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Kritik

Kontinent Doderer

Klaus Nüchtern leistet Einstiegshilfe
Hamburg

Als „ganz gewiss ein Minderheitenprogramm – so wie auch Dante, Dickens oder Dostojewskij” bezeichnet Klaus Nüchtern, in Österreich vor allem als Feuilletonchef der Wochenzeitschrift „Falter” bekannt, den in den 1950er-Jahren für den Literaturnobelpreis vorgeschlagenen Wiener Romancier Heimito von Doderer. Wer den als elitär verschrienen Wiener darum auslässt, verpasst ganz bestimmt etwas, behauptet Nüchtern weiter.

Damit ist das Anliegen seines  zum Doderer-Jubiläum im Vorjahr erschienenen Buches „Kontinent Doderer” hinlänglich erklärt: Es wolle zeigen, kündigt der Verlag an, „wie die Literaturmaschine Doderer funktioniert und wie man sie zum eigenen Pläsier benutzen kann.”

Und genau dieser Gefallen wurde bestens geleistet: In den als „schwierig” verpönten Autor einzuführen, über den sich die klassischen Worte sagen ließen: „Wer wird nicht einen Klopstock loben! Doch wird ihn jeder lesen?: nein!” gelingt Nüchtern auf ergötzliche, aber dennoch fundierte Art so gut, dass sich seinerseits behaupten lässt: Doderer nicht zu lesen, ist ein Versäumnis!

Aber wer ist denn überhaupt dieser gescheit raunzend österreichische, rührend alt-österreichische, dabei eklatant unösterreichisch moderne, Proustianisch verfahrende Heimito von Doderer?

Um gleich vorweg meine Haltung preiszugeben: Ohne die „Strudlhofstiege”, mehr noch die „Dämonen”, wäre es mir nicht so gut gelungen, 1982 nach meiner Matura provinzflüchtig in der Bundeshauptstadt eingelangt, mich mit offenen Sinnen auf die historischen Stimmungsschichten Wiens einzulassen: Besser als Doderer eröffnet einem keiner den genius loci dieser Stadt.

Den drolligen Vornamen, der seinesgleichen nicht hat, erhielt der 1896 nach einer Reihe älterer Schwestern geborene Heimito, nachdem seine Mama bei einem Aufenthalt in Spanien einen herzigen Buben mit der Koseform als Klein-Jaime rufen gehört hatte. In die Familie eines der reichsten Bauherren des österreichisch-ungarischen Habsburgerreichs geboren, trat der junge Mann, kaum hatte man ihn für ein Studium an der Wiener Universität für reif erklärt, zu Beginn des Ersten Weltkriegs standesgemäß in eines der vornehmsten Kavallerieregimenter ein. Von diesem hohen Ross geriet der Doderer, zusammen mit seinem ehemaligen Hauslehrer und Freund, in russische Kriegsgefangenschaft. Man verbrachte Mannschaften und Offizierscorps in unterschiedliche Internierungslager nach Sibirien. Diese Ernüchterung der letzten Generation der Belle Epoque, von Autoren des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit später als brutales Erwachen beschrieben, sieht Doderer im Nachhinein anders. Die Jahre als Kriegsgefangener bezeichnet er später („Die sibirische Klarheit”) als das prägende Erlebnis, das aus dem Sohn aus reichen Haus einen Schriftsteller gemacht hat. Während der junge Herr in der Wiener Gesellschaft einer Reihe eitler Torheiten ausgesetzt gewesen wäre, erwarb er sich hier unter anderen Offizieren, darunter sehr viel belesenere, Bildung. Die russische Armee – die rote nicht anders als die weiße – behandelte hohe Chargen nobel. Die Lebensbedingungen im spärlich besiedelten Sibirien waren für die Bevölkerung ungeahnt rauer. In den Texten aus der Gefangenschaft berichtet Doderer seine Flucht aus Sibirien in die Mitte Europas, mithilfe von Bauern über den ausgedehnten eurasischen Doppelkontinent. An der roten Revolutionsfront war  kein Weiterkommen mehr. Die Österreicher sahen sich zur Umkehr gezwungen. Zu Fuß ging es tausende Kilometer zurück ins mittlerweile vertraute und dadurch sicherere Kriegsgefangenenlager... Nach Friedensschluss ordnungsgemäß entlassen, in Wien ein Heimkehrer zwischen den Generationen, widmete sich Doderer einem späten Studium der Wiener Stadtgeschichte und promovierte 1925.

Eines von Doderers Charakteristika ist, dass in seinen Romanen stets das Private intensiver als das Politische zu Geschichte wird. Als wolle er in stur akribischer Beschreibung des Empfundenen auf dem Individuellen beharren, straft er das dem Menschen von seiner historischen Umgebung Aufgedrängte Lügen, indem er äußere Änderungen zu Gunsten innerer Entwicklungen ignoriert.

Während des Zweiten Weltkriegs versah Doderer, der schon früh Parteimitglied der NSDAP gewesen war, Schreibtischdienst und verbrachte eine Zeitlang im Haus seiner Gattin bei Dachau, ohne dass er sich je zum nahen Konzentrationslager geäußert hätte. Man hat ihm beides angekreidet.

In der Nachkriegszeit brachte es der mittlerweile Über-50-Jährige zu Bekanntheit als Autor, ja zu einiger Anerkennung. Es waren dies die Jahre, in denen Österreich vom Rest der Welt, ja Europas, weitgehend isoliert war und die literarischen Entwicklungen sichtbarer in Deutschland – z.B. Gruppe 47 – fortschritten.

Romane waren nach der großen Ernüchterung kaum zu erwarten. Die Zeit des Wiederaufbaus mithilfe der Siegermächte verlangte nach Gedichten und Kurzgeschichten, wieder attraktiver Religiosität und lakonischem Realismus. Doderer nahm, wie die von ihm verehrten Hans Lebert („Die Wolfshaut”) und Gerhard Fritsch („Fasching”), eine gewürdigte Position als Einzelgänger an. Seinen Durchbruch als Romanschreiber, das wusste er selbst, hatte er 1951 mit der mehrere hundert Seiten langen „Die Strudlhofstiege” und ihrer noch umfangreicheren Verlängerung „Die Dämonen”. Nach ihrer Fertigstellung jubelte der beinah 60-Jährige im Tagebuch: „Ich wurde im Hochsommer 1955 in Wien als Schriftsteller geboren.”

Doderers lustvoll schwadronierender, um nicht zu sagen: gegen den Strom der Zeit stur barockisierender Prosa-Ton passt so rein überhaupt nicht zum vorherrschenden Duktus der Nachkriegsliteratur. Vor allem in Deutschland gab man sich kühn-progressiv. Doderer dagegen rekurriert in die Vergangenheit. Vor allem in seinen beiden epochalen Romanen, wo er die besten Momente einer Vielzahl von handelnden Personen beiderlei Geschlechts im untergegangenen Habsburger-Österreich ergründet. Deren verschlungene Pfade, mögen sie eitel und dreist oder vergeblich und edel gewesen sein, lässt er handelnde Personen ohne Wehleidigkeit sehen. Das erfolgt zumeist durch die dem auktorialen Erzähler eigene Verzeihens-Großzügigkeit – im Bewusstsein des Ganzen, die ironisch und weise gehandhabt wird. Der Erzähler – bzw. die Erzähler, die in Chronisten aus mehreren Generationen und Gesellschaftsschichten aufgeteilt sind – geht/gehen beim Erinnern des Aufgerufenen kunstvoll verschlungene, nein: vom Autor auf komplizierten Skizzen entworfene Wege.

Darin liegt Doderers Beitrag zur Weltliteratur: in der generalstabsmäßigen Bauleitung eines Zeit-Konstrukts, das die Kläglichkeit der Geschichte durch Ingenieurskunst in den Schatten stellt. Er führt sie in seinen Romanen vor, in unterhaltsame Erzählungen verpackt, erfüllte aber auch die Funktion eines Roman-Theoretikers mit großem Understatement.

Aus diesen Jahren erfährt man ein wenig über sein Leben und seine Persönlichkeit, darunter seine sexuellen Vorlieben, im biografischen Bericht „Jungfrau und Reptil” seiner Freundin und Kollegin Dorothea Zeeman.

Das Komplexe an Doderers Romanen widerspricht dem harmlos gemütlichen Wiener Lokalkolorit, das gewissermaßen seine Tiefstapelei darstellt. Viele schreckt beides ab, darum gehört der Autor nach wie vor nicht zu den Vielgelesenen.

Wenn einer Lust auf den schwierigen Doderer zu erzeugen – oder sie zu schüren – vermag, dann Klaus Nüchtern im vorliegenden Buch.

Es ist dem Literaturwissenschaftler und Essayisten hoch anzurechnen, dass er einen leicht zu lesenden, wenn auch nie seine Sache leicht nehmenden Zugang zu „seinem” Doderer schafft – den er durchaus nicht in den Himmel hebt oder von gegen ihn erhobenen Vorwürfen freispricht.

Nüchtern nennt „Kontinent Doderer” im Untertitel „Eine Durchquerung”. Damit will er nicht mehr als einen möglichen Querschnitt durch die zu erforschende Landmasse liefern, zur Anregung für eigene Reisen ins Neuland von Doderers Prosa. Tatsächlich entdeckt Nüchtern Züge am Doderer-Werk, die auch bekennenden Wiederlesern dieses Autors noch nicht bewusst waren, etwa die Parallelen zu Hitchcock-Filmen in der Zeit-Dramaturgie, die der erklärte Kino-Verächter Doderer für seine Prosa entwickelte.

Neu war mir, dass die Idee der Flucht durch das unterirdische Kanalnetz der Stadt für den im unmittelbaren Nachkriegswien spielenden Kinofilm „Der dritte Mann” von Doderer stammen könnte. Er galt als profunder Wien-Kenner und diente dem Autor Graham Greene als Reiseführer durch das Wien jener Tage.

Nüchtern findet einen kommoden Weg, Zitatapparat und Verweise dezent zu setzen, ohne dabei wissenschaftliche Glaubwürdigkeit und Nachvollziehbarkeit seiner Thesen hintanzustellen.

Eines eigenes Lobes bedarf das „Who is Who” zu sämtlichen Doderer-Figuren, im Anschluss an das eigentliche Buch. Dieses ist ja in Essay-artige Kapitel gegliedert, nach Abfolge von Doderers Biobibliografie.

Auf jeden Fall kann ich mir nach Lektüre von „Kontinent Doderer” kein besseres Buch vorstellen, um einen zu diesem Autor hinzuführen. Wer einiges davon erschließen möchte, das über ein kluges Vergnügen lohnenswert eigenwillige Weltliteratur ausmacht, ist mit „Kontinent Doderer” bestens beraten.

Klaus Nüchtern
Kontinent Doderer · Eine Durchquerung
C.H. Beck
2016 · 352 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-406-69744-9

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