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Rotpunkt_ Cesare Pavese Das Haus auf dem Hügel
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Rotpunkt_ Cesare Pavese Das Haus auf dem Hügel
Kritik

Daoistische Grüße

Hamburg

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Reemtsma,

da ich der Übersetzer einer der vier Fassungen des Dàodéjīng 道德經 bin, die Sie neben ihr Schreibheft legten, um Ihre Fassung zu erstellen, die Sie eine „Übertragung“ nennen, erlaube ich mir, die Form des Briefes zu wählen, um so etwas wie eine Rezension Ihres Buches zu verfassen.

Ich muss gestehen, dass ich eine „Beißhemmung“ empfinde oder weniger pathetisch: Ich habe angesichts Ihres Buches ambivalente Gefühle. Zum einen liegt es daran, dass ich Ihre Rolle in der intellektuellen Geschichte der Bonner Republik (und darüber hinaus) sehr schätze: Insbesondere Ihre Beförderung der Wehrmachtsausstellung1, die einen blinden Fleck in der Eigenwahrnehmung „dieses unseres Landes“ beseitigte, dann die von Ihnen getragene Übersetzung der großartigen Arbeit von Jean-Luc Domenach2 Chine : L'archipel oublié, Paris, Fayard, 1992. Und weiter die geradezu mythische Geschichte, dass Sie Arno Schmidt, dessen Werk ich seit den 1970er Jahren sehr schätze, angeblich, wie die Sage so geht, auf einem seiner Spaziergänge bei Bargfeld Unterstützung in Höhe der Dotation des Nobelpreises anboten. Vergleichbares geschah meines Wissens nur Hans Jürgen von der Wense3, dem die Erbin einer Reederei eine monatliche Unterstützung gab, von der er existieren konnte, bis die hochherzige Dame aus Norddeutschland das Zeitliche segnete. (Der Norden scheint insofern für Poeten eine gesegnete Gegend zu sein!) Ich habe immer wieder für Museen gearbeitet, weshalb ich Ihr Engagement für den Erhalt architektonischer und anderer Kunstwerke überaus schätze. Ich schreibe dieses, um zu zeigen, dass ich ein Bild voller Hochachtung des Adressaten dieses Briefes habe.

Sie geben mir Anlass, sozusagen eine kleine persönliche Poetologie des Übersetzens oder sagen wir etwas bescheidener: einige Merksätze zum Übersetzen aufzuschreiben.

§ 1: Die Autorität ist der TEXT, ihm und seiner kleinsten Einheit, dem WORT, bin ich verpflichtet. Ich versuche, kein Wort auszulassen, nichts zu verbiegen, keinen Zwang auszuüben, also dem TEXT keine Gewalt anzutun.

§ 2: Ich respektiere die Herkunft des Textes, in meinem Falle bedeutet es, ich orientiere mich an Rezeption und Auslegung des Textes im Land seiner Herkunft, ich achte also chinesische ältere und rezente Kommentatoren, damit die Altphilologie des Herkunftslandes, damit eben das Land und damit seine Kultur (die gegenwärtige politische Verfassung ist etwas anderes, ich stimme dem, was Sie in Ihrem Laozi zur Kulturrevolution schreiben, ganz und gar zu.). Augenhöhe ist gefordert, der imperiale Zugriff auf die geistigen Welten außerhalb Europas ist ein für alle Mal zu beenden. Richard Wilhelm ist ein Beispiel für die imperiale Haltung, obwohl er seiner Aufgabe nicht nachkam, chinesische Seelen in den geistigen Raum seiner christlichen Konfession zu ziehen, da er die chinesische Kultur schätzte und achtete. Aber er entging dennoch nicht der Gefahr, Kernbegriffe chinesischen Denkens in christlicher Weise zu deuten. Ich nenne es kulturelle Kontamination und wähle bewusst diesen negativ klingenden Begriff. Kontamination ist dann gleichbedeutend mit mangelndem Respekt dem Nichtidentischen, dem Diversen4, wie es Victor Segalen5 nennen würde, gegenüber. Erwin Rousselle6 „übersetzte“ Dào 道 in den 1930er Jahren allen Ernstes mit „Führerin des Alls“, das nenne ich eine Kontamination. Mir ist allerdings klar, dass man sich weder aus seiner Zeit hinauskatapultieren noch sich von seinen langjährigen mentalen Prägungen befreien kann. Aber als Übersetzer muss ich möglichst große Unabhängigkeit anstreben.

§ 3: Ich werde zeitliche und sprachliche Entfernungen akzeptieren. Ich kann aus einem Text der frühen Eisenzeit kein Elaborat des digitalen Zeitalters machen. Ich sollte ihm seine Würde und das heißt seine unzeitgemäßen, sperrigen, spröden, ja unverständlichen Züge belassen. Wie schon gesagt, ermöglichen Sie die Restaurierung alter Kunstwerke, ganz sicher werden Sie sich die Ergebnisse anschauen. Heute weiß man, dass man die Spuren des Alters nicht beseitigt oder überschminkt. Ich habe in meinem Volontariat vor langer Zeit im damals noch Museum für Kunsthandwerk genannten wunderschönen Meyer-Bau am Museumsufer in Frankfurt erlebt, wie man ein Qílín 麒麟, ein dem Löwen ähnliches Fabelwesen Chinas, der Reinigung mit dem Sandstrahlverfahren unterzog. Die Kustodin, Dr. Gunhild Gabbert-Avitabile, war entsetzt und ließ das hell strahlende Marmortier auf einen Außenbalkon verfrachten, wo es wieder Farbe, d. h. Patina, ansetzen sollte. Solche Bereinigungen sind eine Art Destruktion.

§ 4: Das Folgende sollte eigentlich selbstverständlich sein, als Hochschullehrer werden Sie sicher keine Einwände haben: Ein Übersetzer sollte sein Handwerkszeug beherrschen, vermeintlich schlicht: Er sollte über die besten Lexika verfügen und sie einzusetzen wissen. In meinem Falle heißt es auch, die etymologischen Lexika des Chinesischen bis hin zu den Piktogrammen, also den frühesten Graphen eines chinesischen Zeichens, zu benutzen. Sie wissen, welchen Wert Arno Schmidt auf den Meyer legte und so lege ich Wert auf das Grimmsche Wörterbuch7 oder den Kluge8 u. a., was meine eigene Sprache angeht.

§ 5: Ich lege auch frühere Übersetzungen neben meine Tastatur, es geht nicht darum abzukupfern, sondern um die produktive Auseinandersetzung in der Kontinuität meiner Disziplin. Dass Sie also meine Arbeit neben denen von Richard Wilhelm und Victor von Strauss benutzten, empfinde ich durchaus als Ausdruck von Wertschätzung.

§ 6: Ein Übersetzer klassischer Werke sollte nicht für das Publikum schreiben, schon gar nicht für den Marktplatz. Eingängigkeit, lukullische Süße der Sprache, die widerstandslos die Gehirnwindungen hinunterrutscht, sollte man der Unterhaltungsliteratur überlassen, sie hat ihre eigenen Werte und ist selbstverständlich nicht arrogant zu verdammen, aber das Dàodéjīng ist keine U-Literatur. Ich bin der Holprigkeit des Ausdrucks und schlimmer des Unvermögens geziehen worden: Sei’s drum: Es ist dem Rezipienten etwas abzuverlangen und zwar mentale Anstrengung, sich auch mit dem nicht Eingängigen, mit dem Spröden, ja auch mit dem Langweilenden zu befassen, wenn er das Fremde wirklich kennen lernen möchte, ohne dass ihm nur schmackhafte Bröckchen angeboten werden. Es wäre ein Sakrileg Arno Schmidts phonetische Schreibweise mittels eines sprachlichen Sandstrahlverfahrens zu „bereinigen“, nicht wahr? Oder: Was soll die Übertragung des Simplicius Simplicissimus in „gängige“ Sprache? Sollte man vielleicht auch Friedrich Hölderlin oder Stefan George eingängiger gestalten? Die „Lesbarmachung für Deutsche“ von der Arno Schmidt spricht, mag ja für Finnegans Wake noch angehen, ich bin mir aber sicher, dass er nicht das eingängige, keinerlei Widerstände bietende Lesen im Sinne des Brecht’schen Glotzens meinte.

Belassen wir es bei den sechs Paragraphen und kommen wir nach der Nabelschau zur Kritik. Eminent wichtig ist, dass Dào kein religiöser Begriff ist. Der Beleg steht an einer einzigen Stelle und zwar in Spruch 4.

„Ich weiß nicht, wessen Kind es (Dào) ist; / es scheint älter als Gottheiten zu sein.“ (RS9 S. 21)

Sie machen die Aussage zunichte oder Sie machen etwas anderes daraus:

Keines Vaters Kind
war vor jedem Herrn. (JPR10 S.14)

ist der „oberste Ahn“, der Hochgott, später auch Kaiser und in diesem Sinne dann vielleicht auch Herr, später! Also wenn Sie Gott als Herr verstehen, mag es angehen, aber die Eindeutigkeit haben sie beseitigt. Es geht doch gerade um die Abgrenzung eines irgendwie personal vorgestellten Pancreators, das war geradezu revolutionär. Ihre Fassung klingt schön, zugegeben, aber sie formulieren Ihren Text und stünden sie vor einem philologischen Tribunal (bewahre Gott!), hielte ihnen der gestrenge Richter vor: Sie verstießen grundsätzlich gegen § 1 und weiter gegen § 4.

Kommen wir zu Spruch 6. 2009 befürchtete ich, man werde mich für meine Übersetzung des Spruches angreifen, zu Unecht, meine Disziplin befindet sich, was die sinologisch-philologische Kritik angeht, im Tiefschlaf11. Ich habe meine Übersetzung „Mystische Vagina“ auf 17 Druckzeilen (Dank sei meinem Lektor Herrn Dieter Meier, der mir vollkommene Freiheit ließ!) begründet und für das entscheidende Schriftzeichen auf das Piktogramm zurückgegriffen:

Das wie ein Tal [leere] Geistwesen vergeht nicht.
Das heißt >Mystische Vagina<
Das Tor der Mystischen Vagina -
dies heißt Wurzelgrund von Himmel und Erde.
Sich hinziehend wie seiend
wendet man es an, kann man es nicht ausschöpfen. (RS S. 25)

Ich zitiere aus meinem Kommentar:

pìn zeigt als Piktogramm die >Vagina eines Rindes<, später >Weibchen, tiefe Höhle< […].(RS S. 25)

Frühe Eisenzeit: Geburtsvorgänge sind in einer agrarischen Zivilisation alltäglich und vertraut. Meine Großmutter erzählte mir vor langer Zeit, dass sie als Mädchen im Schweinestall des Gehöfts meines Urgroßvaters am Kaiserstuhl dabei war, als eine Muttersau in der Nacht Junge warf. Meine Großmutter musste verhindern, dass die gerade geborenen Ferkel von dem Muttertier erdrückt wurden: Eisenzeit? Diese Erzählung ist meine Kontamination. Sie nennen mich nicht ohne Ironie Simon-den-Wörtlichen (JPR S. 119) genau im Zusammenhang des von Ihnen immerhin zitierten Spruches 6. Sie machen daraus:

Die Fee des buschigen Tales
ist das Ewig Weibliche.
Ihre Höhle
ist der Ursprung der Welt -
Grund von allem
unergründlich. (JPR S. 16 und 120)

Welcher Rückschritt! Sie setzen auf die von Prüderie herrührende Ungenauigkeit älterer Übersetzungen. Was ist denn das ewig Weibliche? Die verführerische Wirkung der Frau? Der Zauber der Frau? (Darf man das heute nach dem avenidas-Skandalon eigentlich überhaupt noch sagen?) Oder etwa digital angemessen: Sexappeal? Es gibt in der chinesischen Mythologie keine Feen, Günther Debon12 hat sie in seiner Reclam-Übersetzung erfunden, das ist Grimmsche Märchenwelt und nicht 375-275 v. Chr. Altchina! Und welcher Hanse-Seeteufel hat Ihnen denn das buschig eingeflüstert, das ist nun unsäglich und ich stelle mir vor, welche Assoziation wohl Arno Schmidt hätte. Es steht einfach nur谷 da und das heißt nun einmal einfach Tal. Ursprung der Welt. Sie denken an das lange versteckt gehaltene Bild von Courbet: passend. Und die letzten beiden Zeilen sind sprachlich wirklich gelungen, der unergründliche Grund, wie schön, aber leider haben sie nicht das Geringste mit dem Original (das daneben abgedruckt ist!) zu tun, sie sind somit nicht einmal eine freiere Wiedergabe.

Ich könnte in dieser Weise durch alle 81 Sprüche hindurch fortfahren, belasse es aber bei diesen beiden Beispielen. Ich bin kein Wort-Inquisator, wenn auch ein Herr Jürgen Werth in der Rezension Ihres Buches auf NDR-Kultur13 ebenso verächtlich wie töricht von „chinesisch-deutschen-Vokabelverwaltern“ raunt. Das laste ich ihnen nicht an, denn sie kennen aus eigener Erfahrung die Schwierigkeiten eines Sinologie-Studiums.

Selbstverständlich darf man tun, was sie taten: Eine Art Kompilation aus drei (oder mehr) Vorlagen herstellen, in meiner Sicht ist es eine Art interkulturellen Sprachspiels, das Ihnen expressis verbis auch Spaß bereitete. Wie schön! Aber man darf es nicht „Übertragung“ nennen, denn das Wort ist die Übersetzung des Fachbegriffes Translation, der heute der Name der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Tätigkeit des Übersetzens ist.

Ich stelle mir das Schreibheft, sicher kein einfaches 68 Cent-Heft, vor, auf einem Tisch in dem so klaren, wunderschönen, klassizistischen Raum, dessen Abbild den Internet-Auftritt Ihrer Stiftung schmückt und sage: Wäre es doch dort geblieben, in dem schönen, privaten Raum, es ist doch Ihr Laozi und nicht der Laozi und nicht einmal einfach Laozi.

Daoistische Grüße von Simon-dem-Wörtlichen

Laozi · Jan Philipp Reemtsma
Daodejing / Der Weg der Weisheit und der Tugend
C.H. Beck textura
2017 · 124 Seiten · 14,95 Euro
ISBN:
978-3-406-71485-6

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