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lichtungen Ausgabe 161 Schwerpunkt: Katalanische Literatur
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lichtungen Ausgabe 161 Schwerpunkt: Katalanische Literatur
Kritik

Nicht vergleichen müssen, um etwas gern zu haben

Hamburg

In Zeiten des staatlich verordneten Biedermeier, in denen wir coronabedingt viel Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen, sofern wir nicht zu denjenigen Berufsgruppen gehören, die derzeit durch ihren unerhörten Außen-Einsatz die Republik vor dem totalen Abschmieren bewahren, ist es vielleicht besonders angebracht, den Blick über den eigenen kulturellen Tellerrand hinaus zu intensivieren. "made in china" von Lea Schneider kommt da zur rechten Zeit. Schneider hat Komparatistik und Sinologie in Berlin, Frankfurt/Oder, Shanghai und Taipei studiert und ist nicht zuletzt durch ihre Übersetzungen moderner chinesischer Lyrik hierzulande bekannt geworden. Es ist also eine interkulturell geprägte Stimme, die sich hier zu Wort meldet, die nach eigenem Bekunden Schreiben und Übersetzen als stets ineinandergreifende literarische Tätigkeiten sieht.

Ihr Buch "made in china" versteht Schneider selbst als Gedichtband, auch wenn die Texte aufs erste Anlesen wie Prosa erscheinen mögen. In der Tat stellen sie eine wohldurchdachte Verdichtung dar, eine Konstruktion aus übersetzten Zitaten, Gesprächen, sinnlichen Wahrnehmungen, örtlichen und situativen Beschreibungen sowie sozio-politischen Kontextualisierungen, die zusammengenommen so etwas wie einen lyrischen Essay ergeben. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt auch die grafische Aufbereitung des Buches. Die aus Shanghai stammende Buchkünstlerin Yimeng Wu, die visuelle Kommunikation und Design in Berlin, Essen und Paris studiert hat und heute wie Lea Schneider in Berlin lebt, wird schon auf dem Titel gleichberechtigt genannt. Das von ihr betriebene "Studio Wu 無" befasst sich mit dem Thema der interkulturellen Gestaltung in analoger und digitaler Form. Die Grafikerin hat sich damit einer unmittelbarer zugänglichen Form des Brückenbaus zwischen Fremdem verschrieben als es der Sprache möglich ist, die ja immer erst eine Übersetzung benötigt, um einen semantischen Gehalt transportieren zu können. Für Menschen europäischer Prägung hat wiederum das Fernöstlich-Semiotische möglicherweise etwas unmittelbar bildlicher Wirkendes an sich als die eigene lateinische oder kyrillische Schrift, ein Umstand, den sich Yimeng Wu zunutze macht, in dem sie beispielsweise Texthintergründe in Form von chinesischen Schriftzeichenumrissen gestaltet.

So erschließt sich aus dem Zusammenwirken von Text und grafischer Aufbereitung langsam ein Horizont aus eigenen und fremdartigen Erfahrungen und Sichtweisen. Ein Satz, der immer wieder in Lea Schneiders "made in china" vorkommt, lautet: "ich habe das nicht gewusst." Die Leserschaft, die ja noch viel tiefer im Stadium des Nicht-Wissens um die Hintergründe und Feinheiten der chinesischen Kultur steckt, wird so unmerklich in das entdeckende poetische Verfahren Schneiders mit hineingezogen. "Ich habe das nicht gewusst" ist das sympathische Statement einer Autorin, die zu vermitteln in der Lage ist, dass Kulturverstehen ein Prozess ist, der niemals endet (übrigens auch nicht der Verstehensprozess des eigenen Kulturkreises), der wach bleiben und immer wieder korrigiert werden muss, "als wütende behutsamkeit, als geste des respekts, als exakte würdigung des lernens, das geschen kann", wie Schneider es ausdrückt.

Durch sechs chinesische Metropolen führt die Autorin auf diese Weise, beginnend in Nanjing, dann über Shanghai, Hongkong, Taipei, Chengdu nach Beijing.

"in nánjīng denke ich zuerst an italien und dann an etwas, das ich nicht mehr vergleichen muss, um es gern zu haben."

Diese Reise ist keine Reise im geografischen Sinn, Lea Schneider taucht ein in diese Städte und ist dann dort, vor Ort, blickt auf das Kleinste, etwa auf die Grillen, die bein Näherkommen ihre Lautstärke verringern, "als ob sie mich sehen würden; als ob sie ihnen peinlich sei", und gleich darauf wieder als Teil einer großen Vernetzung auf das ganze Land, zitiert Liú Lìgān aus einem Gedicht, das sie selbst übersetzt hat: "dieses verstaatlichte schweigen im hals."

Die literarischen Verweise sind, wiederum von Yimeng Wu grafisch geschmackvoll gestaltet, jeweils in chinesischer und lateinischer Schrift am Rand abgedruckt und bieten beinah schon ausufernden Stoff zu weiterer Beschäftigung, sofern gewünscht.

Lea Schneiders Näherung an China erfolgt vor allem immer wieder über das Medium der Sprache; vielfältig sind ihre diesbezüglichen Einlassungen, etwa wenn sie in die Geschichte blickt und berichtet, dass im Chinesischen zwischen 1850 und 1910 zahlreiche Neologismen erfunden wurden, um überhaupt in der Lage zu sein, Bücher aus und in europäische Sprachen zu übersetzen: "die übersetzerinnen dieser zeit sagten keine neuen dinge; sie sagten die dinge neu", denn Sprachen bestehen eben nicht einfach aus einander kongruent entsprechenden Begriffen. Und auch das eigene Denken beinflussen Sprachen, umso mehr, wenn man sie nicht bis in die letzten Feinheiten beherrscht, und wer wollte das je schon von sich und seiner eigenen Muttersprache behaupten? So bemerkt Schneider augenzwinkernd:

"sie glauben gar nicht, wie oft ich schon mitten im satz meine weltanschauung ändern musste, nur, weil mir ein wort in einer anderen sprache gefehlt hat."

Und die Verbindung von Sprache und Literatur thematisiert die Autorin natürlich auch, in Diskussionen etwa und vielfach auf poetische Weise:

"... das einzige, worauf alle sich einigen können, ist, dass die perfekte mischung aus knochen und wind, das perfekte gedicht, ein vogel ist."

Lea Schneider ist vor allem aber eine Sammlerin, die sich mit ihren greifbaren und immaterialen Trouvaillen durch Zeit und Raum bewegt, mit all den Zitaten, Dialogen, Beschreibungen, Reflexionen, und die Zahl der Begründungen für dieses Tun erscheint ihr immens:

" also alles sammeln, festhalten, umdrehen, verwenden, weil alles."

Und diese Sammlerin bewahrt sich und ihrer Leserschaft stets diese ungeteilte Aufmerksamkeit für die feinen Zusammenhänge, stärkt den Mut für die eigenen Prämissen, vielleicht auch dies eine unentbehrliche Handreichung in Zeiten der Panik und des mancherorts aufsteigenden Zynismus:

"also: alles sammeln, weil alles genannt sein soll. eine entscheidung, es nicht gut sein zu lassen; sich nicht zu gewöhnen, nicht schleichend und nicht der einfachheit halber und nicht an diese erbärmliche angst."

Lea Schneider
made in china
Illustrationen: Yimeng Wu
Verlagshaus Berlin
2020 · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-945832-38-7
Lea Schneider
Made in China – Vorzugsausgabe
Auf 30 Stück limitierten Sonderdruck der Illustratorin des Bandes. Zu made in china hat Yimeng Wu die Illustration Nanjing (21×27 cm, Metapaper Extrarough 175g) aus dem Buch im dreifarbigen Risographie-Druckverfahr
Verlagshaus Berlin
2020 · 50,00 Euro
ISBN:
978-3-945832-38-7

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