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Kritik

Alles, was wir erleben, ist in uns

Hamburg

Schon der Titel des neuen Romans von Kurt Drawert, Dresden. Die zweite Zeit verrät, dass es vor dieser zweiten Zeit seines Stadtschreiberjahrs 2017 eine erste Zeit gegeben haben muss. Diese beginnt genau fünfzig Jahre früher, als der Autor 1967 als Zwölfjähriger mit seiner Familie von Hohen Neuendorf nach Dresden zieht, wo der Vater eine leitende Stelle bei der Kriminalpolizei erhält. Dort verbringt Kurt Drawert in den 1970iger und 1980iger Jahren die wichtigen Phasen der Kindheit und Jugend, bis hin zum jungen Erwachsenendasein. Phasen, in denen er unter Familie und Staat gleichermaßen leidet.

Ich suche etwas, von dem ich nur weiß, dass es mir fehlt. Mit diesem ersten Satz nimmt uns Kurt Drawerts Ich-Erzähler, der sich K. oder Karl nennt, mit in eine Stadt, ___STEADY_PAYWALL___in der ihm außer dem Fluss auf den ersten Blick vieles fremd erscheint. Auch Pegida bleibt ihm ein Rebus, zu erklären durch fehlende Vergangenheitsbewältigung und die Scham, in der DDR zu vielem nicht nein gesagt zu haben.

Während K. seine Stadtschreiberpflichten mit Lesungen, Gesprächen und Interviews wahrnimmt, trifft er auf seine Vergangenheit, und wir folgen ihm atemlos durch sprachgewaltige und essayistische Darstellungen familiärer und gesellschaftlicher Verwerfungen. Ohne sich selbst zu schonen, fächert der Erzähler sie nach und nach auf, wobei, wie er schreibt, der Prozess des Erinnerns eine lineare Erzählung nicht zulasse.

Einer der Gründe, weshalb sich K. für den Aufenthalt in Dresden entscheidet, ist die Tatsache, dass seine Mutter hier lebt und er sie nun öfter besuchen kann. Die Mutter, die ihm als Kind oft abwesend erscheint, sich in Krankheiten flüchtet, die jetzt aber dem gerade aus dem Krankenhaus entlassenen Sohn auf den Anrufbeantworter spricht: Bin besorgt. Mutti. Dies ist nur eines der zahlreichen Beispiele, in denen sich Bilder aus Vergangenheit und Gegenwart überlappen und dadurch verändern.

Aber etwas in mir muss sich erinnern, um geheilt, oder wenn auch nicht das, so doch wenigstens verstanden zu werden. Es muss eine Übersetzung geben, von der einen in die andere Zeit.

Die familiäre Spurensuche ist stets mit Geschichte und Ansprüchen der DDR verwoben, ist doch der Großvater (angeblich) strammer Kommunist, Antifaschist und Widerstandskämpfer, der Vater ist ebenfalls angeblich (in Wirklichkeit hat er einen unehelichen Sohn) ohne Fehl und Tadel und voll auf Linie mit dem Regime, während der in den Augen der Familie nichtsnutzige Sohn die Mitgliedschaft in der FDJ verweigert, vergeblich in den Westen abhauen will, schließlich vor dem Abitur von der Schule fliegt und in einer verhassten Fabrik landet.

In einer wunderbaren Szene schildert der Erzähler, wie die Familie während der DDR-Zeit um ein Selbstbild kämpft, dessen Risse aber nicht verdecken kann. Als es nach Kriegsende nämlich opportun ist, jeden Sympathiebeweis für das Naziregime zu vernichten, beschließt die Familie entsprechende Briefe, Dokumente, Bücher, Fotos des Großvaters im Fluss zu versenken. Nur bestehen die Dinge auf ihrer Zeugenschaft, gehen nicht unter, sondern treiben aufgelöst und verwischt, aber immer noch lesbar ans Ufer.

Am meisten leidet der junge K. unter seinem Vater. Dies geht so weit, dass er, als er mit 18 Jahren zum ersten Mal heiratet, den Namen seiner Frau annimmt. Alles, was ihm wichtig ist, lehnt der Vater ab, einschließlich seines Schreibens. Dabei sind es gerade Literatur und Schreiben, die den Erzähler vor allem während seiner Fabrikzeit vor der Verzweiflung retten. Letztlich habe, so schreibt er, die DDR ihn zum Schriftsteller gemacht.

Schreibend hat er sich 1992 in seinem Buch Spiegelland, Ein deutscher Monolog mit seiner Familie auseinandergesetzt. Wie sehr ihn die daraufhin folgenden Zerwürfnisse mit Vater, Großvater, Bruder und zwei Onkel heute noch beschäftigen, beschreibt K. in dem gleichnamigen Kapitel: Spiegelland / Spaltungen. Zerwürfnisse. und in drei Kapiteln über den Vater. Dabei wird besonders deutlich, was oben schon im Zusammenhang mit der Mutter gesagt wird, nämlich, dass sich Blickwinkel nach so langer Zeit zumindest verschieben können.

Dies betrifft nicht nur das Bild von seiner Familie, sondern auch das von ihm selbst. Es ist auch eine Suche nach demjenigen, der er war, als er Spiegelland schrieb. Wie im ganzen Roman geht der Erzähler sehr selbstreflektierend und offen mit seinen eigenen Aussagen um. Obwohl er der Wahrheit verpflichtet sei, und daher kein Wort anders geschrieben werden könnte, findet er sich gleichzeitig in seinen Ansprüchen maßlos und verletzend und mich selber verletzend und dann doch wieder auf der Suche nach der Wahrheit. Er erkennt, dass der Konflikt mit dem Vater nicht nur etwas mit dem familiären Hintergrund zu tun hat, sondern ein Konflikt aufgrund des Systems war, das den Vater geformt hat. Heute würde er dem Vater anders begegnen, würde nicht darauf bestehen, verstanden zu werden, es würde ihm genügen, wenn der Vater sich bemühe. Vielleicht auch, weil er den älter werdenden Vater, den nach der Wende alle fallen ließen, über den Tod seines eigenen Bruders weinen und voller Kummer wegen seines kurzzeitig verschwundenen Sohnes Ludwig sieht. Ludwig, der noch weniger als sein ältester Sohn K. den Ansprüchen gerecht wird, der eine Sonderschule besucht und nach der Wende völlig verloren ist. Auch der Erzähler selbst macht sich große Vorwürfe, auf seinen kleinen Bruder nicht aufgepasst zu haben.

Als er den Vater kurz vor dessen Tod besucht, was bezeichnenderweise gleichzeitig das Ende des Romans ist, gibt es eine der Textstellen, die durch ihre Poesie über das Gesagte hinausweist:

Und dann brach sich das Licht der hereinscheinenden Sonne in seinem Blick, und für den Bruchteil einer Sekunde hat er mich erkannt – oder es kam mir so vor. Das, dieser Moment, war unsere einzige wirkliche Begegnung, und ich habe sie erlebt.

Während seines Aufenthaltes in Dresden überrascht den Erzähler Blitzeis, er fällt hin und seitdem geht ein Riss durch seine Schulter, was ihm bis heute Schmerzen bereitet. Der Riss als Metapher – alles, was wir erleben, ist in uns. Davon erzählt dieser autobiografische Roman. Poetisch, offen und sehr verdichtet. Für die Lektüre sollte man sich Zeit nehmen.

Kurt Drawert
Dresden. Die zweite Zeit
C.H. Beck
2020 · 294 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-406-75477-7

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