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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Die Bedeutung des Belanglosen

Kristina Schilke trifft Elefanten
Hamburg

Die meisten Leute lesen lieber einen langen Roman als Erzählungen. In einen Roman kann man sich fallenlassen, man wird geführt, man ist Teil von ihm und freut sich schon auf den Abend, wenn man wieder in ihn eintauchen kann oder man sich von ihm sogar aufsaugen lässt. Bei Erzählungen geht das nicht. Da wird man nicht zum Eintauchen eingeladen, bei Kristina Schilke schon gar nicht, obwohl Jens Sparschuh in seinem kurze Klappentext zu ihrem Erzählungsband „Elefanten treffen“ von einem Kleinstadtroman spricht (und damit der Genrebezeichnung des Piper-Verlages auf dem Titel widerspricht). Alle Erzählungen finden in einem kleinen Ort namens Waldesreuth statt, sie kreuzen sich leicht, Figuren tauchen wieder auf. In dem Debüt der aus Russland stammenden 30-Jährigen, die seit 22 Jahren in Deutschland lebt, spielt ihre Herkunft keine Rolle. Eine bayrische Kleinstadt also. Jede Geschichte hat einen Ich-Erzähler. Man wird also gebeten, sich in 13 verschiedene Menschen hineinzudenken. In ihren Hader mit der Welt, mit ihrem Körper, mit ihrer Langeweile.

In „Geringe Unterschiede“ ist es eine 15-Jährige, die einen Igel findet, sie nimmt ihn mit nach Hause, wo er ihr und der Familie nachts den Schlaf raubt. Als der Igel endlich im Park ausgesetzt wird, beginnt das Mädchen nachts zu schlafwandeln. Der Zusammenhang bleibt offen und gibt dem Leser Rätsel auf, wie der Titel der Geschichte. Ebenso das kleine Bindeglied zu „Diejenigen, die kriechen“. Hier ist die Erzählerin diejenige, die sich als Kind eine Weihnachtskugel in den Mund steckte, was der Igelfinderin nicht aus dem Kopf ging, ein Lehrer hat es im Unterricht erzählt. Die Weihnachtskugel hatte Narben im Mund hinterlassen und die junge Frau, einst Kunststudentin, verkauft nun Lampen, die wie Insekten aussehen. Sie kann nicht vergessen, dass ihr Vater, der Lehrer, die Sache mit der Weihnachtsbaumkugel jeder Klasse erzählt. In der Erzählung heißt es:

Meine gesamte Schulzeit verlief fad. Es waren wesenslose Jahre, eine Geisterzeit. Dass ich daran teilgenommen habe, erscheint mir immer noch unglaubwürdig.

Es sind hingeworfene Brocken, man kann sie aufnehmen und überlegen, ob sie ein Puzzleteil des Rätsels sind. Was in dieser Geschichte kriecht, scheint die Krankheit Krebs zu sein, aber die fade Schulzeit und die Weihnachtsbaumkugel und warum der Vater diese Geschichte erzählen muss, bleiben als Puzzleteile übrig, fügen sich nicht ein. Und damit bekommen sie eine seltsame Bedeutung, die letztenendes die Bedeutung des Belanglosen ist. Eine Kritikerin verglich Kristina Schilkes Kleinstadtgeschichten mit Sherwood Andersons „Winesburg, Ohio“. Nimmt man da mal Andersons Geschichte (bleiben wir bei Kugeln) „Papierkügelchen“ heraus, dann weiß man, was der Titel sagt und was in den scheinbar belanglosen Papierkügelchen tatsächlich steckt (die „Wahrheitspyramiden“ des Doktor Reefy). Bei einem Teil von Schilkes Geschichten bleiben die Puzzleteile nebeneinander liegen und strahlen lediglich Bedeutung aus, ohne sich zueinander zu verhalten.

Andere der Geschichten sind geschlossener. „Der große Wunsch“ erschließt sich sogar als Titel. Es geht um ein ungeborenes Kind, das sich nicht entschließen kann zu bleiben, doch das Angebot der Irdischen – das Geräusch von mit den Flügeln schlagenden Tauben – streift ja nun doch den Kitsch. Am überzeugendsten ist „Zeit für Ruhe“ über die Freundschaft zweier Jungen, die auch zueinander stehen, als der kleine Hund des einen von einem Schäferhund angefallen wird und der andere zu dem Besitzer geht, um den kleinen Hund zu rächen. (Der Junge beißt den Besitzer in den Hals.) Hier stimmt der Minimalismus, was Kristina Schilke an Puzzleteilen vorlegt, fügt sich zu einem Bild. Ebenso „Heimchen und andere Insekten“, wo es um eine zarte Liebesbeziehung geht, die sich um Stabheuschrecken spinnt.

Natürlich gibt es zur Weihnachtsbaumkugel eine Erklärung, es ist ein „Fall von Zynismus“, erklärt die Protagonistin:

Hier ist die Weihnachtsbaumkugel. Hier bin ich. Und da ist die große weite Langeweile. Warum nicht die ersten beiden miteinander kombinieren?

Und der Vater, der stolz die Geschichte seinen Schülern erzählt, hält es für Abenteuerlust. Dass die Weihnachtsbaumkugel-Geschichte von Vater und Tochter unterschiedlich bewertet wird, ist ein schönes, viel erzählendes Detail, aber die Langweile-Interpretation der Tochter wirkt aufgesetzt. (Eine Siebenjährige langweilt sich kurz vor der Weihnachtsbescherung? Wenn ja, dann müsste man das erzählen, aber so ist es ein hingeworfener, Bedeutung ausstrahlender Brocken.)

Kristina Schilkes Band heißt: „Elefanten treffen“. Es ist nicht der Titel einer Erzählung, sondern ein Ereignis, ein Bikertreffen, das Elefantentreffen heißt und mehrmals in den einzelnen Geschichten auftaucht. Wenn eine Kritikerin die Debütantin mit Sherwood Anderson vergleicht, und Sparschuh mit der Bezeichnung „Kleinstadtroman“ das wohl auch nahelegt, tun beide ihr damit keinen Gefallen. Der Elefant Anderson ist einfach zu groß.

Kristina Schilke
Elefanten treffen
Piper
2016 · 224 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-492-05753-0

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