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Kritik

„ein loch im papier“

Über Lea Schneiders neue Veröffentlichung „made in china“
Hamburg

Wer über das Riesenland China, das von seinen Ausmaßen so groß wie Europa ist, aber dreimal mehr Einwohner hat1, etwas sagen will, kann nur punktuell verfahren, kann einen Punkt neben den anderen setzen und muss oft feststellen, dass das Gemeinsame dieser Punkte im Gegensatz liegt. Lea Schneider zitiert zu Beginn ihres Buches den Pekinger Dichter Xi Chuan:

„westler beschweren sich häufig, dass china völlig unverständlich sei. chinesen verstehen china genauso wenig, aber auf einer ganz grundsätzlichen ebene wollen sie das auch gar nicht.“

Nachdem Lea Schneider 2016 in ihrer Anthologie „Chinabox“ neue Lyrik aus der Volksrepublik vorstellte, führt sie uns in „made in china“ mit eigenen Texte durch die großen Städte des Landes:  Nanjing, Shanghai, Hong Kong, Chengdu, Beijing und macht noch einen Abstecher nach Taibei. Der Titel „made in china“ müsste im Falle von Lea Schneiders Texten und ihrer Entstehung vermutlich richtiger „collected in china“ und „made in germany“ lauten. Sie sammelt Stimmen und Begegnungen, Beobachtungen zur Sprache, historische Zusammenhänge, Widersprüche, Einsprüche, Aussprüche, kleine Dinge, denn gegen die großen „spielkarten“ und Einordnungen (wie Sozialismus, Feminismus, Moderne) hat sie große Vorbehalte.

„vielleicht, dass wir nicht alles sammeln können, aber alles sammeln werden, was wir können, alles, weil alles wichtig, weil alles gesehen werden, weil alles in die sprache gehört.“ (S. 103)

Die 1989 in Köln geborene und heute in Berlin lebende Lea Schneider klassifiziert ihre Texte im vorliegenden Band als Gedichte. Gleichzeitig lässt sie uns aber wissen, dass sie sich gern als Grenzgängerin zwischen Essay, Übersetzung und Lyrik sieht. Und so liest sich der Text als ein Partisanenstück zwischen den Genres. Prosagedichte waren bereits im früheren Band „Invasion Rückwärts“ ihr Markenzeichen. Im neuen Textband ringt sie um die Einordnung ihrer Texte: „dies ist kein gedicht über den zu kurz gedachten zusammenhang von sprache und denken“, heißt es da. „dies ist im besten fall: ein loch im papier, das groß genug ist, um durchzuwollen. groß genug, um die fische dahinter schwimmen zu sehen. die pokémon“. (S. 16)

Leitmotivisch zieht sich dieses „loch im papier“ durch den Text und wird zur Metapher einer eigenen Poetologie. Der Blick der Leser*innen hindurch fokussiert sich auf das Gesammelte, Gefundene, auf die „zufälligen, strukturellen ähnlichkeiten“  zwischen deutscher und chinesischer Sprache, die sich der „welt mit zärtlichkeit nähern, mit der zärtlichkeit, mit der man einen fisch erschlägt.“(S.22) Der Text oder das Gedicht, wie die Autorin sagen würde,  wird zur Sehhilfe, zur Führung des Blicks. Das Loch im Tisch für den „Feuertopf“ (chinesisches Fondue) ist, so heißt es, ein „loch im gedicht (…) und auf der anderen seite schwimmen kürbisspalten, lieblinge und tofuhaut…“ (S. 99). Andererseits lässt dieser Text, der formal aus Anaphern und Epiphern, Parellelismen überhaupt, Ellipsen und Motivvariationen gesponnen ist, den Leser*innen viel Freiheit, einen Ort zu finden. 

„wind und knochen“ heißt es, sind die Bausteine eines Gedichts (Buch der Lieder). „, wenn eine schreibende dünn an ideen und fett an worten ist, fehlt es an knochen; wenn ihre ideen unvollständig sind und nicht vom boden hochkommen, fehlt es an wind.“ (S. 64) Seit Generationen versuchen sich chinesische Literaturwissenschaftler in der Deutung, was Wind, was Knochen seien. Ohne Erfolg. „das einzige, worauf sich alle einigen können, ist, dass die perfekte mischung aus knochen und wind, das perfekte gedicht, ein vogel ist.“ (S. 66-65)

Aber verlassen wir zunächst die poetologischen Überlegungen und wenden uns den Eckpunkten der Texte zu.

In Nanjing, der südlicheren Hauptstadt, Ort des große japanischen Masakers von 1937, bei dem 400.000 Menschen getötet wurden, trifft das Ich des Textes chinesische Menschen und Freunde: b, x, h, l und y. Man hört die chinesischen Stimmen in ihrer Muttersprache und in Übersetzung, man hört sie in Englisch und zuweilen in Deutsch. h gibt die Losung aus:

„früher oder später werden wir alle eine kugel durch den kopf kriegen … das ist unabwendbar, und darum müssen wir sicherstellen, dass wir sie von unseren gegnern kriegen, und nicht von uns selbst.“ (S. 24)  

Aber nicht nur die Freunde in der Gegenwart spielen eine Rolle: Quer zum Text gibt es immer noch eine weitere Lesart, Berufungsgrößen, weitere Stimmen und Namen: Zang Di, Sun Wenbo, Li-Young Lee, Yu Jianli Chenjian, Eileen J. Cheng, Kate Briggs u.v.a.m. Die Vielstimmigkeit setzt sich fort in die Literatur, in die Philosophie der Gegenwart und Vergangenheit und schafft einen Rahmen für das Gedicht, das ein Loch ist. Dies ist ein durchgängiges Verfahren des Textes und von der Gestalterin Andrea Schmidt (Verlagshaus Berlin) durch senkrecht fallende Annotationen hervorgehoben. Text und Anmerkungen spannen gemeinsam einen Raum auf.  Gestalterin Yimeng Wu ergänzt diesen mit Collagen, mit Puzzlestückchen, die sich nicht ineinander fügen.

In Shanghai trifft das Ich a, sitzt auf der alten Couch mit den neuen Kaffeeflecken und sinniert über den Erfindungsreichtum von Übersetzerinnen.  1850 bis 1910, heißt es, erfanden chinesische Autor*innen 1266 Neologismen, weil Bücher aus den europäischen Sprachen sonst nicht hätten übersetzt werden können. 

Und dann ist da noch k, der im Berliner Exil war, heute mit „kissen im rücken seiner krummen biografie“ behauptet, es sei immer gut, einen Draht nach Peking zu haben, damit man schneller wisse, was man gerade sagen dürfe.

Hong Kong, die Stadt, der man beim Verschwinden zusehen könne, wird zum Ort der Liebe (mit q und z) und das Wahlergebnis feuert die Lust an, nach Taiwan zu reisen.

Taibei aber wird nicht zur Landschaft „für transzendenz“, sondern entpuppt sich als eine, „die man längst kennt“, wo man über Heimweh nachdenken kann, über die „heimatdistanzkrankheit“, wie es in der Übersetzung des chinesischen Begriffs heißt.

In Chengdu, Ort eines Dichter*innenkongresses, hört das reisende Ich einen Vortrag von Autorin s, der einzigen Frau bei der Veranstaltung, mit Zitaten von Hölderlin, Foucault, Tagore. „Die Zensorinnen haben größeres Vertrauen in die Wirkmächtigkeit“ des Wortes als die Autor*innen, heißt es. 

Und schließlich führt der Weg nach Bejing, wo die Widersprüche des Landes und der Biografien an der Figur von Zhon Youguang, dem Erfinder des Pinyin exemplifiziert werden. Wenn Schwierigkeiten auftauchen, brauchst du Optimismus, wird er in Englisch zitiert. Pessimisten neigen dazu zu sterben. Zhon Youguang, der kein Linguist war, sondern sich nur hobbymäßig mit Sprache befasste, er, der nach zwei Jahren Arbeitslager, später Sonderbeauftragter der KP wurde, 10 Streitschriften verfasste, die Hälfte davon mit dem Thema Demokratisierung, er machte mit seinem Pinyin, der vereinfachten Sprache, aus dem Land der Analphabeten, eine alphabetisierte Nation.

Und während das Ich des Textes sich noch fragt, ob es seine Aufgabe sei, sich nicht zu gewöhnen im „trainingslager der dreistigkeit“, lernt es von p: „ganz egal, wofür du dich entscheidest…es wir einen preis geben, den du zahlst.“(S. 101) „alles, das du nicht rettest, kostet dich, mit anderen worten: vielleicht ist auch diese welt nur der schrottplatz einer anderen welt. ich habe das nicht gewusst.“ (S. 102)

Die Redundanz der Phrase „ich habe das nicht gewusst“ - sie taucht in jedem Kapitel auf - korrespondiert mit der Metapher des Gedichts, das „ein Loch im Papier“ ist. Die Überfülle der Bezüge, die Fülle der Meinungen, sie stehen ganz im Sinne chinesischer Philosophie dem Nichts gegenüber.  Und so befinden wir uns mit Lea Schneiders „made in china“ mitten im chinesischen Denken vom Sein und Nichtsein, das erst zusammen das Dao hervorbringen könnte.

  • 1.  Beide circa 10 Millionen Quadratkilometer, China: 1,5 Mrd. Einwohner, Europa: 500 Mio Einwohner)
Lea Schneider
made in china
Illustrationen: Yimeng Wu
Verlagshaus Berlin
2020 · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-945832-38-7
Lea Schneider
Made in China – Vorzugsausgabe
Auf 30 Stück limitierten Sonderdruck der Illustratorin des Bandes. Zu made in china hat Yimeng Wu die Illustration Nanjing (21×27 cm, Metapaper Extrarough 175g) aus dem Buch im dreifarbigen Risographie-Druckverfahr
Verlagshaus Berlin
2020 · 50,00 Euro
ISBN:
978-3-945832-38-7

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