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Hamburg

Schon der Titel: Sappho. Wer könnte das sein? Sicher eine Sagenfigur. Wahrscheinlich aus dem Asiatischen. Mangelnde Kenntnisse – Bildungslücke – Google. Es stellt sich heraus: eine antike Dichterin. Meisterin des Liebesgedichts, aus Lesbos. Deshalb: lesbische oder sapphische Liebe. Das wusste ich nicht. Peinlich. Es gibt auch Solon. Solonisch = weise.

Wir fahren ein in das Buch. Das erste Gedicht erzählt von einer Bootsfahrt im Pferdekopf-Nebel: diese Dunkelwolke im All und von Jerusalem, ist metaphysisch. Metaphysische Gedichte. Wo gibt es die noch? Im ersten Buchteil geht diese Stimmung weiter. Alt- und neutestamentarische Themen/Motive –oder: der Nahe und Mittlere Osten unserer Tage? Daneben bedichtete Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Dann dieses große Ding. Ein Gedicht, das heißt: Stabiler Zustand. Darin stirbt ein Mann in einigen Wochen, wahrscheinlich viele Schlaganfälle, Demenz vaskulär. Wie man so einfühlsam, aber faktisch schreiben kann. Texte über Frauen. Liebe und Tod, das passt ja auch. Immer ist es Liebe, doch wenig fleischlich. Anders ist ein Einstreuer. Er sagt: Stagnelius. Ich suche die Anmerkungen ab und das Internet: schwedischer Dichter, einzelgängerisch, eingesperrt, gestorben mit keinen 30 Jahren, postum Zuspruch des Weltrangs. Er sagt: Guglielma. Wikipedia spricht: Königstochter aus Böhmen, ab 1260 in Mailand. Für ihre Anhänger war sie die Menschwerdung des Heiligen Geistes. Nachdem sie starb, sollte auch sie ihre Stellvertreterin auf Erden bekommen. Schwester Mayfreda gebührte es Messe zu halten in Mailand, dann Rom und Platz zu nehmen auf dem Heiligen Stuhl. Sobald das geschehen ist, wird es vier neue Evangelien geben. Die Inquisition sprang dazwischen. Grub die tote Guglielma aus und verbrannte sie und ihre Anhänger. Er sagt: Ugarit. Ich ahne etwas von der bronzezeitlichen Stadt im heutigen Syrien. Wo die Tontafeln mit Keilschrift im Brennofen lagen, als man alles zerstörte, um den Stadtstaat zu vergessen, 3000 Jahre lang. Das ist der erste Teil. Dann kommt der zweite. Der heißt Beckmanns Speicher. Max Beckmann. Malerei. Bedichtet wird das Triptychon Argonauten. Nicht abgeschrieben, sondern fortassoziiert. Tatsächlich steht da: „,Sie sind da!/ Sind zurückgekehrt,/ die Helden, die als/ verschollen galten, als tot!´/Helden? Auf Schiffen gibt es/ keine mehr, nicht in dieser Zeit, /Helden leben heut verborgen,/ tragen Masken“ Sollte man vorlesen, das Gedicht, bei einer Corona-Demonstration.

Und sobald die Bilder dann vorüber sind, beginnt Teil III. Wir gehen ins Private. Da findet einer ein Truthahn-Nest mit toter Henne und brütet selbst die Küken aus. Er erzählt dabei viel vom Leben. Adoleszente Truthähne verhalten sich wie Menschenkinder, die flügge werden. (Doch ich kann mich im Hinterkopf nicht lösen von der Frage: Truthähne? Wild in Deutschland? Dazu sagt Wiki: Tja. Zuallererst heißt das Tier „Truthuhn“ und ausgewilderte gab´s am Oberrhein. Und ich denke: Da kommt Klaus Anders her. Die Frage bleibt bestehen.)

Klaus Anders (Übersetzer aus dem Norwegischen) beim Dichten zuhörend, driftet man nach Norden, aber auch nach Südosten oder an den Rhein, das ist mein Westen. Mit einer Zeile wechselt man die Zeit, das kann passieren. „Ruder hoch, ins Boot, wir treiben/ Langsam auf dem gestauten Fluss.“  Anders springt wohl dort ins Wasser, durchtauchend Schicht um Schicht, um eine Handvoll Sediment zu uns zu bringen. Wir staunen dahin. „Sonne fließt ein und löst/ die Säulen aus Fundamenten,/ Im frischen Seewind segelt/ Die Kirche über Ijssel und Wiesen./ Auf der Orgel spielt einer die Marseillaise.“ Wörter, die auftreten: Rosenwurzel,  Gezeitenmaschine, Laichkraut, Angelzeug, Kalkbäume, fallreife Himbeeren.

Teil IV: Tarot

War mir schon immer unheimlich. Deshalb nicht zuviel darüber sagen. Jede Karte bekommt ein Gedicht.

Dann kommt der Namenlose: 5. Teil. Und man bringt uns sicher ans Ufer. Es wird erklärt: ein Giardino segreto (Italienisch: geheimer Garten) ist ein kleiner, gutgeschützter, uneinsehbarer Garten. Den braucht man wohl. „Nur ein Huschen, das mit Grasmücke,/ Schnäpper und Zilpzalp immer tiefer/ Lockt in das Halblicht, das keiner Nacht weicht/ Außer der letzten. Den Himmel sieht jeder,/ Wenn er nur will und wagt und sich nicht/ Verschließt. Der zertretene Wegerich, der dennoch blüht,/ Lehm, zerrieben in der Hand, sein/ Staubgelber Duft. Weiter/ Muss einer nicht gehen.“ Auch bei Wergeland, Hendrik Arnold, schauen wir vorbei. Bei Klaus Anders stehen die Richtungen offen, ganz unverbaut. Christliche Mystik, islamische, das alte China. Ein Giardino segreto kann verlassen werden. Wohin man geht, „Was meine Schritte führt, der eigene/ Wille oder Gottes, Schicksal, Zufall –es ist/ Gleich, denn wir sind blind für unseren Weg/ Blinder als blind, wo wir ihn klar zu sehen glauben“, fühlt sich manchmal komisch an, zumindest „Jeder Halm spricht zu dir, jede Schnecke,/ streckt ihre Fühler aus und grüßt/ Vom nassen Weg, den bald die Sonne trocknet/ Und sie, findet sie nicht den Stein, die Spalte, tötet.“

Klaus Anders
Sappho träumt
Edition Rugerup
2018 · 158 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-942955-74-4

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