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lichtungen Ausgabe 161 Schwerpunkt: Katalanische Literatur
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lichtungen Ausgabe 161 Schwerpunkt: Katalanische Literatur
Kritik

Leider heute Abend wieder Absinth

Hamburg

Ein unverständlich dicker Wälzer, zusammengestellt aus Briefen, Eintragungen, Tagebüchern, herausgegeben und übersetzt von Alexander Pschera ist jüngst bei Matthes & Seitz Berlin herausgekommen: Diesseits von Gut und Böse von Léon Bloy. Wer war Léon Bloy, und warum gibt es dieses Buch in dieser Ausführlichkeit? Es gibt praktisch keine Prosa in den über 1000 Seiten, sondern eben Texte, die nicht unbedingt zur Veröffentlichung geschrieben worden sind, scheints, sondern Briefe, Notate, Einträge für einen selbst etc. Zwar war Bloy Schriftsteller, und definitiv nicht unwichtig, dazu später, aber es bleibt schleierhaft, warum er mit dieser ans Manische grenzenden Publikation geehrt werden muss.

Gewiss ist sie vorzüglich übersetzt, bis ins Kleinste kommentiert, auch kenntnisreich eingeteilt in Themenkapitel mit jeweils informativen wie guten Einführungen Pscheras, aber Bloy war kein Denker, absolut nicht mit Nietzsche o.a. auf eine Stufe zu stellen (was Pschera aber tut), sondern maximal ein Grübler. Ein Grübler ohne denkerisches, also öffentlich unter Interesse stehendem denkerischen Programm. Dagegen spricht nichts, jedem Autoren steht es frei, jenseits von literarischen Texten (die gut sind, von Bloy, siehe im selben Verlag), die Körpertechnik Grübeln mittels Körpertechnik Schreiben zu stützen, und Texte des eigenen Gebrauchs zu verfertigen. Was aber an einem erzkatholischen Autoren, aus dessen Verein es im Fin-de-Siècle eine ganze Menge gab, die er selbst alle verriss (Barbey d’Aurevilley, Huysmans etc.), mit der Zeit gering zu schätzen lernte, dessen Leben „auf Gehorsam“, Gehorsam Gottes selbstverständlich, beruhend aus war, der also vor der transgressiven Kraft von Denken/ Kunst explizit zurückscheute, anders sein soll als an Millionen Tagebucherkenntnissen gläubiger Menschen à la Leiden ist gut, bleibt mindestens vage.

Denkerische Gegenspieler Nietzsches u.a. gibt es wahrlich zuhauf, schriftstellerische auch (nur das hier Bloys Schreiben, die gestaltete Prosa, nicht zu Wort kommt), die ständigen Verweise auf Bloy-Leser wie Ernst Jünger oder Carl Schmitt oder Céline sprechen nicht gerade für die gutmeinende Kraft seiner Kunst, die vorliegenden Tagebücher werden sie im übrigen kaum gelesen haben, in denen insbesondere in den letzten zwei Dritteln zu den Themen Gott, Kirche etc. einfach gar nichts von irgendeinem literarisch/ künstlerischem Nutzen und schon gar keinem denkerischen/ nicht-katholischen steht. Es ist an Vorhersehbarkeit nicht zu überbieten. Und dass Bloy ein Vorreiter des Krakeelens gewesen war, nämlich wie ein Besengter ständig über andere Kunstschaffende herzuziehen, spricht wiederum für gar nichts, außer einer merkwürdigen Spaltung, einerseits um jeden Millimeter Außenseiter sein zu wollen (literarisch), und um jeden selben Millimeter Empfänger der täglichen heiligen Kommunion. Das Einzige, was hier zusammenfällt, ist die Einzigartigkeit eines auf diese Weise zu einer Karikatur stilisierten Typs Mensch. Dessen Leben in der Tat auf Armut aufbaute, der zu Lebzeiten von entsetzlichen Nöten heimgesucht wird. Und dieser Aspekt der Bloyschen Existenz, die in den Tagebüchern festgehalten wird, macht das erste Drittel des überlangen Bandes wiederum sehr interessant.

In geradezu unerträglicher Weise schildert Bloy den Kampf ums nackte Überleben. Jeder Eintrag des zum Teil dem Alkohol und anderen Drogen Verfallenen, der sich aufopfernd, hoch verschuldet vor seine Familie stellt, der gegen widerliche Hausbesitzer in fast slumartigen Pariser Verhältnissen um sein Leben schreibt, dieses sich aber so verselbständigt, dass genau sein Schreiben von keinem gewollt wird, ist die tragisch-heftige Kondition unter der Léon Bloy steht.

Der Band ist sehr angenehm gesetzt und an den richtigen Stellen von zeitgenössischen  Fotografien unterbrochen, die die ehemaligen Trenchtowns Montmartre etc. zeigen, „Man entfernt die Armen aus den Zentren“, den Bau der Métro, den unaufhaltsamen sogenannten Fortschritt, gegen den sich Bloy natürlich stellt, einige Urfragen nach dem Wie wollen wir leben? auch richtig beantwortet. Im Winter verbrennt Bloy fast alles, was sie an Besitz noch haben „alte Bretter, einen schlechten Stuhl, unser Weingestell...“ Unterkriegen lässt er sich trotzdem nicht, mit der Begründung: „Die Armut hat einen Vorteil: Sie fixiert uns, wie Nägel, in der Hand Christi.“

Schier unerträglich ist, neben vielen anderen der karikaturhaften und doch realen Züge Bloys, genannt „Der undankbare Bettler“, sein glühender Nationalismus. Die Napoleonverehrung kennt keine Grenzen, die Protestantenverachtung (und ihrer „Nationen“ wie Dänemark, immerhin sein Exil) ebenso wenig, von anderen Ländern, Menschen ganz zu schweigen. Von Mitmenschen als „katholischer Wüterich“ bezeichnet, verortet er sich selbst als „anti-cochon“ in der „Schweinegesellschaft“. Er schreibt: „Die Geschichte ist nichts anderes als eine Ansammlung von Blitzen, die sich in den Pupillen der Schildkröten spiegeln“. Was in seiner Ambivalenz und Weltfremdheit an gewisse Aussprüche heutiger „Versteher“ erinnert. Gleichwohl scheint bei Bloy das Unprogrammatische zu überwiegen, eine Partei mit genau einem einzigen Mitglied, Léon Bloy, wird unterstützt. Die Briefbotschaft eines Bloy zugetanen Kindes, mitten in Einträgen ums Versaufen und Verspielen der wenigen Habseligkeiten in Absinthbüdchen, mutet rührend an: „Mein lieber Léon Bloy, ich habe mein Sparschwein zerschlagen.“ Und sonst:

Ich habe stets ausdrücklich darauf bestanden, dass es sich um eine Dummheit handelt, eine Art Monster in der Geschichte des menschlichen Geistes, das ich nicht anders beschreiben kann denn als eine syphilitische Vegetation auf einem wundervollen Gesicht.

Um 1905 schreibt er:

Lärm und Kriegsgefahr [...] Die Bärte des verrotteten Idioten [Wilhelm II] missachten, dass Frankreich selbst dann, wenn es im Abwasserkanal liegt, noch immer die Königin der Nation ist und dass sich 1870 nicht wiederholen wird – Gott wird es wahrscheinlich nicht zulassen. Um eine Million deutscher Unterhosen mit Scheiße zu füllen, würde es ausreichen, wenn ein kleiner, nichtssagender Franzose gesandt wird.

Auch:

Ja, es ist wahr, ich bin voller Hass, und das seit meiner Kindheit, und niemand hat die anderen Menschen auf so naive Weise geliebt, wie ich es getan habe. Aber ich hasse die Dinge, die Institutionen, die Gesetze der Welt. Ich hasse die Welt unendlich, und die Erfahrungen meines Lebens haben diese Leidenschaft nur noch angestachelt. Wer selbst unter den Christen könnte das begreifen?

Alexander Pschera fasst Bloy zusammen:

Und es wird deutlich, dass Léon Bloy zwar immer vor dem Hintergrund der Ideen- und Kulturgeschichte seiner bewegten Zeit gesehen werden muss, sich aber als extremer Einzelgänger nur aus sich selbst erklärt.

In jedem Falle hat Bloy Literatur verfasst, die nicht unbedingt schlecht ist, und einen Beitrag, singulär, dunkel, widersprüchlich, geleistet. Hier, in Diesseits von Gut und Böse, wird die Literatur durch einen fetischisierten Wust an Material aus „Nichtgezeigten Szenen“ trivialisiert und stattdessen das Kuriosum Herr Bloy zur Disposition gestellt, was expliziten ForscherInnen der Causa Bloy wohl dienlich sein mag, den LeserInnen ansonsten, mindestens 800 Seiten Live-Gegrübel aus Vorhersehbarkeiten eines schwierigen Unsympathen serviert. Mehr archivisches Fachbuch als Lies-mich also.

Léon Léon Bloy · Alexander Pschera (Hg.)
Diesseits von Gut und Böse
Übersetzung:
Alexander Pschera
Matthes und Seitz Berlin
2019 · 1259 Seiten · 68,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-692-7

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