Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Karussell Literaturzeitschrift Ausgabe 8 SchönLügen
x
Karussell Literaturzeitschrift Ausgabe 8 SchönLügen
Kritik

Im Bienenstock der Boheme

Klaus Modicks Roman über den Schriftsteller Eduard Keyserling
Hamburg

Der schöne Narziss verliebte sich bekanntlich in sein eigenes Spiegelbild. Dem Schriftsteller Eduard Keyserling erging es genau umgekehrt. Beim Blick in das stille Wasser eines Teiches erkannte er seine Hässlichkeit. Nicht, dass ihm diese bis dato nicht bekannt gewesen wäre; nur wurde sie ihm an der Seite der schönen Ada umso schmerzlicher bewusst. Dass Ada sich dennoch auf eine kurze Affäre mit ihm eingelassen hatte, war dem Umstand geschuldet, dass sie dringend Geld für ihren eigentlichen Geliebten benötigte. Obwohl selbst knapp bei Kasse, beschaffte ihr Keyserling die erbetene Summe. Das Geld sah er nie wieder, Ada erst Jahrzehnte später, als wenig mondäne Sängerin im noch viel weniger mondänen Tutzinger Hof in Starnberg.

In dieser ebenso kleinen wie fiktiven Episode steckt die DNA, aus der Klaus Modick seinen neuen Roman „Keyserlings Geheimnis“ webt.   

Der Titel ist durchaus doppeldeutig. Und eröffnet, löst man sich von der reinen Fiktion und begibt sich auf die Ebene des Biografischen, Raum für Spekulationen. Schließlich dichtet Modick Keyserling ein Geheimnis an, welches zunächst einmal nur darauf beruht, dass wir über das Leben des 1855 geborenen Eduard Graf von Keyserling, der aufgrund einer Syphiliserkrankung frühzeitig körperlich beeinträchtig war und 1918 in München starb, nicht allzu viel wissen. Bekannt ist lediglich, dass er aus seiner studententischen Verbindung Curonia ausgeschlossen worden war und sich Hals über Kopf aus seiner kurländischen Heimat abgesetzt hatte, erst nach Wien, später dann nach München. Modick beschreibt die geheimnisvollen Hintergründe dieser Lebenswende, wie sie sich zugetragen haben könnten.     

Dreh- und Angelpunkt der Erzählung ist das Zusammentreffen Keyserlings mit seinen Schwabinger Künstlerfreunden Max Halbe und Lovis Corinth nebst weiblicher Begleitung im Jahr 1901. Später gesellte sich noch Frank Wedekind dazu. Die Truppe teilte sich, wie schon in der Vergangenheit, für einige Wochen ein Häuschen am Ufer des Starnberger Sees. Die Stimmung changierte zwischen ausgelassen und angespannt; zumal Keyserling insgeheim in Charlotte Berend verliebt war, die Gefährtin von Corinth, der seinerseits das sommerliche Licht für ein Porträt Keyserlings nutzen wollte – was dieser zunächst ablehnte, auf Drängen Charlottes dann aber doch einwilligt. (Das Werk schmückt die Innenseite des Buches und hängt heute in der Münchner Neuen Pinakothek.)  

In mehreren Zeitsprüngen richtet Modick den Blick in die Vergangenheit. Zurück in die Wiener Jahre des Grafen, geprägt von ausufernden Vergnügungen der unterschiedlichsten Art; in jene kurze Lebensphase, als Keyserling sich mehr widerwillig als ambitioniert der Bewirtschaftung der familiären Landgütern widmete; und natürlich in die Doprater Studienjahre, als der Student der Rechtswissenschaften in jenen Skandal verwickelt war, der ihn zur Flucht aus dem bürgerlichen Leben veranlasste und das Fundament gelegt hat, für sein Leben als freier Schriftsteller und Boheme.

Modick erzählt diese Geschichte, die weniger auf Fakten als auf Interpretationen beruht, mit der notwendigen Zurückhaltung. Ihm geht es nicht um Effekthascherei, sondern darum, zu verstehen, wie im Leben des hässlichen Grafen, der sich zeitlebens für die schönen Dinge begeisterte, eines zum anderen gekommen sein könnte. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Frage nach dem „Korrekturbogen des Lebens“, der abseits des literarischen Schaffens natürlich nicht existiert. Das wusste auch Keyserling, so verlockend der Gedanke auch war. Er hatte sich damit abgefunden, mit seinem Äußeren, seiner Erkrankung, seinem Leben – und auch seiner Vergangenheit. Rückblickend erweist sich Keyserlings Geheimnis als eine Lappalie. Aber hinterher ist man bekanntlich immer klüger, während im Augenblick des Geschehens die Dinge riesengroß erscheinen.

Klaus Modick hat ein heiteres und zugleich melancholisches Buch geschrieben, einen Roman über einen liebenswerten Vergessenen der deutschen Literatur, der die Dinge, die ihn umgaben und hinter ihm lagen, mit der angenehmen Gelassenheit dessen zu betrachten vermochte, der wusste, dass alles immer noch viel schlimmer hätte kommen können.  

Neben Hans Pleschinskis „Wiesenstein“, dem Roman über den späten Gerhart Hauptmann, ist „Keyserlings Geheimnis“ der zweite deutschsprachige Künstlerroman dieses Frühjahrs. Mit leichter Feder verfasst, gelassen in Stil und Atmosphäre, bisweilen ironisch, ohne dabei verletzend zu sein, ist der schmale Band die lohnendere Lektüre als der doppelt so umfangreiche Roman von Pleschinski.

Klaus Modick
Keyserlings Geheimnis
Kiepenheuer & Witsch
2018 · 240 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-462-05156-8

Fixpoetry 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge