unsere wachstumswerte mit [...]"

Daneben tauchen immer wieder traum- und alptraumhafte Sequenzen auf, die eine mitunter verstörende Bildwelt erzeugen. An einigen Stellen nimmt Tóth etwa Zitate und Motive aus der Netflix-Mysteryserie "Dark" auf, die sie aus ihrem Kontext herauslöst und verfremdet in einen anderen einbaut. So entsteht eine Lyrik von großer Eindringlichkeit, die weit von einem wie auch immer gearteten mystischen Geraune entfernt ist. Und doch: es sind weniger konkrete Ängste, die diese Bilder erzeugen, sondern eher eine Art existenzielles Unbehagen, das dazu anregt, im eigenen Erleben tiefer zu graben und sich über Art und Umfang dieser inneren Irritation klar zu werden. Das ist für Lyrik schon immer eine implizite Aufgabe gewesen. Kinga Tóth wird ihr mit den "Maisliedern" auf eine sehr eigenwillige Art und Weise gerecht.

Kinga Tóth
Maislieder
Edition Thanhäuser
2019 · 112 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-900986-97-1

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