Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Dinge, die die Welt bedeuten: Literatur.

Lichtungen 149, besprochen
Hamburg

die toten haben namen
herumgereicht werden nur jene von terroristen
monsterbeschau statt emigrationspolitik

Mit den beiden Gedichten „da und dort“ 1 und 2 – von denen das erste eher ein Prolog für das längere, zweite ist – setzt Regina Hilber einen starken ersten Akzent in diesem Heft. 1989 und 2015 sind die Daten, die über den Gedichten stehen und während im ersten die subjektiv-nüchterne Schilderung jenes deutsch-deutschen Ereignisses (das spätestens seit den Ereignissen der letzten drei Jahre schlagartig in die Vergangenheit, die Historie entschwunden ist) präsentiert wird, beginnt das zweite mit einer klaren Ansage: “ich spreche kein Arabisch“. Und schon im nächsten Atemzug entwerfen die Verse auf dem Grund dieser einfachen Aussage eine Skizze der Dummheit, der Ignoranz:

nur die sprache der zeit,
die angstsprache, das
mitläufergeplapper  

In diesen deutlichen Tönen fährt das Gedicht fort, drastisch, immer einen Tick agiler als man glauben würde, unbarmherzig die hohe Warte enttarnend, von der die deutschen Gesellschaften auf das Problem der „Flüchtlingswelle“ hinabschauen, ohne einen Blick für die Verhältnisse zu haben. Ein großartiger Text, ein gutes Beispiel dafür, dass man auch politische, agierende Lyrik schreiben kann, die trotzdem auch auf sprachlicher Ebene zu überzeugen weiß; die nicht nur mit Aussagen, sondern auch mit ihrer Ausdruckskraft arbeitet.

hab angst vor dem großen ganzen
heb die steine der propaganda nicht auf

In einem wunderbar säumenden und zugleich suchenden Ton, wird in Rhea Krcmárovás Text eine Landschaft des Gedenkens ausgebreitet. Da steht jemand mit der Asche seiner Mutter am Bahnhof in Tschechien (der Zug hat Verspätung), wohl wissend, dass sie der letzte Grund war, hierherzukommen, all die Jahre, und nun ist es die letzte Reise, die man gemeinsam antritt. Die Erinnerungen tauchen auf und fragen: Wie wichtig ist es, jemandes Grab zu besuchen, in Kontakt zu bleiben mit den Gegenden seiner Ahnen? Wie sieht ein guter Abschied aus? Was bleibt? Inwieweit spinnt sich fort, was tot ist, in den Lebenden? Der Text gibt kleine Antworten auf diese großen Fragen, ohne Siegel. Aber zumindest weiß er eines:

Wenn man geht, und das weißt du inzwischen sehr genau, lässt man seine Vergangenheit genauso zurück, wie man sie mitnimmt.

Rom sehen und hassen (weil man unglücklich liebt?) – findig, witzig, ätzend und intelligent, so nehmen sich die sechs Gedichte gegen Rom von Theodora Bauer aus. Sie springen zwischen verschiedenen Formen der Angriffslust hin und her; es sind Tiraden mit Sprachbiss, die die ewige Stadt und ihre hohe Historie durch Fleischwolf und Kakao ziehen und sagen:

sie ist ein einziger hochqualitativer bildbearbeitungsfilter
dieser selbstmord in jahrtausenden diese touristische palliativbehandlung

So geben diese Gedichte nicht nur über den persönlichen Horror Aufschluss, sondern allgemein über den Wahnsinn Roms, das Ausmaß seiner mit Bedeutungen aufgeladenen Monstranz.

Eine nette, sprachlich schön dynamisch gehaltene Erzählung um ein florierendes Geschäft mit Haustierrückbeschaffungen – Aldo Hansens Text über zwei Jungs, die in ihrer Gegend den großen Reibach mit den entlaufenen Tieren anderer machen wollen, hat einen grundsympathischen Zug, eine elegante Kauzigkeit und macht darüber hinaus auch einfach Spaß beim Lesen.

Als wäre das Rauschen der Sprache zu einem Hintergrundgeräusch geworden. Patrick Becks Gedichte wirken wie ganz in sich belassene Stücke, Momente. Es ist erstaunlich, dass Sprache - diese windige und aufbäumende, zeichnende und zerrende Institution - sie geformt haben soll. In dieser Art, diesem kaum anwesenden Hervorstechen, glänzen sie trotzdem, atmen sie trotzdem.

Die Aufzeichnungen von Udo Kawasser: ein Journal aus dem Kennelbach Achtal, inmitten von dichter Natur. So dicht, dass man sich darin vereinzelt fühlt, die ausgebreiteten Gedanken mitunter so ernst nimmt, als verkörperten sie die ganze geistige Welt. Sprache wird zu einer Konstante, die nur noch im Schreibenden existiert. Meditativ ist dieser Text, dann und wann aber auch etwas zu abschweifend.

Der Romanausschnitt von Andrea Stift-Laubes Buch „Die Stierin“ ist ein wenig kurz und errichtet in mir keine tiefere Vorstellung, die ich mir gern von dem ganzen Buch machen würde. Angedeutet  ist eine Beziehungsgeschichte, eine unverhältnismäßige, vielleicht auch ein Verbrechen.

am Stausee finde ich
die Möglichkeit einer Umrundung
der Himmel reißt sich blaue Löcher
in sein Fell doch der Frühling
bleibt kurz diesen Sonntag

Die städtelandschaftlichen Gedicht-Schnappschüsse von Ulrich Kersten haben etwas Braves und entziehen sich für meinen Geschmack einem wirklichen Gestalten mit poetischen Allgemeinplätzchen, leichten Winkelzügen. Es ist nicht so, dass ich die poetischen Bilder nicht nachvollziehen kann, aber sie bleiben seicht, man gleitet über sie drüber, sie entsperren der Vorstellung nicht mit einer blitzartigen Eindringlichkeit den Weg.

Genossen, Helden der Arbeit, Kosmonauten, flammende Fahnen, der großväterliche Anführer und das Vaterland. Der Wortschatz des ehemaligen sowjetischen Blocks, der ehemaligen 2ten Welt, in Dimitrij Gawrischs „Die Manieren meiner Vorväter zur Lektion für die Zukunft“ wird er anhand seiner eigenen Familie und der Reihe der großen Anführer durchexerziert. Die Form gibt ein Schulaufsatz, den ein allzu neugieriges Kind schreiben muss. Kurz versinkt man in der Unbedingtheit und dem Leierhaften, der Liturgie des Staats- und Gesellschaftsethos/-mythos/-pathos. Der Text ist großartig gearbeitet, stellt auf ungewöhnliche Weise Intensität her.

Mit aberwitzigen Pirouetten, Screwball-tête-á-tête-Manieren und Skandälchen hangelt sich Alfred Paul Schmidts „Im Überfluss klar daneben.“ in seiner Spritzigkeit voran. Ein „Klangkristall“ soll das Ganze sein, es ist aber auch eine Farce, ein doppelter Boden, eine Kür in eloquenter Luftigkeit, zierlich überzogen. Den im Oktober erscheinenden Roman sollten sich alle Freunde sprachlicher Überschlagungen rot im Kalender anstreichen.

Kafkaeske Gedankenverschwurbelungen, Arbeitsplatzanalysen, Perspektivenkrümmungen. Statt sich aber wirklich in die Sphäre des Prosaisten Kafka und seiner komplexen Betrachtungsweisen zu begeben, driftete der Text von Andrea Lipowsky in eine auf mich eher verkrampft wirkende Bedeutungszuspitzung ab. Ich erkenne an, dass der Text die schwierige Frage nach der Bedeutung, die jeder Einzelne in sich für eine Tätigkeit oder einen Gegenstand findet, stellt und sie mit der Sinnhaftigkeit der Büroarbeit verknüpft und auf diese Weise einen anregenden Gedankengang zu spinnen sucht. Aber trotzdem: für mich findet keine wirklich fassbare gedankliche Bewegung statt.

Eine sanfte Wandlung, in jeder Zeile spürbar, geschieht und geschieht doch nicht, bis sie am Ende sogar formal sichtbar wird, wenn der Prosatext ins Gedicht kippt. „Bilderwandern“ von Leon Skottnik ist eine leicht surreale Weltverdichtung, in der zunächst alle Facetten, dann nur noch Gegenstände und schließlich nur noch Abstraktionen anwesend sind. Man fühlt sich an die Geschichte von Oliver Sacks erinnert, in der ein Mann seine Frau mit einem Hut verwechselt, weil er Konturen nicht mehr richtig wahrnehmen kann und sie sich in seinem Kopf stark abstrahieren.

die Geschichte nennt wer einen Fernseher hat
zum Einschlafen
bleibt nur die Zukunft zu erpressen
mit gutem Grund
wir haben den Satz von Kindern
wir haben das Gewicht der Katzen
wir haben den vergeblichen Versuch

In den Gedichten von Marion Vera Forster ist für meinen Geschmack etwas zu viel Aufbruchsstimmung anwesend, derweil die inhaltlichen Verhältnisse etwas wirr sind. Zu Bildern gelangt sie, teilweise zu innovativen, starken. Aber in dieser Fabulierlust ertrinkt hier und da meine Sicht auf den Kreis, den das Gedicht mit diesen Ausbrüchen zieht. Es sind unglaublich reiche Texte, ich würde sie gern ein bisschen besser kennenlernen, bevor sie mir um die Ohren fliegen.

 

 

Nun sind wir bei der Kategorie „Neue Namen“ angekommen. Katharina Korbachs Geschichte „landflucht“, obzwar eine fast schon simple, unspektakuläre Erzählung, hat einen herrlichen Duktus. Geschildert wird der – auch zwecks Jobsuche in der Stadt vorgenommene – Besuch bei einem alten Fußballkumpel des Protagonisten. Atmosphärisch wird hier sehr gekonnt mit Details gearbeitet, aber dennoch wird die Ich-Erzähler-Instanz nicht durch zu viele Ausschmückungen untergraben; diese Instanz stellt das eigentliche Kunststück dieses Textes dar.

Oh, was für ein Ayahuasca-Rausch! Nicht nur für Jorge, den Protagonisten von Margit Mössmers Romanauszugstext „Tasurinchi“, sondern auch für den/die Leser*in. Hier krempelt sich etwa fünf bis sechsmal die Wahrnehmung um und die Sprache hält mit. Vielleicht wird etwas zu viel Ambiente aufgefahren, etwas zu viel Staffage, aber letztlich fällt das als Kritikpunkt nicht ins Gewicht. Denn die großartige Schilderung verleiht ihrem eigenen Anstrich eine unerhörte Eindringlichkeit. 

Es ist so komisch, wenn alles, was du wolltest, nicht ist, was du wolltest.

„Die Garnele“ von Cana Durmusoglu ist ein kniffliger Fall. Da ist auf der einen Seite die unbändige, ungefilterte Energie des Textes, das manchmal zerfasernde, aber größtenteils tragende Geflecht aus Gefühlpaletten voller Liebeshochs und -tiefs, Zuversicht und Angst, die sich von Absatz zu Absatz ins Gegenteil verkehren können. Da sind aber auch klischierte Stellen und melodramatische Übersteigerungen. Ich neige allerdings dazu, diesen Stellen eine Berechtigung, ja sogar Bedeutsamkeit einzuräumen, weil der Text mich in den anderen Teilen so aufreißt und mitnimmt. Und es ist schon imponierend, wie hier die Wahrnehmung regelmäßig gebrochen und ergänzt wird.

Zu Beginn verschwindet die Mutter am Heiligabend durch die Haustür, nach einem Streit mit dem Vater, und kehrt nicht mehr zurück. Ein Ausnahmezustand, in der Schwebe, beginnt. Die Schwester fängt an den Haushalt zu schmeißen, ihr Bruder, der Protagonist, versucht die Welt aus dem Atlas zu pausen.

In Leander Fischers „Dinge, die die Welt bedeuten“ ist allerhand Unterschwelliges am Werk. Als würde vieles, was um die eigentliche Handlung herum geschieht, hinter vorgehaltener Hand erzählt, erreicht die Lesenden vieles nur als Erwähnung, als winzige Überlappung von Schilderung und Information. So tun sich nicht nur immer wieder neue Dimensionen auf, der Text bekommt etwas Nahes und zugleich etwas Fernes, er wirkt unausweichlich und doch unerreichbar. Die Räume sind klar, aber da man nicht wirklich in die Gefühls- und Gedankenwelten der Figuren vorgelassen wird, erhalten diese klaren Räume eine Tiefe, bekommen Nischen, dunkle Winkel und Kuppeln.

Es folgt eine sehr verdienstvolle und großartige Sammlung neuer arabischer Literatur aus Algerien; viele Prosawerke, zwei Gedichte. Am besten hat mir  der Text „Labyrinthe“ des Autors Hmîda Ajjâschi gefallen, ein kurzes und doch breit angelegtes Panorama, ein irres Stück Überlieferung. Aber es gibt hier auch weitere großartige Romanauszüge zu lesen, der älteste noch aus dem Jahr 2000.

Motto des Kunstteils ist es diesmal „Den Abgrund zwischen Sprache und Bild überbrücken“. Abgedruckt sind Werke visueller Poesie, u.a. von Sophie Reyer und Zuzana Husárová. Sehr lesenswert sind die anschließenden Ausführungen von Georg Petz zum Thema Abgrund. Hier werden Georg Büchner, die Dystopie „The Beach“, Herr der Ringe, Infinite Jest u.a. Werke zur literarischen Kür des Abgrunds herangezogen.

„Mein Unbehagen an dieser gegenwärtigen Kultur des Besserwissens entspringt wohl, ich gebe es zu, meinem Widerspruchsgeist. Die Literatur ist der Ort und das Mittel, einen solchen überhaupt zu entwickeln.“

Ich weiß nicht, ob Daniela Strigl in ihrem Essay zu „Literatur in der Schule“ nicht etwas zu hart in die Tasten haut. Was sie aber spielt - eine Mischung aus Protestsong und Liebeslied - damit bin vollends einverstanden.

Von der Infantilisierung der Gesellschaft (im Fokus: die Gesellschaft Japans) berichtet Leopold Federmair, aber nicht nur davon, auch von der Dynamik des Mainstream, dem Monopol der Warenkultur. Sehr wortgewandt, dabei bodenständig, flugs auch irgendwie.

Fazit:
Eine weitere starke Ausgabe der Lichtungen, vielfältig wie eh und je. Besonders schön fand ich diesmal die Vielzahl der Autor*innen unter „Neue Namen“. Irgendwie habe ich wieder mal das Gefühl, sehr tief in das Heft hinabgetaucht zu sein. Fast ohne eine Gelegenheit, zwischendurch Luft zu holen.

Anmerkung der Redaktion: Alle beteiligte Autor_innen, zu denen wir einen sinnvollen Pfad gefunden haben, sind verlinkt.

Lichtungen 149/XXXVIII. Jg.
Schwerpunkt: Literatur aus Algerien · Kunstteil: "Am Abgrund" - kuratiert von Günter VALLASTER
Lichtungen
2017 · 10,00 Euro

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