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Kritik

Dominospielen mit löwenessenden Dichtern

Zum Kettengedicht „Flüsterndes Licht“ von Nora Gomringer, Marco Grosse, Annette Hagemann, Ulrich Koch und Klaus Merz
Hamburg

Wer von „Qi“ spricht, meint Gesundheit und Energie, meint Atem und Fluidum, meint Temperament und Emotion. Wer sich jedoch mit „Shi“ befasst, spricht von Gedichten. Shi lautet der Oberbegriff für chinesische Lyrik. Die Ähnlichkeit in Wort und Klang der Begriffe scheinen die Verwandtschaft von Energie und Sprache offenbaren zu wollen. Und auch ein „Renshi“ ist natürlich „Shi“, nämlich ein freies, modernes, japanisches Kettengedicht, das sich von der stilistisch fest gefügten Form eines Renga befreit hat.

Ein solches Renshi haben nun Nora Gomringer, Marco Grosse, Annette Hagemann, Ulrich Koch und Klaus Merz gemeinsam verfasst, sein Titel: „Flüsterndes Licht“.

Das Renshi ist hierzulande zwar selten, aber nicht fremd. Ich erinnere mich an frühere Kooperationen, beispielsweise 1999, als Makoto Ooko (Japan), Jürgen Becker (Deutschland), Inger Christensen (Dänemark), und Adam Zagajweski (Polen) im Hinterzimmer der Berliner Akademie der Künste an einem Gemeinschaftswerk arbeiteten. Einer beginnt mit dem Gedicht und der nächste muss an den Vorsprecher anknüpfen. Inger Christensen umriss die Aufgabe der Dichter damals wie folgt: Es ginge darum zwischen den Strophen „schwindelerregende Hängebrücken“ zu bauen.

In Erinnerung ist auch die Veröffentlichung Sprechendes Wasser, ein Renshi von Tanikawa Shuntarô und Jürg Halter von 2012. Nicht weit scheint der Weg von diesem Titel zur vorliegenden Veröffentlichung „Flüsterndes Licht“. Es klingt ganz so, als wollten die Autorinnen und Autoren auf das ältere Renshi reagieren und es weiterführen. Der neue Titel lässt leisere Töne, andere Aggregatzustände als in der Koproduktion Tanikawa-Halter vermuten.

Nora Gomringer (Jg. 1980), Marco Grosse (Jg. 1974), Annette Hagemann (Jg. 1967), Ulrich Koch (Jg. 1966) und Klaus Merz (Jg. 1945), diese fünf aus unterschiedlichen Generationen und Regionen deutscher Sprache stammenden Autorinnen und Autoren, spielen sich in „Flüsterndes Licht“ neunzig Strophen lang (auf 35 Seiten) die Bälle zu, die im Netz hin und her gingen, ehe sie bei einem gemeinsamen Treffen ihre nun veröffentlichte Form fanden. Formal vorgegeben war allein die Begrenzung der Strophen auf maximal fünf Zeilen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass das Arbeiten quasi auf Zuruf spannend war, verbunden mit Lachen, Schmunzeln, Staunen und immer neuen Überraschungen, so wie es mir auch beim Lesen erging.  

Überhaupt bleibt jeder der Autorinnen und Autoren bei ihrem/seinem Ton, nimmt ein Stichwort zwar an, doch auf seine spezielle Weise: impulsiv, bildkräftig, narrativ, melancholisch oder äußerst verknappt.

Wie bereits erwähnt, beginnt das Renshi mit einem Fünfzeiler von Marco Grosse:

 „Es schüttelt sich die Leichtigkeit
was von der Schulter:
die Krümel des Lichts, die ihm
beim Flüstern aus dem Mund
fallen.“ MG

Die Strophen mäandrieren thematisch ins Leben, widmen sich Leib und Fülle, streifen erstmals den Tod (11 ff.), aber nur, um diesem schnell eine Absage zu erteilen:

„Langweilig war mir das Totsein(…)
Lieber wollt ich mich winden: wimmelnd, würmelnd
knisternd, knackend, wispernd durch die Funkstrecken
der Mikros der Festivalveranstalter aller Sommertage“  NG

Und weiter fließt der Text, unberechenbar, am Ende eines jeden Vier- und Fünfzeilers die Richtung ändernd, streift Gott und die Welt, Stadt und Land, streift Sprache und  Dichter, die Kindheit, den Vater, die Mutter, die Liebe, Gut und Böse auch. Ein Text voller Referenzen, der mit zwinkerndem Auge auch Goethes Faust mehrfach variiert. 

Und schließlich mündet das Renshi bei der „pollentrunkene(n) wahrheit der dichter“ (Annette Hagemann), dem Sichselbstlesen (Ulrich Koch), dem augenzwinkernden Vierzeiler von Klaus Merz

„Lass uns von dannen reiten
Nach Zell (am See), oh Pan
Und mit den Freunden streiten
In einem morschen Kahn.“ KM

Marco Grosse lässt daraufhin Pan die Flöte zerbrechen und findet seinen Schluss im Glauben „an den Sinn im Sinnlosen“, und in der Vorstellung, dass

„das Schreiben den Dichtern ermöglicht, das Schimmern der Welt auszuhalten“.

Das letzte Wort hat die Jüngste, Nora Gomringer, und appelliert mit einem Satz, den sie der Mutter in den Mund legt:

„Kauf dir ein lautes Kleid, mach ein leises Gedicht.“

Jetzt könnte eigentlich alles neu beginnen.

Jetzt könnte die Kette geschlossen werden. Aber auch wenn die Entstehung des Textes in zeitlicher Abfolge geschah, so will er doch nicht nur chronologisch gelesen werden, sondern wie ein Mosaik.

Der Eintritt ins Bild ist an jeder Stelle möglich und offenbart je nach Eintrittsort andere Beziehungen zwischen den Facetten. Das Renshi könnte man sagen, ist nur von der Methode her ein Kettengedicht. Im geduckten Ergebnis ist es ein Tableau mit Licht und Schatten, mit Linie und Farben, formal in Strophen gezählt.  

Konsequent behalten die Autorinnen und Autoren ihre Schreibweisen bei, das gilt nicht nur für die Groß- und Kleinschreibung, sondern auch für den Ton und für die Sujets.

Nora Gomringers Zeilen changieren zwischen ihrer Impulsivität

„EeeEssSSSS giiiiiibt dDDDasss FlaaAAcckerrrn/von Stroboskopen…“

und Sanftheit:

„von Lichtern ganz beflüstert“.

Marco Grosse überzeugt mit sensiblen Tönen:

„Im Verstärker versteckte sich eine Zikade und wollte dennoch heraus.“

und den Bezügen zu den „Ahnen“:

„Und der grollende Blick Teil von jener Kraft
die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Annette Hagemann präsentiert tollkühne Bilder

 „(wir) bauten/ (…)
unseren seelen eine volière alle zehen
und federn gespreizt wenn der turmfalke kam“ 

oder

„im schlaf treff ich auf (…) einen lieben
freund (…) der auf einem esel reitet und –
(…) eine löwin als nierenschutz trägt (…)“

Ulrich Koch bringt manchmal melancholische Töne - auch das Thema Stadt-Land spielt wie in früheren Texten eine Rolle - und wunderschönen Zeilen wie diese:

„…Im Bett
liegt ein frisch geschossenes Liebespaar. Er hat sein Geweih
abgeworfen, sie eine Glühbirne an die Brust gelegt
und stillt, bis sie keinen Schatten mehr wirft.“

Klaus Merz - von ihm stammen die meisten Vierzeiler - berührt mit Schlichtheit und Tiefe in knapper Form:

„Die Sterne auf dem Hemdchen
der schlafenden Enkelin, sie erweitern
das nächtliche Firmament, leuchten hell
in meine finstersten Träume hinab.“

In dem schmalen Bändchen (insgesamt 40 Seiten) tippen sich die Autorinnen und Autoren gegenseitig an, sie greifen auf und führen fort, aber bringen sich nicht, wie bei eine Dominoreffekt zu Fall. Damit bin ich wieder bei der Überschrift und dem „Dominospielen“.

Vermutlich möchte der ein oder andere noch erfahren, warum ich von „löwenessenden“ Dichtern sprach, kommt doch ein Löwe nur in dem zitierten Gedicht von Annette Hagemann als Nierenwärmer vor.

Es gibt eine Geschichte des „Shi, der Löwen frisst“. Es ist ein chinesischer Text, der in seiner Übertragung in Pinyin nur aus einem Wort besteht, nämlich „Shi“, ein Gedicht über Homophone, die also alle gleich klingen, aber in einer anderen Tonhöhe vorgetragen werden müssen. Und so lautet die Überschrift dieser Geschichte „Shī Shi shì shī shĭ“: „Die Geschichte des Shi, der Löwen isst“.

Und so wünschen wir sie uns, die Dichter, dass sie die Löwen bändigen und ihr Qi aufnehmen und in ihren Texten zum Klingen bringen - in allen Tonlagen.

Ps.: Alle Autorinnen und Autoren sind - bis auf Klaus Merz - übrigens auf Fixpoetry vorgestellt. Deshalb hier noch ein paar Informationen zu ihm. Er ist Jg. 1945, geboren in Arau und lebt in Unterkulm/Schweiz. Seine umfassende Veröffentlichungsbiografie von mehr als zwanzig Einzeltiteln ist breit angelegt: Kinderbuch, Roman, Gedicht, Drehbücher, Hörspiel usw., wobei dem Gedicht besonderes Gewicht zukommt. Derzeit erscheint bei Haymon eine siebenbändige Werkausgabe.

 

Klaus Merz · Nora Gomringer · Marco Grosse · Annette Hagemann · Ulrich Koch
Flüsterndes Licht
Haymon Verlag
2017 · 40 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-7099-7291-5

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