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Kritik

Das Ganze ist noch immer nie das Ganze: Federmairs neuer Roman

Hamburg

„iPod!” – das sieht, so Leopold Federmair, wie ¡pod! aus, mit spanischem Ausrufezeichen. Sein Rechtschreibprogramm normiert es zu Ipod. Etwas verschwindet, wo alles geregelt ist, dagegen ist sein neuer Roman die „Geheimgeschichte”, in die das Reale als Störung reicht: oder in der die Störung die Geschichte wird, die wahr wäre: „Das Wahre ist das Ganze”, so Hegel, doch Adorno: „Das Ganze ist das Unwahre”, worauf Federmair es kurzschloß, und zwar in 1992 in seinem Essayband Die Gefahr des Rettenden: „Das Ganze ist nie das Ganze.” Das ist noch immer sein Programm, und das ist noch immer spannend.

Blick, durch Röhren – oder durchs Röhren? Taktil, akustisch: „Durch die röhrende Blindheit der Wirklichen …” Die oder etwas ist ausgeschlossen:

„Die Leute in den Zügen wollen nicht reden. sie haben die Ohren zugestöpselt, die Augen kleben am Bildschirm”…

Realität: „nur virtuelle Schleifen.” Und nun geht das Ich, das Phantom durch seine Realitätsinteressen wird, um. Im „Wandschrank” von Monden, dem das Haus gehört, wo es nun weitergeht. Hier ist er/sie, nun fragend, wie man das, was er/sie sucht, nämlich Spuren, nicht aufspüre, ihn/sie nicht aufspüre. Gerüche:

„An nichts gewöhnt man sich schneller als an Gerüche, oder? Gewöhnung ist eine Art Vergessen.”

Warum die zwei Personalpronomina? Weil es unklar ist ist, was passender ist: Marie, die androgyne Heldin und Schattenexistenz, erzählt sich darin ja einem rekonvaleszenten Schriftsteller, ihm ihr Notizbuch gleichsam en passant zuspielend, woraus sich etwas konstituieren möge, fragil und aus Fragmenten.

Überall Kameras, überall Unsichtbarkeit. Und zugleich ist man das „Opfer”, wenn man etwas sieht oder vernimmt, womöglich: „Eine Botschaft braucht einen Adressaten”, Sensorik brauche sich also nicht immer etwas einzubilden auf ihre Findigkeit… Eindringlich spricht Marie:

„Beim Sprechen hoben und senkten sich ihre Augenbrauen wie Schmetterlingsflügel, außerdem zeigten sich bei bestimmten Lippenstellungen, immer nur kurz, zwei Grübchen in ihren Wangen. Trotzdem wirkte das Gesicht ruhig, um nicht zu sagen: unerschütterlich.”

Die Geschichte ist ein Erwachen und ein Verdichten, eines im anderen und eines durchs andere. Monden ist nicht da, er besieht den Sternenhimmel … und wird besehen:

„Monden lag mit offenen, unbewegten Augen unter den Sternen, die ihn anstarrten. So schlief er, mit offenen Augen. So träumte ich von ihm, Nacht für Nacht, in seinem Bett. Das Haus ohne Monden, es konnte mich nicht mehr beherbergen.”

Notizen werden ein Leben, wenn man von ihm Notiz nimmt..: „Ohne Nachahmung keine Erfindung”, doch „das Geknickte wird Zeichen”… – Sein: „Wohnt hier jemand? Oder ein Gott?”

Federmair gelingt, durch Perspektiven, Texte, die ineinanderstehen, Zuspitzung und Spiel mit Funktion und Dysfunktion ein seltsamer Text, der, was immer er auch will oder ist, und beides ist plural zu denken, überall eigentümlich wahr ist. Schön!

Leopold Federmair
Monden
Otto Müller Verlag
2017 · 444 Seiten · 27,00 Euro
ISBN:
978-3-7013-1255-9

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