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Kritik

Für Heilberufe zurechtgezimmert

Hamburg

Selbstverständlich geht ein Übersetzer1 immer unter Einsatz seiner gesamten geistigen Person zu Werk, es geht kaum anders. Aber eines sollte doch Ziel sein: Die Autorität der Notation fremden Denkens in Form des Textes anzuerkennen und Demut vor dem Text zu beweisen. Dazu gehört auch, gelehrte Kommentare aus der philologischen Tradition des Herkunftslandes zu rezipieren und ernst zu nehmen. Michael Hammes ist weder demütig noch zeugt seine „Übersetzung“ des Dàodéjīng von einer auch nur ansatzweisen Kenntnis der chinesischen Geschichte der Rezeption und der Kommentierung des Klassikers. Stattdessen formuliert er in seiner Einleitung ein krudes Weltbild, das von vornherein verdeutlicht, dass seinem Versuch der sinologische, d.h. der wissenschaftlich ernsthafte Charakter, abzusprechen ist.

Dass der Einzelne und die Gesellschaft unausgeglichen sind, zeigt sich nicht nur in offensichtlichen Entgleisungen wie Krieg und Gewalt. Dort, wo Vorbildfunktionen wahrgenommen werden sollten, herrschen nun Geltungsdrang, grenzenlose Gier, Erfolgssucht, Skrupellosigkeit, Neid und fehlendes Verantwortungsbewusstsein. Im modernen Spitzensport, auf den Führungsebenen von Großkonzernen wie auch im Bankenwesen zeigt sich ein pervertierter Geist der Gewinnmaximierung und der bedingungslosen Konkurrenz. Der Politik fehlt der Mut zur Ehrlichkeit, zu allgegenwärtig ist die Praxis der Heuchelei.

Krieg als Entgleisung zu bezeichnen, trifft die Realität der reinen Destruktivität wohl kaum und Krieg sowie Gewalt haben doch wohl soziale, ökonomische, in manchen Fällen historische, religiöse und tribalistische Ursachen. Der Zerfall ziviler Normalität, das heißt Verlust anerkannter humanistischer Werte, ist immer auf sehr komplexe und diffizile Ursachen zurückzuführen. Pauschalisierungen in der Art des Zitats sind heute gang und gäbe, aber nichtsdestotrotz ohne Wert. Es mag einen „pervertierten Geist der Gewinnmaximierung“ geben, aber benutzt man solche Formulierungen, müsste man doch von dem kapitalistischen Wirtschaftssystem sprechen, andernfalls klingt es stark nach Wettern in der leeren Kirche.

Mir ist unbekannt, ob die Europäische Zentralbank von „grenzenloser Gier“ getrieben wird, wenn sie Schrottpapiere ankauft, um das europäische Währungssystem aufrechtzuerhalten. Nicht dass der Rezensent von vorherein Banken verteidigen möchte, aber in der Realität der Gesellschaften und Wirtschaften des 21. Jahrhunderts sind die Dinge doch ein wenig komplexer. Es gibt eine große Anzahl Menschen differenzierter politischer und weltanschaulicher Orientierung, die sich die Zügelung und Humanisierung der kapitalistischen Wirtschaftsweise zum Anliegen ihres Lebens gemacht haben. Ihnen werden die apodiktischen Sätze des Neurologen Michael Hammes sehr kurios vorkommen.

Auch Michael Hammes profitiert wie jeder, jedenfalls jeder westliche, Zeitgenosse von dem kapitalistisch erzeugten Überfluss an Gebrauchswerten, jeder ist aber auch durch seinen lebenslangen Konsum an der Irrationalität des Wirtschaftssystems beteiligt, die in der Konsequenz auf die Zerstörung der Lebensgrundlagen hinausläuft. Es wäre ja schön, wenn wir nur einen chinesischen Klassiker zu rezipieren bräuchten, um nicht mehr die Natur zu humanisieren, wie Karl Marx noch meinte, sondern die in seiner Sicht bereits infolge der ersten Industrialisierung humanisierte Außenwelt, die den menschlichen Interessen unterworfene Natur, wirklich zu renaturieren und damit wahrhaft dem Menschen anzupassen. Es bedarf aber doch ganz anderer Anstrengungen „als sich selbst ins Gleichgewicht zu bringen und zum Wohl der ganzen Welt beizutragen“, wie Michael Hammes am Ende seiner Einleitung propagiert.

Als ich auf der Buchmesse am Manesse-Stand das Büchlein öffnete, sprang mir der Begriff „Eröffnung“ ins Auge, mit der Michael Hammes die (Aus-)Sprüche 1-81 betitelt und ich wäre am liebsten dem Impuls gefolgt, dass Buch verärgert gleich wieder zu schließen und zurückzustellen. Der Begriff ist zunächst ein juristischer Terminus. Ein Testament wird z. B. eröffnet. Dann kann man darunter die Eröffnungen esoterischer Wahrheiten verstehen, die irgendein Apostel oder Sektengründer von sich gibt. Damit schiebt Michael Hammes den klassischen Text ohne jeden Respekt in eine von ihm gezimmerte Schublade, die der Text nicht verdient. Nicht nur das, es ist auch eine Form des Missbrauchs eines Kerntextes der chinesischen Kulturgeschichte für Michael Hammes‘ missionarischen Eifer, seiner Leserschaft zur „Freilegung des wahren Selbst“ (S. 14) zu verhelfen. Jeder Übersetzer sollte es den Rezipienten überlassen, selbst zu entscheiden, was sie mit dem angebotenen Text anfangen. Mit verblüffendem Selbstbewusstsein verwendet der „sprachliche Mittler“ (S. 453) oder Eröffner Michael Hammes die rhetorische Frageform:

Warum sind die vorliegenden Übersetzungen unbefriedigend? Weil sie der Botschaft des Textes nicht ausreichend auf den Grund dringen und weil sie die Kraft und die Magie der Sprache nicht hinreichend wiedergeben. (S. 453 f.)

Die sprachliche Magie Michael Hammes‘ zaubert dann wunderliche Sätze aus dem Nichts wie:

Die Erde ist rechteckig, und wir nehmen mit unseren rechteckigen Füßen festen Stand darauf ein. (S. 461)

Durchaus möglich, dass der promovierte Neurologe in seiner Bad Homburger Praxis die Akupunkturnadeln magisch führt, aber worin seine sinologische Ausbildung bestehen mag, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich weiß nicht, wo in der Sinologie die Rede von der „universellen Bedeutungsfunktion chinesischer Wörter“ die Rede wäre, ich verstehe auch nicht, was die universelle Bedeutungsfunktion eines Wortes überhaupt sein könnte. Worte haben ihre lexikalisch verbürgten Bedeutungen, die selbstverständlich einem historischen Prozess der Änderung unterliegen. So sollte der Übersetzer versuchen, die Bedeutungen zur Zeit der schriftlichen Fixierung eines Gedankennotats kennen zu lernen, was bei vor der Qín-Zeit, 221-206 v. Chr., entstandenen Werken regelmäßig nicht ganz einfach ist. Daher empfiehlt es sich, zunächst auf die wissenschaftlich erschlossenen und lexikalisch zur Verfügung stehenden Grundbedeutungen zurückzugehen. Ein Prüfstein ist der sechste Spruch des textus receptus, dessen erster Vers lauter:

谷神不死
gǔ shén bù sǐ.
Tal / Geistwesen / nicht /sterben.

Von den vier Wörtern gibt Michael Hammes zwei, das heißt die Hälfte des Verses unverändert, und ich meine richtig wieder: „[…] stirbt nicht“ (S. 53). Es sind einfache, klare Begriffe und auch ein Mediziner kommt offenbar an dem Verb „sterben“ nicht so ohne Weiteres vorbei. So weit, so richtig. Dann aber setzt Magie ein, aus Tal wird „Sich-Sammeln“. Aus welchem Grund sollte ein topographischer Begriff nicht „wort-wörtlich“ verwendet werden? Woher weiß der „sprachliche Mittler“, dass unter Geist, ein überaus wichtiger Begriff in philosophischen und religiösen Texten, nicht „Geist“ sondern die „kontemplative Geisteshaltung“ zu verstehen sei? Wie belegt er diese moderne, einengende semantische Festlegung? Es gibt keinen Beleg. Es ist Magie. Er zaubert folgenden Satz aus dem Zylinder:

Der lebendige Geist des Sich-Sammelns stirbt nicht; […]

Noch ärgerlicher, da schlicht falsch sind die Angaben zu einzelnen Zeichen: 牝 pìn zeigt als Piktogramm das Geschlechtsorgan einer Kuh. Der Begriff „Muttertier“ ist nicht belegt. Ich habe in meiner Übersetzung eine siebzehn Zeilen umfassende Anmerkung verfasst, die auch andere Wiedergaben anspricht. Selbstverständlich bedeutet es nicht, dass mein Kommentar von 2009 das letzte Wort sei, aber es ist ein sinologisches Argument. Wissenschaft bedeutet, auch ein Mediziner sollte es wissen, dass man auf Argumente seiner Vorgänger antwortet und aufweist, warum man eine andere, möglicherweise weiterführende Fassung befürwortet.

„Allmutter des Mysteriums“ ist dann der magische Begriff, der besser in das esoterische Schema passt. Wenn einer der Autoren oder Redakteure des Textes meint, Dào könne als „Mutter“ des Seins bezeichnet werden, tut er das auch und verwendet das Wort 母 „Mutter“ wie in Spruch 25.

Unsinnig ist die Behauptung das Zeichen 道 dào „Weg“ zeige einen Knaben, der einen „Ochsen am Seil führe“, es ist eine offensichtlich nach der Legende, der angebliche Laozi habe auf einem Ochsen reitend China nach Westen (Indien) verlassen, entstandene volksetymologische Erklärung. Das Piktogramm zeigt den Kopf eines Cerviden und eine Wegekreuzung, die erschlossene Bedeutung wäre „Wildwechsel“.

Es lohnt für die Rezension die Mühe nicht, die philologische Kritik weiterzuführen, Michael Hammes setzt die Reihe der sinologischen Dilettanten fort, darunter ein Bürgermeister, ein Anführer des Wandervogels, der Literat Hans Jürgen von der Wense, der Professor für Germanistik Jan Philipp Reemtsma. Ich kann für mich sagen, ich würde niemals mit Akupunkturnadeln auf einen Menschen losgehen, ohne die Kunst professionell zu beherrschen, aber welcher Text kann sich schon gegen Magie verwahren? Dem einst renommierten Manesse-Verlag, der mittlerweile zu Random House gehört, sei gesagt, dass die großen Worte auf dem Schutzumschlag

[…] das Manesse-Lektorat bürgt durch intensive Redaktionsarbeit an Erst- und Neuübersetzungen für größtmögliche editorische Sorgfalt

sich leider für das besprochene Buch nicht bewahrheiteten. Offensichtlich folgte der Verlag mit dem modisch aufgepeppten Konzept der einst wunderbaren Manesse-Bibliothek einem vorwiegend kommerziellen Interesse, anderenfalls hätte man vielleicht ein Gutachten aus einem der 21 sinologischen Institute in der Bundesrepublik oder auch aus der Universität zu Zürich eingeholt.

Wir wollen unseren alten, so genauen und für die frühe Zeit der Erstausgabe wunderbaren Victor von Strauß wiederhaben, auch ohne einen blauen Rabenvogel auf dem Schutzumschlag. Ihm ging es trotz seiner theosophischen Ausrichtung wie wohl jedem Sinologen weniger um die Magie der Worte als um philologische Genauigkeit, die gerade einem der Kerntexte der chinesischen Hochkultur angemessen ist.

  • 1. Im Deutschen steht die männliche Form für alle Geschlechterdefinitionen. Solange sich keine einheitliche orthographische Weise durchgesetzt hat, hält sich der Autor an die herkömmliche Form
Lǎo Zǐ · Michael Hammes (Hg.)
Dao De Jing
Aus dem Chinesischen von Michael Hammes. Mit Nachwort von Michael Hammes
Manesse
2019 · 480 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-7175-2478-6

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