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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
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schliff Literaturzeitschrift, band 11 utopie
Kritik

Ein guter Platz zum Dichten

Hamburg

75 Gedichte enthält der neue Lyrikband des Dichters und Übersetzers Klaus Martens, Bei den Stachelbeergärten. Ein Vorläufer des Buches ist eine vom Autor signierte Sonderedition, Stachelbeergärten mit 64 Gedichten, die auch im vorliegenden Band zu finden sind. Mit dieser besonderen Ausgabe hat der Pop Verlag im September des vergangenen Jahres Klaus Martens zum 75 Geburtstag gratuliert.

Neunzehn aufgeführte Lyrikbände zähle ich auf dem Schutzumschlag, beginnend mit Heimliche Zeiten aus dem Jahr 1984, herausgegeben von der Deutschen Verlagsanstalt, bis eben zu dem hier besprochenen Buch von 2020. Hinzu kommen noch unzählige Übersetzungen namhafter englischsprachiger, hauptsächlich amerikanischer Dichter und Dichterinnen, u.a. von Dylan Thomas, Derek Walcott, Thomas Lux und Elisabeth Bishop. Und dennoch ist unzutreffend, wenn Klaus Martens schreibt Es ist alles gesagt und glücklicherweise nimmt er zwei Seiten weiter in dem schönen Gedicht Im Sternenschatten diesen Satz zurück.

Hier, im Sternenschatten,
ist ein guter Platz
zum Dichten  - die Nachtvögel
kennen mich, die anderen
wissen nicht mehr von mir.
Hier im Dunkel ist meine Freiheit,
hier spreche ich zwischen Blättern
und zu den Bäumen, hier liege ich
im Gras und höre dem Himmel zu,
sehe die Lichter flammen und verlöschen,
wärme mich an meinem Feuer,
das wortfähig brennt, benennt.

Ich bin schon älter, schreibt er an anderer Stelle und aus seinem Erfahrungsschatz heraus beschäftigen sich mehrere Gedichte mit Erinnerungen, mit Rückblicken. Wortfähig wird die innere und äußere Landschaft seiner Kindheit beschrieben, seien es die Kopfsteine aus der Straße, bei den rostigen / Schienen im titelgebenden Gedicht Die Stachelbeergärten oder wie in dem Gedicht Samstag als Möglichkeit, in dem es ihm gelingt, in lakonischen Worten das Gefühl eines Jugendlichen vor dem Wochenende zu beschreiben.

Alles war kürzer –
der Schulmorgen,
die Öffnungszeiten;
das Mittagessen.

Auch tief gehende Lebensfragen werden angesprochen. So beispielsweise in dem Gedicht Quipu, in dem das lyrische Ich anhand der Knotenschrift der Inkas existentielle Fragen nach Tod, Geburt, Jugend und Sein stellt.
Und doch bleibt die Sehnsucht. Dafür findet Klaus Martens in mehreren Gedichten passende Bilder. Da gibt es den Sehnsuchtsort

den ich nie besucht habe,
Sehnsucht nach Bildern davon
und Erzählungen, beides in Farbe.

oder das Gedicht Auf meiner Insel, in dem durch Worte wie Strohhut, dünne Jacke aus Ziegenleder, Sandalen aus Bast die Leichtigkeit eines Sommernachmittags hervorgerufen wird. Das Gedicht endet mit einem überraschenden Satz, der typisch für die Lyrik von Klaus Martens ist.

Ich liebe Kürbisse aus dem Garten
und Kohl und Kirschen –
manches wächst wild, wie ich,
auf dieser Insel. Und einsam ist es,
besonders am Donnerstag.

Zwischen den Rückblicken und Sehnsüchten, die manchmal leicht melancholisch, aber nie larmoyant sind, dürfen bei Klaus Martens Gedichte über alltägliche Dinge nicht fehlen. Denn er ist ein Lyriker, in dessen Werkzeugkasten es einen geräumigen Platz für Ironie gibt. Als Beispiel hierfür seien die Zeilen aus dem Gedicht Kurzer Schlachtvergleich angeführt:

Einen Apfel schlachten
ist anständiger als ein Schwein
metzgen: dort Saft, hier Blut
(klebrig ist beides).

Bei den Stachelbeergärten ist ein schöner Gedichtband, in dem man einerseits den aus vielen anderen Bänden vertrauten „Martens-Ton“ findet, andererseits vor poetischen Überraschungen nicht gefeit ist.

 

 

Klaus Martens
Bei den Stachelbeergärten
Pop Verlag
2020 · 94 Seiten · 14,50 Euro
ISBN:
978-3863562878

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