Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
BookGazette Podcast
x
BookGazette Podcast
Kritik

Rembrandt-Licht und andere Bildausleuchtungen

Zu Klára Hůrkovás Lyrikband: „Licht in der Manteltasche“
Hamburg

Gleich zweimal gehen Gedichte in Klára Hůrkovás neuem Lyrikband auf Bilder vergangener Meister und Jahrhunderte ein. Zum einen handelt es sich um einen Text mit dem Titel „Melancholie, nach Dürer“. Darin beschreibt die Autorin eine Situation, in der sich Schülerinnen und Schüler mit den Elementen des Bildes „Melencholia I“ befassen,1 zunächst noch müde und ein bisschen widerwillig, dann aber beginnen „die Dinge zu leben“. „Plötzlich erstrahlen die Gesichter/ vor Lust/ nach Bedeutungen zu suchen/ in der neu entdeckten Freiheit“ (S. 38-39).___STEADY_PAYWALL___

Das zweite Gedicht beschäftigt sich mit Rembrandts Bild „Jakobs Kampf mit dem Engel“ (um 1659/60). Der Kampf wird im Poem zur engelsgleichen Berührung, der Text zu einem Liebesgedicht: „Die Hüfte biegt sich/ohne zu brechen“ (S. 67).

Die beiden Gedichte offenbaren viel über die hier vorgestellte Lyrikerin:

Klára Hůrková arbeitet u. a. als Lehrerin, sie unterrichtet nicht nur Kunst (neben anderen Fächern), sondern ist selbst als Malerin tätig. - Auch das Cover des Buches und die Vorsatzseiten der jeweiligen Kapitel bestehen aus Farbdrucken ihrer Bilder.-  Das Thema Licht scheint für sie besondere Bedeutung zu haben, denn die Autorin veröffentlicht im neuen Gedichtband Texte, in denen es leitmotivisch immer wieder genau darum geht.  

Klára Hůrková, die aus der damaligen Tschechoslowakei stammt und bereits vor der Wende das Land verließ, studierte in Prag zunächst Philosophie und in Aachen und Norwich Anglistik und Kunstgeschichte und schloss in Deutschland mit einer Promotion ab.2 Schon im ersten Gedicht des ersten Kapitels beschreibt sie, dass bei ihrer Ausreise in den Westen erst die „Neonlichter/an der belgischen Autobahn“ den Neuanfang sichtbar machten. An anderer Stelle heißt es, das Licht „deckt…den Frühstückshimmel“ (S. 30) und die „Lichtflügel“ eines Leuchtturms sorgen für Schlaflosigkeit. Im Gedicht „Herbst-Intermezzo“ wünscht sich das Lyrische Ich, „Wenn ich könnte, wäre ich/ nur dieses warme Licht in den Alleen“ (S. 59). Und der fast volle Mond ist ihm an anderer Stelle Ansporn und Ermutigung: „So sollst du sein, rücksichtslos/in die Fenster scheinen/ voll und prall, nur du, denn/du bist das Licht, glaube daran/und diene nicht, steig hoch!“(S. 66).

Hier ist eine Lichtsammlerin unterwegs. So heißt es bereits im Prolog und dem titelgebenden Text: „Der Abendstern, eine Verlockung aus Licht/und Ferne, doch ich bleibe treu/dem Ufer, sammle Lichter/von der Wasserfläche/trage sie in meinen Manteltaschen“ (S. 9).

Und was hat das nun mit dem im Titel der Besprechung behaupteten Rembrandt-Licht zu tun? Mit dem Begriff bezeichnet man die Ausleuchtung einer Szene durch eine Lichtquelle, die schräg über das „Objekt“ gesetzt wird. Es geht um ein Profil, das - wie in Rembrandts Bildern - die eine Seite strahlend hell zeigt, die andere jedoch in Schatten versenkt, allein ein kleines Dreieck bleibt in der Dunkelheit erleuchtet, weshalb man diese Lichtsetzung auch als Dreieckslicht bezeichnet.

Mit Rembrandt-Licht meine ich also die Thematisierung von Licht und Schatten und die Suche nach dem Licht auch in der Dunkelheit, beides spielt immer wieder eine Rolle in der vorliegenden Gedichtsammlung.

Ein zweites Motiv, das sich durch den kleinen Band zieht, ist die Bedeutung der Sprache und die besondere Bedeutung des Schreibens für die Lyrikerin.

Zwar kann sich das Lyrische Ich „vor dem Schreiben am Papier“ schneiden (S. 32), zwar kann es sein, dass sich das Gedicht angesichts der Realität zusammenrollt, „einem Igel gleich“ (S. 40), aber trotzdem beugt sich das Lyrische Ich, bzw. Du sich „über den Tisch/als ob er ein Seerosenteich wäre“ (S.41) und fragt sich an anderer Stelle, wie viele Gedichte es dem Alltag entreißen und damit vielleicht die Welt besser verstehen könne (S. 63).     

Eingeteilt ist der Gedichtband in vier große Kapitel. Zunächst geht es ums Reisen. Das Reisen scheint vor dem Hintergrund fehlender Reisefreiheit in den frühen Jahren der Autorin und vielleicht auch der gegenwärtig coronabedingten Reiseeinschränkungen eine ganz besondere Bedeutung zu haben: Belgien, Nord- und Südamerika, Schweden und auch die Tschechei sind Orte des Entdeckens und Wiederentdeckens, der Selbst- und Sinnerfahrung. Dabei fällt mir der im Vergleich zum vorangegangenen Lyrikband leichte, manchmal ironische Ton der Autorin positiv auf. Bei einem ersten Treffen mit Halbschwestern, von deren Existenz es offenbar sehr spät erfährt, erhält das Lyrische Ich ein erbsengrünes T-Shirt „Mendel´s Hereditary Soup“ geschenkt, das aus einem Museum für Genetik in Brünn stammt (S.13). Das Bild in einer Kirche in Cusco zeigt „Das letzte Abendmahl“, bei dem Meerschweinchen garniert mit Mais und Früchten aus der Gegend von Urubamba verzehrt werden, zeigt auch „Die große Pachamama/ – Mutter Erde -/“, die vergnügt hinter dem Rücken von Jesus lacht (S.21).

Im II. Kapitel stellt die Autorin Stadtgedichte unter dem Titel „Zwischen den Häuserzeilen“ zusammen, gefolgt vom III. Kapitel, das im Gegensatz dazu „Launen der Inseln“ beschreibt: den „unruhige(n) Schein/ des Leuchtturms“ (S. 45), der zu  Schlaflosigkeit führt (S. 47), so dass die Seele morgens „in Wellen gefaltet liegt“ (S. 47). Schließlich finden sich im abschließenden IV. Kapitel u. a. Jahreszeitentexte.

Formal sind die Texte frei in der Rhythmik und unabhängig von einem regelmäßigen Aufbau. Sie zeigen aber in ihren Bildern Formwillen und Verbundenheit. Deshalb empfinde ich es als ein Zuviel, dass die Bilder von Klára Hůrková, die zuweilen in einer Explosion das Thema Licht variieren, auf jeder Seite des Bandes als Schwarz-Weiß-Hintergrund dienen. Dass schafft Unruhe. In dem sonst schön gestalteten Hardcover, konkurrieren dadurch unnötiger Weise Sprachbild und Bild.   

Ein Motiv, das ich bisher noch nicht angesprochen habe, ist in den Gedichten das Leben von Frauen und die Ermutigung für Frauen, zuweilen auch eine Anklage, wenn am Beispiel der Hypatia (S. 64) der Mord an einer Wissenschaftlerin thematisiert wird.

Am Ende des Bandes, im Epilog „Traum II“ heißt es:

Ich bin in einem Zirkus aufgetreten
Mit drei jungen Löwinnen
Sie schlichen frei
an mir vorbei

Etwas war entfesselt
Mein eigener Mut
Kaum auszuhalten

Welch ein Ausblick! Und so wünsche ich der Lichtsammlerin Klára Hůrková, dass der Mut dieses Traums als gute Utopie in die Realität finden und ihr Schreiben und Veröffentlichen beflügeln wird und freue mich schon jetzt auf ihre nächste Gedichtsammlung und die darin enthaltenen Ermutigungen! 

  • 1. Die „Melencholia I“ ist ein Stich des Malers aus dem Jahr 1514, der u.a. einen sinnenden Engel sowie viele Symbole des Lebens und der Welt zeigt.
  • 2. Bezeichnenderweise beschäftigte sie sich in ihrer Promotion mit „Mirror Images“ in den Theaterstücken von Václav Havel  und Tom Stoppard.
Klára Hůrková
Licht in der Manteltasche
Chiliverlag
2020 · 76 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-943292-86-2

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge