Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Verlustgefühl

Hamburg

Erneut aufgelegt, diesmal als Paperback 027, der Klassiker aus den 80er Jahren von László Földényi Melancholie. Das Besondere dieses Essay ist, abgesehen vom Faktenengagement, dass seine spezifische Schreibweise das Thema als eine Leseerfahrung transportiert, ohne anscheinend selbst davon zu wissen. Er könnte auch von etwas völlig anderem handeln, der Satzbau ist es, diese dunklen, schweren überladenen adjektivistischen Sätze, der Stil Földényis, der selbst so melancholisch ist, dass Leser:innen unausweichlich selbst in jenen Gefühlsstatus getaucht werden, ob sie wollen oder nicht.

Földényi zählt auf, erzählt von der Antike, den Mysterien, der Verwandtschaft zwischen der Melancholie und dem Wahrsagen, den Expeditionen des Mittelalters, der Renaissance, dem ständigen Pendeln zwischen Krankheit und Begabung, der „Exploitation“ des Spleens durch die Romantiker, der Vermarktung des Sich-Sehnens als Lebensform, schließlich der neuzeitlichen Psychologisierung der Schwermut als „Geisteskrankheit“ – ohne zu einem Ende zu kommen. Denn klar ist, die Melancholie ist unendlich. Der lange Essay Földényis landet im Nirgendwo, man kann diesem Status von außen nicht nahe kommen, man kann es nur einordnen und aus einer eigenen Perspektive teilhaftig werden (alles ist / war möglich, negativ wie produktiv – die anhaltende Vertauschung von Ursache und Wirkung), denn grundsätzlich kann man es nur selbst erfahren, fühlen, was das ist, Schwermut, der „negative Abdruck des Alltags“. Sie steckt in jedem Satz dieser dennoch wissenschaftlichen Prosa, und deutlich zu erkennen ist auch, wann der Autor Fakten nüchtern in einen Zusammenhang stellt, und wann er sich selbst einschaltet als Kommentator, der die eigene Ergriffenheit vor dem Thema nicht länger zurückhalten kann. Musik und Bildende Kunst sind es, die Földényi triggern, wo Ätiologie in Sturheit wechselt.

Wenn die Welt dem Melancholiker, den die Gegenstände immer bedrohlicher umgeben, nicht die Möglichkeit bietet, sich ein Zuhause zu schaffen, dann wächst die Funktion der Musik, die zum melancholischsten der künstlerischen Zweige wird, da sie bar jeden Gegenstands ist.

Die mittelalterliche Belegung mit einem Bann: „der melancholische Mensch bleibt sich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch selbst überlassen, er löst sich vom Gotteshaus und wird zum Freiwild des Teufels“.

Der bürgerliche Entwicklung zur finalen Verbannung jenes Todeswunsches: „Hart formuliert bedeutet das, dass eine Gesellschaft umso lebensfähiger ist, je weniger sie sich um die Kunst kümmert. Die Melancholie verhält sich zur neuzeitlichen Kunst wie zu den Mysterien der Antike, und wie dieses ist auch die Kunst zweideutig: demokratisch, weil jedem Einlass gewährt wird, aber auch aristokratisch, weil nur wenige diese Möglichkeit wahrnehmen können und noch weniger jene Strapazen auf sich nehmen, an deren Ende sie den Schleier, der die in der Dichtung verborgen liegende Wahrheit verhüllt, wie Schillers Held zur Seite ziehen und das sie bedrohende Nichts erblicken.“ Hier geht Földényi noch weiter, indem ein permanentes Problem besonders heutiger Kunstzuweisung / -deutungshoheit in eine mögliche Aburteilung aus bürgerlich-kapitalistischer Sicht gerät:

Und da die bürgerliche Welt verspricht, dass sie sich über jedes Problem erheben kann, wird die Melancholie auch mit Vorliebe zu einem Gegenstand der gesellschaftspolitischen Beurteilung: Die alles integrierende bürgerliche Mentalität betrachtet sie als eine politisch-soziologische Frage, als ein aus der gesellschaftlichen Situation erklärbares Problem, das man – sei es mit Waffen, sei es dadurch, dass man auf seinen Ursprung verweist – bereinigen kann.

Ein Höhepunkt ist Földényis abgeschlossene (Mikro-) Geschichte um den verlorenen Stift. Hier soll das alles bestimmende Verlustgefühl, gewiss freudianisch inspiriert, seinen wichtigen Platz unter den Erfahrungen erhalten. Herausgekommen ist ein ganzer Burton in wenigen Sätzen (auch wenn Burton dem Zeitenzweig der Bannleute contra M. zugehörig war):

Das Verlustgefühl [...] ist keine einseitige Erscheinung: Das Wesentliche des Verlustes ist nicht die bloße Tatsache, dass ich etwas verliere, sondern dass etwas, was in meinem Besitz, aber zugleich Teil der Welt ist, seine Stellung im Dasein verändert und sich dadurch nicht nur seine Situation modifiziert, sondern auch mein Dasein. Zwischen dem Verlust eines Stiftes und des Lebens gibt es so gesehen nur einen graduellen Unterschied; wenn ich meinen Stift verliere, spinnen sich die Folgen dieses Verlustes weiter fort: ich kann nicht schreiben, ich muss mir einen neuen Stift suchen, möglicherweise tut es mir um den alten leid, weil ich mir schon lange gerade so einen gewünscht hatte, mit meinem neuen Stift werde ich sorgfältiger umgehen, werde mir merken, wohin ich ihn gelegt habe, werde mir vielleicht sogar einen entsprechenden Behälter anschaffen, aber auch wenn nicht, wird mir einfallen, dass ich einen Stift hatte, der verloren gegangen ist und somit werde ich nicht nur einen neuen Stift haben, sondern auch eine Erinnerung etc. All dies kann sich innerhalb von ein paar Minuten abspielen, kann sich vielleicht auch ein, zwei Stunden hinziehen, aber, wenn es um einen Stift geht, keinesfalls länger als ein, zwei Tage. Es kann sein, dass ich an dies alles gar nicht denke; dennoch, der Verlust des Stiftes ruft schon „an sich“ eine Veränderung in meiner Welt hervor; nicht dass diese irgendwann fixiert gewesen wäre, doch lenkt der Verlust die Aufmerksamkeit auf die endlose Veränderlichkeit des Daseins. Zumeist nehmen wir mit Verdruss Kenntnis von einem eingetretenen Verlust, der Verdruss aber beweist, dass es nicht darum geht, dass der verlorene Gegenstand in die Welt der neutralen Gegenstände zurücksinkt, sondern dass die innige Beziehung zwischen den Gegenständen und den Menschen umgestaltet wurde (bis zum Eintreten des Verlustes ist der Gegenstand – scheinbar natürlich – neutral, äußerlich). Ich ärgere mich, weil mit dem Verlust meines Stiftes mein im tieferen Sinne verstandenes Eigentum verloren gegangen ist, es ist damit ein Stück aus mir herausgerissen worden, und sei dies noch so unbedeutend. Der Verlust ist ja auch nicht die Analogie einer mathematischen Subtraktion, sondern eine menschliche Situation. Im Verlust und dem folgenden Verdruss ist aber auch die Mahnung enthalten: Irgendwas ist unvermeidlich beschädigt worden. Was das ist, ist zumeist nicht feststellbar. Zu schnell greifen wir nach einem anderen, neuen Stift, als dass wir darauf stoßen würden, was eigentlich passiert ist. Wir können nicht sagen, dass der Stift aufgehört hat zu sein (vielleicht liegt er unter dem Bett), und auch ich bin an dem Verlust nicht zugrunde gegangen. Und dennoch, irgendetwas hat sich verwirrt, nur so weit, dass ich einen Fluch nicht unterdrücke, um, wie bei allen Flüchen, zu verhüllen: Diese kleine Störung ist ein Vorbote jener bestimmten letzten, großen Störung.

Ergiebige Essayliteratur, auf der Suche zur ätiologischen Kunstquelle.

László Földényi
Melancholie
Übersetzung:
Nora Tahy und Gerd Bergfleth
Matthes und Seitz Berlin
2020 · 438 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3957579263

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge