Fixpoetry

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Hamburg

Was wissen wir von Mazedonien? Vielleicht, dass dieser Binnenstaat in Südosteuropa seit Dezember 2005 den Status des Beitrittskandidaten zur EU hat und sich als Vorleistung für den Beitritt nach einem langen Namensstreit mit Griechenland vor kurzem auf eine Umbenennung einigte. Denn Mazedonien, das im nördlichsten Teil der historischen Region Makedonien liegt (der größere südliche Teil gehört heute zu Griechenland), heißt seit 12.2.2019 Nordmazedonien. Vielleicht weiß man auch noch, dass Mazedonien ab 1946 die südlichste Teilrepublik Jugoslawiens war und 1991 seine Unabhängigkeit erklärte. Es ist eine sehr junge Republik, die heute an die Staaten Serbien, Kosovo, Albanien, Griechenland und Bulgarien grenzt. Sie hat rund 2 Millionen Einwohner verschiedener Volksgruppen, zwischen denen es immer wieder zu Spannungen kommt, und mit Mazedonisch und Albanisch zwei offizielle Amtssprachen. Nordmazedonien gehört derzeit noch zu den wirtschaftlich schwächsten Ländern Europas. Die Infrastruktur ist zum Beispiel mangelhaft, Investitionen fehlen, die Arbeitslosenzahlen sind hoch, weshalb viele das Land verlassen, um anderswo eine bezahlte Beschäftigung zu finden.

Und wie sieht es mit der Kultur, wie mit den Literaturen dieses Landes aus? Welche Schriftsteller*innen werden in Nordmazedonien gelesen, welche sind im deutschen Sprachraum bekannt?

Viel zu wenig wissen wir, kann und muss man antworten, sieht man von Kundigen ab, die es vereinzelt geben mag, und von Autor*innen, deren Namen einem möglicherweise schon unterkamen, wie etwa Verica Tričković, die in Deutschland lebt, mit Gedichten auf Fixpoetry vertreten ist und von der man den einen oder anderen Lyrikband in deutscher Sprache lesen kann. Auch die 1971 in Skopje geborene Schriftstellerin Lidija Dimkovska sollte im deutschen Sprachraum eigentlich keine Unbekannte mehr sein. Seit 1991 hat sie in ihrer Muttersprache Mazedonisch sechs Lyrikbände und drei Romane publiziert, für die sie einige Preise erhalten hat. Sie ist außerdem Essayistin und Übersetzerin. Ihre Werke wurden in etliche Sprachen übertragen, etwa ins Englische. 2010 erschien ihr Gedichtband „Anständiges Mädchen“ in der deutschen Übersetzung von Alexander Sitzmann im Verlag Edition Korrespondenzen. Nun liegt ein weiterer Gedichtband Lidija Dimkovskas in der parasitenpresse vor, jenem kleinen Kölner Verlag, der in seiner Reihe „poetry international“ regelmäßig und konsequent fremdsprachige Lyrik veröffentlicht. Und einmal mehr ist dem europäischen Netzwerk traduki zu danken, durch dessen Förderung eine Übersetzung wie die vorliegende überhaupt erst möglich gemacht oder zumindest deutlich erleichtert wird.

WIE IST ES

ein Kind von Eltern zu sein, die im Krieg umgekommen sind,
ein Kind von Eltern zu sein, die sich haben scheiden lassen,
oder ein Kind aus Afrika auf einem überdimensionalen Plakat,
in einem Behindertenheim zu leben,
den Schlüssel zu einer Sozialwohnung zu besitzen,

...

in einem SOS-Kinderdorf zu leben mit einer Kinderdorfmutter für neun
und einer Tante, die einmal wöchentlich kommt,
um zu bügeln und Karten zu spielen,
in einem Pappkarton vor dem Parlament zu schlafen
oder in der U-Bahn einer Metropole,
die ein Treffen hoher Staatsmänner beherbergt

...

wenn sich der Mensch, der einen zuletzt auf die Stirn geküsst hat,
an der Klosterlinde erhängt,

...

wenn einem bewusst wird, dass das Leben das Spiel eines Nichtschwimmers
mit Wellen ist, die höher sind als er selbst.

„Schwarz auf weiß“ heißt Dimkovskas Gedichtband, dessen Original 2016 in Skopje unter dem Titel „Crno na Belo“ erschienen ist und in Alexander Sitzmann einen mit dem Werk der Lyrikerin bereits vertrauten Übersetzer gefunden hat. Sitzmann hat 2019 einige Texte aus diesem Band bei der Wiener „poesiegalerie“ vorgetragen und einleitend sinngemäß gesagt, die Gedichte seien zutiefst melancholisch, aber er kenne die Lyrikerin persönlich, man müsse sich keine Sorgen machen, sie sei ein lebenszugewandter Mensch. Es war ein eigentümlicher Einstieg, doch diese Be- bzw. Zuschreibung sagt einiges aus über dieses Buch, das als politisch zu bezeichnen ist, doch niemals in vordergründige, plumpe Agitation abdriftet. Die Gedichte nähern sich der Brüchigkeit menschlicher Existenzen, ihrem Ausgeliefertsein an (äußere) Umstände, die vom Einzelnen meist unbeeinflussbar sind, und sie tun dies mal drastisch, mal achtsam und nüchtern konstatierend, zuweilen fast protokollartig.

Ein ganzes Leben kann zu kurz sein,
um eine Persönlichkeit zu entfalten.
Und nur ein Augenblick reicht dem Körper,
um sich in eine Leiche zu verwandeln.

„Schwarz auf weiß“ ist zunächst einmal die Beschreibung des Produkts, das nun vor uns liegt, als schwarz gedruckter Text auf weißen Seiten. Schwarz auf weiß ist hier von Dramen (auf dem Balkan zumeist, sie könnten auch anderswo auf der Welt geschehen, überall) zu lesen, etwa den Verheerungen und Versehrungen der Jugoslawienkriege und deren Nachwirkungen. Schwarz auf weiß wird das Jähe, die Plötzlichkeit eines alles verändernden Geschehens in den Mittelpunkt gerückt. Da begegnen wir etwa im Gedicht „Abfälle“ einem Mann, der in einer Alltagssituation mit seinen Kindern „hingebungsvoll“ Dinge (Muscheln, Klebebildchen, Briefmarken, Ansichtskarten) ordnet, was seine Frau mit „ihr macht nur Müll“ kommentiert. Wenige Verse später ist von einer „Feuertreppe“, von „Schlägen gegen die Flammen“ zu lesen, danach ist alles anders. Geblieben ist ihm, der als Einziger überlebte, eine „grüne Tüte mit Abfällen“, Orangenschalen, Schokoladebrösel, ein Wurstzipfel, der letzte Speichel der Kinder auf den Strohhalmen, mit denen sie zuletzt Saft tranken, Abfall, der ihn „mit einer vertrauten Heimeligkeit“ betäubt. Wie lebt man weiter, wie geht es überhaupt nach solch existentiellen Schicksalsschlägen und Tragödien für Menschen (und Staaten) weiter, wie kann es weitergehen?

„Du musst von vorn anfangen“, sagen sie zu dir.
Doch du weißt nur, wie du in der Mitte beginnen,
wie du das Alte ändern würdest,
wie es besser, schöner erstrebenswerter würde,
aber wenn die Toten nicht mehr am Leben sind,
weiß niemand, wie er anfangen soll, weder von vorn noch von hinten.

Es sind zugleich Texte, die auf andere Katastrophen Bezug nehmen und sie kontextualisieren, etwa den 2. Weltkrieg, die Verfolgung der Juden oder den Syrienkrieg, diese einweben in ein nicht zu stoppendes Kontinuum der Grausamkeit, der Zerstörung von Menschen und Menschlichkeit, von Not, Vertreibung und Flucht. Es sind Texte einer scharfsinnigen Beobachterin, die nicht mittendrin steht, sondern sich am Rand, doch nie in einer poetisierenden Parallelwelt aufhält. Sie beobachtet aufmerksam, zeichnet sich manchmal auch selbst in der Beobachtung, etwa im Gedicht „Buckel“, oder als Agierende („Hinter der Tür“), lässt zuweilen ein lyrisches Ich sprechen oder adressiert ein „du“ und zieht sehend ihre eigenen Verbindungslinien und Schlüsse.

Dimkovskas Texte zeigen die Extreme von schwarz und weiß, bemühen sich zugleich aber um eine Palette reicher Grautöne. Man gewinnt zuweilen dein Eindruck, die Lyrikerin atmet ihre Gedichte, die aus ihr heraus müssen, die gegenwärtig sind und zugleich von zeitloser Aktualität. Sie spielt dabei nicht subtil mit Sprache, sondern sie lässt Bildern entstehen, die sie manchmal wie nebenbei kreiert, nur zwei, drei Verse für sie braucht:

Im Autobus über die Grenze
wischt der Schaffner die Sitze
mit einer vergessenen Broschüre über die Menschenrechte ab.

Oft gebraucht die Dichterin archetypische Stichworte, die zuweilen plakativ, gelegentlich auch platt, das Buch durchziehen und mitten ins Herz und ins Hirn zielen, etwa „die Welt“, „das Leben“ „die Zeit“, „das Blut“ oder „die Freiheit“, Worte, die beim Lesen die Fragen nach dem wer, was, für wen und wofür evozieren, uns Lesende hineinziehen und vielschichtige Assoziationsketten in Gang setzen. Und sie setzte sich mit dem brüchigen Konstrukt „Heimat“ auseinander, etwa im Gedicht „Buckel“:

... Vergeblich hat er die Liedchen
über die Heimat auswendig gelernt,
unnötig wie eine gepaukte Theorie
ohne praktische Anwendung in einer Welt,
in der es heute weder Vater
noch Vaterland gibt.

Lidija Dimkovska liebt Wendungen ins Surreale, die besonders dann überzeugen, wenn sie damit vermeintlich Triviales konterkariert oder das Unvermögen, etwas Unbegreifbares begreifen zu müssen, veranschaulicht. Und sie verfügt über leisen Witz, der manchmal in kleinen Wendungen aufblitzt, und neben der Melancholie gut seinen Platz findet. Ein eindrückliches Buch!

Lidija Dimkovska
Schwarz auf weiß.
Gedichte aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann
parasitenpresse
2019 · 66 Seiten · 10,00 Euro

Fixpoetry 2019
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