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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
Kritik

Lob der Melancholie

Hamburg

Vor rund 30 Jahren hat László F. Földényi sich in seinem Buch „Melancholie“ erstmals mit der „schwarzen Galle“ der vier Temperamente auseinandergesetzt. Danach war das Thema nicht ausgereizt. In zahlreichen Werken veranschaulichte er seine obsessiv gesponnenen Fäden der Melancholie, die er schon in den Titeln anklingen lässt, etwa jenem über die „Nachtseite der Malerei“ (Untertitel) von Caspar David Friedrich, dem „Abgrund der Seele“ eines Francisco de Goya oder des Essays „Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus“. Der 1952 in Debrecen geborene, umtriebige Kunsttheoretiker, Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Essayist zählt zu den bedeutendsten Intellektuellen Ungarns, leitet den Lehrstuhl für Kunsttheorie an der Akademie für Theater und Film in Budapest und ist u.a. der Herausgeber der gesammelten Werke von Heinrich von Kleist in ungarischer Sprache. Seit 2009 ist er überdies Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Nun kehrt er mit „Lob der Melancholie. Rätselhafte Botschaften“ ein weiteres Mal zu seinem Lebensthema zurück, einer Sammlung von Essays, die von Akos Doma aus dem Ungarischen übersetzt wurden, für die ihm der diesjährige Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung zugesprochen wurde. Der Termin der Verleihung ist allerdings wegen der Absage der Leipziger Buchmesse auf das Jahr 2021 verschoben.

Lob der Melancholie. Viel habe ich darüber nachgedacht und noch mehr zum Thema gelesen. Aber während ich über die Melancholie sinnierte und an diesem Buch arbeitete, versuchte ich allen Fragen aus dem Weg zu gehen, woran ich denn gerade schrieb. Denn auf diese Frage folgte in der Regel eine zweite: Und was ist die Melancholie? Worauf ich nichts zu erwidern wusste, ... Obwohl ich seit Jahrzehnten darüber nachdenke und auch schon früher darüber geschrieben habe. Aber es ist, als verhüllte der Begriff der Melancholie die Melancholie selbst. Die Worte machen das, worüber sie sprechen sollen, zunichte. Je naheliegender die Antwort zu sein scheint, desto stärker ist das Mangelgefühl, das sie begleitet.

Es ist das Nicht-Begreifbare, das den belesenen Denker antreibt und fasziniert, um das seine Wissbegier und sein Staunen schweifen. László F. Földényi beleuchtet Facetten der Melancholie, ist dabei selbst mittendrin, als Suchender und Fragender, der dem Rätsel Melancholie auf der Spur ist und damit auch sich selbst. Er fasst ihr Wesen nicht in eine gefällige Ein-Satz-Wahrheit, sondern platziert Wahrheiten, durchaus manchmal in Ein-Wort-Sätzen, die wie Kiesel seinen Denkweg säumen:

Jenseits von Ordnung und Unordnung: Das ist die Melancholie.

Sie sind das Ergebnis von Überlegungen, die um das Objekt des Interesses aus vielerlei Perspektiven mäandern, die Verknüpfungen ziehen, abwägen und relativieren, auf zahlreiche frühere Arbeiten zur Melancholie Bezug nehmen. Und Földényi führt vor, dass es keine schnelle und einfache Antwort gibt, mit der die Melancholie gefasst werden kann. Behutsam nähert sich der Autor seinem Thema an, umkreist es in Essays, spannt die Fäden seines Wissens und seiner Erkenntnisse zu einem dichten, lesenswerten Gewebe, in dem und durch das die Melancholie schwebt und wabert. Er schafft es mit seinen Ausführungen, uns „[j]enseits von Wissen und Gefühl“ eine Ahnung zu vermitteln, was denn die Melancholie für ihn sei, auch jener Zustand, in dem sie „erwacht“, wenn „man damit konfrontiert wird, wie wenig man Herr seines Daseins ist“.

Das ist die Melancholie, Revolte und Resignation, anschwellende Vitalität und Versinken in sich selbst, Inspiration und Lähmung.

Das Buch beginnt mit einer Selbstbeobachtung. Der Autor liegt müde auf einer Wiese. Erinnerungen steigen auf an seinen ersten Toten, den er als Kind gesehen hat, und er gleitet, ja versinkt in Körpererfahrungen des Jetzt, spürt der Wirkung der Schwerkraft nach bis zum ganz und gar unsentimentalen Empfinden, „[d]er Körper ist ein bodenloser Abgrund.“ Und das Buch endet mit einem persönlichen Text, wenn er in „Zwei Augenpaare“ die Rolle des Bewusstseins beim Blick in die Augen zweier ihm naher Menschen reflektiert. Zunächst sieht er in die sich erstmals öffnenden Augen seines neugeborenen Sohnes, für ihn ein „Schöpfungsakt, bei dem das Sehen geboren wurde“, dann in jene seines Vaters kurz nach dessen Tod, die auf nichts mehr gerichtet sind. Auch andere Essays nehmen ihren Ausgangspunkt bei persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen, etwa einem Urlaub in Spanien, einer Wanderung in der nördlichen Eifel oder Lektüren. Wie Földényi über gleich drei Kapitel und zahlreiche Unterkapitel dem rätselhaften Steinblock in Albrecht Dürers „Melencolia I“, der „bis heute bekannteste[n] bildliche[n] Darstellung der Melancholie“ aus dem Jahr 1514 nachspürt, ist nicht nur erstaunlich, sondern schlicht großartig. Er stellt Vermutungen zu einer möglichen Bekanntschaft Dürers mit Giorgione an. Denn für ihn ist der

ruinöse Bau in Giorgones Gemälde „Das Gewitter“ ... wie eine Flaschenpost. Er wurde zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts ins Meer der europäischen Kultur geworfen und tauchte dann mal hier, mal dort auf, in den vielfältigsten Formen, von denen manche dem Original nicht einmal mehr ähnlich waren. Mal erschien er als regelmäßig behauene Polyeder, wie auf Dürers Kupferstich „Melencolia I“, dann wieder als Monolith, wie in Stanley Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltraum“. Aber man erkennt ihn auch in der Kapelle wieder, die Peter Zumthor zu Ehren von Bruder Klaus in Wachendorf bei Köln erbaut hat.

Földényi zieht seine Denkfäden zu zahlreichen anderen Künstlern, insbesondere zu Anselm Kiefer, dem er ein eigenes Kapitel widmet. Denn auch in dessen Werk taucht Dürers Polyeder wiederholt auf, etwa in der aus drei Teilen bestehenden Statuengruppe „Die Frauen der Antike“: anstelle des Kopfes der griechischen Philosophin Hypatia ist Dürers Polyeder zu sehen, sie erscheint nun „als Inkarnation der Melancholie“.

Nach Ausführungen zu Tätowierungen, Überlegungen zum Werk von Francis Bacon und Gedanken zu seinem früh verstorbenen Bekannten, dem Melancholiker Michael H. Parkinson, landet Földényi schließlich beim Film. Das Kapitel trägt den Titel „Abgesang auf das Kino“ und ist das enttäuschte Lamento eines Kulturpessimisten, der eloquent darzustellen versucht, dass früher alles besser war und warum. Doch es vermag mit der Dichtheit und Schlüssigkeit der Argumentation in seinen anderen Essays nicht mitzuhalten.

Was überdies auffällt, ist der eingeschränkte Blickwinkel. Denn Földényi widmet sich einem männlichen, westlich (vorwiegend europäisch) geprägten Bildungskanon, ruft zahlreiche Künstler als Zeugen auf, führt sie und ihre Werke namentlich an, zitiert, setzt sich auseinander. Weder reicht sein Blick geografisch nach rechts oder links, noch sind Frauen in der Kunstwelt für ihn existent, außer als Motiv, siehe Hypatia. Da ist der Künstler xy, der Schriftsteller, Wissenschaftler, Ökonom, Fotograf usw., viele berühmt, einige, die man hier kennenlernt, alle männlich versteht sich. Wohl erwähnt er Virginia Woolf und Ingeborg Bachmann, doch in keinem Kapitel scheint ihm das Werk oder das Zitat einer Künstlerin eingehenswert. Das erstaunt bei einem derart gebildeten Kunsttheoretiker doch einigermaßen. Welche Kunsttheorie prägt er mit seinem Vorgehen, welche Lehre verbreitet er, wenn er sich für seine Forschungen bloß mit der einen Hälfte begnügt, wenn er doch das Ganze haben könnte? Oder sollen Frauen sich nach seinen Aufzählungen männlicher Künstler unter dem Zusatz „auch diese Liste ließe sich lange fortsetzen“ oder „und all der anderen“ wiederfinden wollen, weil sie irgendwie eh mitgemeint sind?

Fazit: Ein faszinierendes, lesenswertes Buch – mit Abstrichen.

László F. Földényi
Lob der Melancholie / Rätselhafte Botschaften
Übersetzung: Akos Doma
Matthes & Seitz
2019 · 280 Seiten · 30,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-708-5

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