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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Gruppenbild mit Spionin vom „Amt für Staatsmoral“

Hamburg

Wer bei der im Klappentext angekündigten „urbanen Dystopie“ an glatte Fassaden und sterile Neon-Ästhetik à la „Metropolis“ oder „Blade Runner“ denkt, dürfte von Laura Lichtblaus Debütroman „Schwarzpulver“ zunächst irritiert sein. Die erste Figur, die spricht, ist Elisa, genannt Burschi, und ihr Tonfall ist alles andere als seelenlos-nüchtern. „Hier ist das Licht ganz brüchig, grün, wie sehr tief unter Wasser; es zerteilt den Raum in zerbrechliche Fragmente“, so beschreibt sie ihr Refugium, den verwilderten Wintergarten eines alten Ehepaars, dem sie ab und an Gesellschaft leistet. Barock-verspielt, durchsetzt von floraler Metaphorik, manchmal geradezu weltentrückt geht es weiter. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch Rückblenden in Burschis Kindheit in einem bayrischen Bergdorf, in dem die Mutter Eierwärmer für die Wintersportgäste häkelt und Druden den Hähnen im Genick sitzen. Zwar siedelt die 1985 in München geborene Autorin ___STEADY_PAYWALL___ihre Geschichte in einem düsteren Berlin der nahen Zukunft an, doch versetzen einen dialektale Ausdrücke wie „Gschaftlhuber“, „Zwiderwurzen“ oder „dramhappert“ zugleich in die klaustrophobische Behaglichkeit von Burschis Kindheit.

Tatsächlich, begreifen wir nach und nach, lässt sich die engstirnige, abergläubische Dorfgemeinschaft als eine Art Keimzelle für die Entwicklungen des gesamten Landes verstehen: In der Erzählgegenwart nämlich regiert „die Partei“, eine rechtspopulistische Diktatur, die das Leben und die Freiheiten ihrer Bürger_innen in kleinen, wohl kalkulierten Schritten weiter und weiter zu beschränken sucht. Allerdings wirkt auch der Staatsterror seltsam anachronistisch: Dissidenten werden nicht etwa per Hate Speech in den sozialen Medien (symbolisch) oder per ferngesteuerter Drohnenangriffe (real) ausgelöscht, sondern ganz klassisch mit Feuerwaffen (dem titelgebenden „Schwarzpulver“) niedergestreckt. Die Überwachung der Bürger_innen erfolgt nicht durch Kameras, Social Scoring und GPS-Tracking, sondern überraschend analog – in Form von Bürgerwehr-Trupps in pflaumenfarbenen Uniformen, oder Spion_innen vom „Amt für Staatsmoral“. Eine solche Spionin wird beispielsweise in ein der Regierung suspektes Musiklabel eingeschleust, in dem der 19-jährige Charlie gerade ein Praktikum absolviert. Spezialisiert hat sich das Label auf Hip-Hop – der Partei ebenso missliebig wie Anglizismen, Dönerbuden und überhaupt alles, was irgendwie nach Multi-Kulti riecht. Aus der Innenperspektive ihrer drei Hauptfiguren, die in kurzen Kapiteln abwechseln erzählen, hätte Lichtblau indes mehr rausholen können. So bekommt zwar Burschi eine eigensinnig-poetische Stimme, Charlie und seiner Mutter Charlotte hingegen lassen sich stilistisch kaum voneinander unterscheiden. „Manchmal kriege ich das nicht so richtig auseinander, wo meine Mutter beginnt und wo ich aufhöre“, wirft Charlie an einer Stelle ein – die Ähnlichkeit mag also beabsichtigt sein, sorgt aber auch dafür, dass Charlie als Figur recht blass bleibt.

Mit Abstand der interessanteste Charakter ist sicherlich Charlotte, gerade weil man sie so schwer greifen kann: Weder zählt sie zur libertären Gegenkultur, noch ist sie der rechtspopulistischen Regierung hörig. Stattdessen scheint sie mit ihren gescheiterten Lebensentwürfen tragikomisch zwischen sämtliche Fronten geraten: Eine verlorene Liebe in Wien und ein aufgegebenes Töpferhandwerk im Hintergrund, verdingt sie sich nun als Präzisionsschützin bei der Bürgerwehr – jenem ironisch verzerrten Sammelbecken für „Wutbürger“ und „besorgte Eltern“, das in Lichtblaus dystopischem Szenario de facto die kaputtgesparte Polizei ersetzt. Der Psychohygiene wegen lässt Charlotte sich regelmäßig Mistelspritzen verpassen, ist allerdings auch dem Cognac stark zugeneigt – was ihrer Zielsicherheit nicht unbedingt zuträglich ist. Schnell merkt man: Zu Ende gedacht ist bei Charlotte nicht allzu viel, und gerade das macht sie so authentisch, wenngleich nicht durchwegs sympathisch. Mit Politik hat sie nicht viel am Hut, aber „das Gefühl einer schweren, glatten Pistole in der Hand ist extrem beruhigend“, und „wenn Menschen ausnahmsweise mal Respekt vor einem haben, dann ist das wirklich angenehm“. Ob sie Ordnung will oder Chaos, ändert sich je nach Stimmungslage.

Es sind insbesondere diese hintersinnigen Ambivalenzen, die einen lange bei der Stange halten – irgendwann aber fragt man sich doch, wohin „Schwarzpulver“ eigentlich steuert, was die Autorin hier erzählen will. An Parallelen zu gegenwärtigen reaktionären Tendenzen mangelt es nicht: Statt Sexualkundeunterricht gibt es Stammbaum-Workshops, antirassistische Plakate werden zur „staatsfeindlichen Propaganda“ erklärt, Frauen, die Frauen lieben, nicht gerne gesehen, ebenso wenig solche, die kinderlos bleiben und/oder Karriere machen. Platt gesagt: „Demo für alle“-Slogans treffen AfD-Geschwafel. Das soll natürlich eine Warnung sein. Zumal in „Schwarzpulver“ alsbald handfeste Verordnungen folgen: Zunächst erfasst das „Ministerium für Volksgesundheit“ diejenigen, die von der Hetero-Norm abweichen, dann alle psychisch Kranken.

Natürlich ist es gut und richtig, immer wieder daran zu erinnern, die Gräuel des „Dritten Reichs“ nicht zu wiederholen – doch Lichtblau verspielt den wachrüttelnden Effekt, indem sie aktuelle Zustände fast unverfremdet in ihr Zukunftsszenario einsetzt. Was ungefähr so verkürzt ist wie die Annahme, die 2020er Jahre seien eine direkte Re-Inszenierung der 1920er. Die Analogien zu SA-Trupps, NS-Rassegesetzen und Euthanasiebestrebungen, aber auch zu Stasi-Überwachungsmethoden sind so deutlich, dass sie nicht erwähnt zu werden brauchen. Dennoch erscheinen durch diese Auslassungen die Romanfiguren ein wenig wie sedierte Schafe, die plötzlich, damit so etwas wie Handlung entsteht, aus ihrem Dämmerschlaf erwachen, um doch noch einen Rest Widerstandsgeist in sich zu entdecken. Haben sie bis dahin an kollektiver Amnesie gelitten? Oder wurden in „Schwarzpulver“ sämtliche historische Ereignisse aus den (digitalen) Archiven gelöscht? Trotz guter Ansätze wirkt Lichtblaus Szenario in dieser Hinsicht nicht ganz ausgereift. Ähnlich das explosive Finale, auf das der Titel verweist: Um wirklich etwas zu bewegen, braucht es ganz sicher mehr als anarchistische Rap-Songs, ein paar durchtrennte Kabel und ein bisschen getanzten Protest.

Laura Lichtblau
Schwarzpulver
C.H. Beck
2020 · 202 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-406-75556-9

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