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Kritik

Eine Puppe im Garten eines Ungeheuers

Hamburg

Der im Jahr 2015 im Éditions-Gallimard Verlag erschienene Roman der Prix Goncourt-Preisträgerin Leïla Slimani signalisierte ein gleichsam mysteriöses, unheilverkündendes Sujet. Dans le jardin de l’ogre,  so das französische Original, bezieht sich auf ein am Ende des 17. Jahrhundert in französischen Märchen auftauchendes tierähnliches, menschenfressendes Ungeheuer (ogre), das im Zusammenhang mit jardin (Garten) eine abgemilderte Vision vom Auftritt eines alles verschlingenden Tier-Menschen assoziiert. Im Gegensatz dazu löst der deutschsprachige Titel mit dem verdeckten Halbprofil einer rauchenden blondhaarigen jungen Frau auf dem Buchcover ganz andere Erwartungen aus. Es ist ein nicht näher definierter Verlust, der der Protagonistin Adèle droht, ohne dass ihre personale Erzählerin die Ursachen dafür nennen will. „Eine Woche schon ist Adèle standhaft geblieben“, beruhigt sie ihre LeserInnen. Ein intensives Lauftraining, kein Alkohol, frühe Bettruhe … Doch plötzlich löst ein lustvoller, langer Traum etwas in ihr aus, von dem sie nach dem Aufwachen wild und ungehemmt befallen wird. „Ein nackter, keuchender Mann, eine Frau, die kommt.“ Was zunächst nur eine subjektbetonte Vision zu sein scheint, verwandelt sich in eine objektbezogene, gleichsam unkontrollierte Sucht, von männlichen Körpern begehrt zu sein und sie zugleich zu begehren. „Sie will nur ein Objekt inmitten einer Meute sein. Gefressen, ausgesaugt, mit Haut und Haar verschlungen zu werden. (…) Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein.“

Doch der „Garten des Ungeheuers“ erweist sich als Labyrinth, in dem Adèle, die Ehefrau eines Facharztes, Mutter eines Sohnes, Journalistin in einer Pariser Tageszeitung von nun an ruhelos, getrieben von ihrer Sucht, von einem Termin zum anderen hetzt, mit Adam, Cyril, Xavier, Mattieu, vielen unbekannten Männern vögelt und ganz selten mit Richard, mit dem sie verheiratet ist. Und zwischendurch auch ihren lustlosen Brotjob erledigt, ihren Richard betrügt, die Mutter ihres Sohnes Lucien spielt, dann und wann auch bei Besuchen ihrer Eltern und Schwiegereltern die biedere Ehefrau mimt, solange, bis Richard einen schweren Autounfall hat und sie nach seiner Entlassung aus dem Spital die Krankenschwester spielen muss. Doch ihr Verlangen mit zufällig aufgegabelten Männern zu vögeln, immer neue Stellungen im Alkoholrausch und angeturnt von Joints auszuprobieren, ihren Richard zu belügen, kann sie nicht unterdrücken. Erst ein zufällig ausgetauschtes Handy bringt Richard auf die Spur der verborgen gehaltenen wilden Rendezvous seiner Adèle, und die Zeugenaussage einer geprellten Ehefrau schafft dann vollendete Tatsachen. Das Geständnis von Adèle führt jedoch nicht zur Scheidung. Richard möchte sie ungeachtet ihrer „Untreue“ in sein geordnetes bürgerliches Heim zurückholen, ja, er empfindet sogar ein Liebesverlangen, wie er es im legalisierten Rahmen seiner Ehe nicht verspürt hat. Doch Adèle taucht unter!

Auf der Suche nach dem angeblich rätselhaftem Motiv für das wilde sexuelle Verlangen ihrer Protagonistin bedient sich die Autorin etwa in der Mitte des Handlungsstrangs einer Passage aus Milan Kunderas Erfolgsroman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Adèle findet ihn in der Ferienwohnung ihrer Eltern zufällig in einer Schublade, blättert darin und stößt auf die Passage:

„Er zog sie aus, und sie blieb dabei fast regungslos. … Dann spürte sie, wie ihr Schoß feucht wurde, und erschrak. … Sie spürte ihre Erregung, die umso stärker war, als sie gegen ihren Willen entstanden war. Ihre Seele hatte bereits in alles, was passierte, eingewilligt, sie wusste aber, daß diese Einwilligung unausgesprochen bleiben mußte, wenn die starke Erregung andauern sollte.“ (S. 127)

Genügt eine solche fiktionale Begründung für ein uferloses Verlangen, das die Barrieren von „bürgerlich-kodifizierten“ Bräuchen durchbricht?

 

Leïla Slimani
All das zu verlieren
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Luchterhand
224 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-630-87553-8

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