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Kritik

Im Federnfieber

Hamburg
Von

Der Federndieb wäre eigentlich aus vielerlei Hinsicht ein Exot auf einer Literaturplattform, nicht zuletzt, weil es sich um einen Kriminaltatsachenberichtsroman handelt, der im exotisch anmutenden Milieu der Fliegenbinder, genauer in dem der Binder klassischer und moderner Lachsfliegen angesiedelt ist. Wenn das Thema Fliegenfischen oder eher Fliegenbinden nicht im Rahmen der heurigen „Tage der deutschsprachigen Literatur“ für einige Schlagzeilen gesorgt und den Deutschlandfunkpreis gewonnen hätte.

[Erster Zwischenstopp: mit dem Sammelbegriff Fliege werden in der Angelfischerei Kunstköder bezeichnet, bei welchen natürliche Materialien, wie Federn oder Tierhaare, aber auch künstliche zur Täuschung der Fische auf bzw. um einen Angelhaken gebunden werden. Lachsfliegen haben dabei eine relativ junge Tradition, nicht zuletzt deshalb, weil Lachse kampfstarke Fische sind und entsprechende Angelgeräte erst vergleichsweise spät in der notwendigen und vor allem gleichbleibenden Qualität hergestellt werden konnten.]

Eigentlich ist Der Federndieb ein Buch über Obsessionen und Eitelkeiten, die alle auf intimste Weise mit seltenen, zum großen Teil exotischen Vögeln oder zumindest deren Gefieder zusammenhängen. Dabei ist aber nicht klar, ob eher die Obsessionen oder die Eitelkeiten auf jeweils ganz unterschiedliche Weise die Antriebsfedern für Wissenschaftler wie Privatgelehrte und –sammler, Museumskuratoren, Modegecken und -schöpfer, Fliegenbinder aber auch Aufdeckungsjournalisten waren und wahrscheinlich immer noch sind. Dementsprechend weit ist der Bogen der Erzählung bzw. Dokumentation gespannt: er beginnt Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bei den Forschungsreisen von Alfred Russel Wallace und seinen daraus gewonnenen Erkenntnissen über die Evolution und endet quasi heute mit den Aufdeckungsreisen und –arbeiten von Kirk Wallace Johnson und seinen Erkenntnissen über Verirrungen. Auf den dazwischenliegenden Seiten geht es um die schillernden Federn exotischer Vögel, die von den Männchen „nur zu dem Zweck entwickelt [wurden], die Aufmerksamkeit der schmucklosen Weibchen zu erregen, und keinesfalls, damit Frauen nun Männer anlocken und so ihren Rang in der menschlichen Hackordnung demonstrieren konnten“ oder um als eines von „bis zu 150 verschiedenen Materialien“ eine Lachsfliege zu zieren.

Kirk Wallace Johnson schildert in kurzen Kapiteln mit einigen mehr als anschaulichen Fakten das Ausmaß, welches ein von der Mode ausgehendes Federnfieber erreichte. Er nennt dazu einige Zahlen, die für sich alleine schon erschreckend sind, die aber, wenn man sie noch miteinander verknüpft, fast unwahrscheinlich erscheinen. Aber die Listen der bereits ausgestorbenen und stark gefährdeten Arten bestätigen sie.

Johnsons Federndieb ist ein durch und durch exzellent recherchiertes Buch, zumindest lassen mich, als langjährigen Fliegenfischer und –binder, seine klaren und exakten Darstellungen auf diesen Gebieten dies annehmen. Da stimmen sowohl seine geschichtlichen Darlegungen wie auch die Schilderungen der Techniken, Materialien und Werkzeuge. Dass er als Amerikaner in erster Linie auf die englischsprachige Literatur zugreift, ist klar, auch, weil sie zum Themenbereich Lachs wahrscheinlich 95 Prozent ausmacht. Aus meiner Sicht ist ihm lediglich die Tatsache vorzuwerfen, dass er sich bei der älteren Fachliteratur fast ausschließlich auf jene beschränkt, die in Büchern gebunden ist. Sonst wäre ihm nicht entgangen, dass Kelson bereits keine fünfzehn Jahre nach der Erstauflage seiner The Salmonfly – der „Apotheose der Kunstform“ – als Plagiarist, ja beinahe als Betrüger einer entsetzten Öffentlichkeit vorgeführt wurde womit seine Reputation zerstört war. Wenn diese totale Entzauberung auch in der größten Fischerzeitung der damaligen Zeit, der Londoner Fishing Gazette, noch dazu von deren Herausgeber, R. B. Marston, erfolgte, so ist sie heute fast vergessen – wunderschön aufgemachte Bücher leben länger, als die bestrecherchierten Artikel in Zeitschriften.

Auffallend und vielleicht typisch für viele moderne (Nach)Binder klassischer Lachsfliegen ist, dass sie ihre Fliegen fast ausschließlich als Kunstobjekte und nicht als Kunstköder betrachten. Würden sie das, wären einerseits ihre Techniken auf möglichst lange Gebrauchsfähigkeit der Muster beim Angeln und nicht auf rein optisches Gefallen ausgerichtet und andererseits die verwendeten Materialien weniger exotisch und nicht so „perfekt“, dafür aber praxistauglich und haltbarer.

[Zweiter Zwischenstopp: Bereits vor dem Höhepunkt der klassischen Lachsfliegenmuster gab es eine große Anzahl an Fliegenfischern, die die Ansicht vertraten, dass weder die exakte Feder noch die exakte Anzahl an Windungen des Goldlamettas für den Fang eines Lachses ausschlaggebend sind, sondern ausschließlich die Anbietetechnik und –taktik sowie eventuell noch die Größe der Fliege: „It’s not the fly (Doppelbedeutung Fliege / leichtes Pferdegespann), it’s the driver (Doppelbedeutung Fahrer / Werfer)“.]

Zentrales Thema ist ein auf den ersten Blick dilettantischer Einbruch, bei dem allerdings 299 sehr seltene und nicht nur deshalb sehr wertvolle Vogelbälge gestohlen wurden. Johnson rollt den Einbruch in die Zweigstelle Twing des britischen Naturgeschichtsmuseums, wo für wissenschaftliche Zwecke tausende genau dokumentierte Vogelbälge verwahrt werden, nochmals und aus verschiedenen Perspektiven auf. Und er hinterfragt die vom Federndieb gemachten Aussagen zum Verkauf der Federn und Bälge. Dabei stößt er auf viele Ungereimtheiten, die er teilweise aufklären kann, für die er Erklärungsversuche anbietet oder die er nur aufzeigt, manchmal sogar nur andeutet.

Es ist nicht verwunderlich, dass ihn selbst das Federnfieber auch packt, allerdings in einer ganz speziellen Ausprägung, einer detektivisch-akribischen. Auch er wird zum Besessenen, und er dokumentiert diese Verwandlung mit derselben journalistischen Neugierde wie den Fall selbst. Manchmal ertappt man sich dabei, ihn bei der Selbstbetrachtung zu betrachten.

Dass dies so gut funktioniert, ist in hohem Maße auch dem flüssigen Stil des Übersetzers gedankt. In Jochen Schwarzers Übersetzung finden sich weder Anglizismen noch Amerikanismen und wenn doch, dann sind sie bereits in unseren Sprachgebrauch eingeflossen. Und es lassen sich selbst bei den wirklich eigenartigen Fachbegriffen des Fliegenbindens nur ein oder zwei Übersetzungsungenauigkeiten festmachen – wobei selbst gute, alte Wörterbücher diese eine Bedeutung nicht kennen.

Johnsons Recherchen führen ihn einerseits um den halben Erdball, andererseits zu vielen interessanten Menschen, zu Polizisten genauso wie zum eigentlichen Federndieb, zu Wissenschaftlern in ihren Elfenbeintürmen ebenso wie zu sehr geerdeten Wissenschaftlern, zu engagierten Amateurfliegenbindern und zu Leuten, „die einer « feigen, lächerlichen, parasitären Aktivität » nachgingen“ und die „ja eigentlich gar nicht mit den Dingern“ fischen. Sein Engagement führte sogar dazu, dass der Federndieb schließlich einem Interviewtermin sowie der Veröffentlichung zustimmt. Das mag auf den ersten Blick verwundern, andererseits handelt das Buch von Obsessionen und Eitelkeiten.

Zum Schluss erringt Johnson lediglich einen Pyrrhussieg: er kann fast alles aufklären, nur den Verbleib der letzten Bälge und Federn nicht. Und der Handel mit ihnen geht weiter, wie ein Blick ins Internet verrät.

Der beinahe journalistische Reportagestil, die kurzen, staccatohaften Bilder sowie das zumindest über lange Strecken rasante Erzähltempo lassen den Eindruck einer gut kommentierten Irrfahrt durch eine Geisterbahn entstehen, wobei Johnson nicht wohlige Schauer erzielen, sondern, wie sein späteres Engagement beweist, zum Nach- und Überdenken des eigenen Tuns anregen will.

Man wäre fast geneigt, das beinahe irrwitzige Streben nach der perfekten Wiedergabe sogenannter klassischer Lachsfliegenmuster und die zur Erreichung dieser Perfektion in Kauf genommenen Zerstörungen als Fallbeispiel für Montesquieus Satz "le mieux est le mortel ennemi du bien" zu sehen. So gesehen eignet sich das anfänglich exotisch und wirklichkeitsfremd anmutende Spezialgebiet des Lachsfliegenbindens aufgrund seines „natürlichen“ abstrakten Charakters perfekt, um tief in die Abgründe des menschlichen Handelns und den damit oftmals einhergehenden verheerenden Auswirkungen bis hin zur Auslöschung vieler Arten, womöglich sogar der eigenen, vorzudringen.

[Finaler Stopp: Die möglicherweise erste schriftliche Erwähnung einer künstlichen Fliege erfolgte im deutschsprachigen Raum in Wolfram von Eschenbachs Parzival. Dort schleudert die Gralsbotin Cundrie dem Helden, der es verabsäumt hat, den „traurigen Fischer“ Amfortas von seinen Leiden zu erlösen, unter anderen Flüchen und Beschimpfungen ein „ir verderangl, ir natern zan“ [Vers 316/20] an den Kopf, was Spiewok in der Reclam-Ausgabe mit „Ihr trügerischer, gefährlicher Lockköder, Ihr giftgefüllter Natternzahl“ übersetzt. Kunstfliegen waren offensichtlich bereits früher nicht nur positiv konnotiert, selbst ohne den Auswüchsen im Zusammenhang mit den „klassischen“ Lachsfliegen. Und sie sind zwar selten aber doch immer wieder Thema in der (deutschsprachigen) Literatur.]

Kirk Wallace Johnson
Der Federndieb
übersetzt von Jochen Schwarzer
Droemer
2018 · 384 Seiten · 22,90 Euro
ISBN:
978-3-426-27684-6

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