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Kritik

Fragezeichen

Hamburg

Im ersten eigenständigen Gedichtband der jungen Schweizer Lyrikerin Lea Schlenker entfaltet sich ein ungeheuer selbstbewusstes, fast unbeherrschtes lyrisches Ich, das sich wiederholt selbst „als größenwahnsinnig“ bezeichnet, „ihr habt ja doch mehr als Uhren und Käse“. Eine Auswahl an Fluchtmöglichkeiten, so der Titel des gutgestalteten Bands aus dem Aphaia Verlag, sieht mit seiner Pool-Grafik ein bisschen wie eine Vaporwave-Zine aus, seltsam großformatig, mit viel Leerraum gesetzt. Darin stecken eine ganze Menge hochunterhaltsamer Gedichte, die erzfrech ihren Fantasien nachgehen, wie die Autorin selbst voranstellt: aus einem Gelangweiltsein, im sonnenbrennenden ___STEADY_PAYWALL___Beachhabitus heraus.

Das Problem mit Ferien
Ist dass man sie schnell wieder vergisst
Oder eben nie erlebt

Doch das ist nur das Eine. Im Großen und Ganzen hat sich hier eine Sprachhaltung emanzipiert, die sehr geschickt herumnölt, mit einem traumwandlerischen Gespür für die sprachliche Spannung im Vers.

Verändere die Welt
Auf eine redundante Art und Weise

Schlenkers frische Gedichte irren selten; manchmal verbeult eine nachgegähnte Pointe ein wenig das Aufgebaute, aber es ist kein Problem. Stets überraschen die Wendungen oder gedanklichen Abbrüche der Autorin: „Ich muss auf eine Kiste Frösche aufpassen“. Ein angenehm unverbrauchtes schweizerisches Vokabular, leichte Verschiebungen im Ausdruck schaffen eine unbekümmerte, unvorhersehbar detaillierte Welt.

Hyänen, die etwas von Mikroökonomie verstehen
 

Tagträume
An der Uni

Ich stelle mir vor
Wie ich die Nachfragekurve hinaufdüse
Mit einem wirklich teuren Motorrad

Dann sinkt die Nachfrage
Stagniert plötzlich
Damit ich einen entspannten Spaziergang machen kann

Vielleicht sogar mit dem Hund Gassi
Oder ich sehe eine Hyäne
Die ich zähmen kann

Und wenn dann
Die Nachfrage schlagartig sinkt
Denn in meiner Fantasie sind schon bald alle arbeitslos
Dann reite ich die Bestie den Hang hinunter

Durch die mitunter morbiden Gedichte schwirren immer wieder wie Brocken im Traum alte Herren aus Politik und Literatur und reden erstaunt oder tauchen ab. Schlenker kreiert eine Para-Gegenwart, in der die Sprache alles erfassen kann und bauklotzartige Freiheiten genießt. Das Ganze mit dem Charisma jenes fast mondänen Blicks vom Liegestuhl.

Als ich als Schriftstellerin gestorben bin
In diesem knatternden Geisterhaus in Südfrankreich
Wollte ich doch Harfe spielen lernen
Wollte ich doch den Führerschein machen
Wollte ich doch Camus an die Wände fahren
Mit der schönsten Bildsprache die es je gab

Eine Auswahl an Fluchtmöglichkeiten ist ein vielversprechendes unbelastetes Debüt, bisweilen fatalistischer Kommentar zum Stand der Dinge mit einer sprachlichen Waffe, die nur aus Klingen besteht, ohne Griff. A new Beat.

Eine Stimme sagt
Eine laute Stimme
Reicht denn das wirklich bis zum Endgame?
Also gut Stimme
Du hast natürlich recht
Ich überlege mir lieber Songs für die Donald Trump Band

Lea Schlenker
Eine Auswahl an Fluchtmöglichkeiten
Aphaia Verlag
2020 · 60 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-946574-14-9

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