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Kritik

Nicht im Bild: Peter Handke

Lillian Birnbaums Bildband über das Haus des Dichters
Hamburg

Ob er sich vorstellen könne, irgendwann dauerhaft nach Österreich zurückzukehren, fragt Corinna Belz in ihrem Film Bin im Wald – Kann sein, dass ich mich verspäte (2016). Peter Handke antwortet, dass er es sich schon vorstellen könne, aber er will nicht, dass dann irgendjemand anderer sein Haus bewohnt. Die Antwort überrascht wenig. Sein Haus in der Niemandsbucht Chaville bei Paris ist seit 1990 Handkes fester Wohnsitz und Refugium für den zurückgezogen lebenden Schriftsteller. Es hat es so sehr zu seinem Ort gemacht, dass es mittlerweile untrennbar mit der „Erzählung Peter Handke“ verbunden ist. Und wann immer sein Bewohner befragt oder porträtiert wird, scheint das Haus die Rolle des zweiten Protagonisten einzunehmen.

Vielleicht ist das auch auf die Fotografien Lillian Birnbaums zurückzuführen, die zwischen 1994 und 2008 nicht nur regelmäßig Handke porträtierte, sondern auch zahlreiche Aufnahmen vom Haus und seinem Interieur machte. So entstand eine Sammlung von Fotos, die letztlich ein Bild des Autors vermitteln, das kein Porträt je erreichen kann. Der Band Peter Handke. Portrait des Dichters in seiner Abwesenheit erschien bereits 2011. Auch im Jahr des 75. Geburtstags Handkes lohnt es sich noch immer, das Buch zur Hand zu nehmen. Das liegt vor allem daran, dass es sich bei den Bildern Birnbaums nicht um Arbeiten auf dem Niveau voyeuristischer Foto-Homestories handelt, sondern vielmehr um fotografierte Stillleben, die sich aus einer kunsthistorischen Tradition heraus betrachten lassen.

Handke der Pilznarr, Handke der Naturmensch, einmal auch Handke der katholische Mystiker, all diese Facetten des Schriftstellers, die seinen Lesern wohlbekannt sind, werden in Birnbaums Bildern deutlich. Nicht in frontaler dokumentarischer Abbildung, sondern in der Darstellung eines Wohnens, eines Lebens zwischen drinnen und draußen, gestern und heute. Auf einer Treppe, der Blick des Betrachters geht die Stufen abwärts, drei Teller mit Walnüssen, Kastanien und anderen Früchten. Am Ende der Treppe ein Flur mit gemustertem Läufer. An der Wand lehnt eine orthodoxe Ikone. Stiege/Nüsse, so der nüchterne Titel des Bildes, aufgenommen im Dezember 2004. Es könnte zu fast jeder anderen (Jahres-)Zeit aufgenommen worden sein. Denn in den zufälligen Stillleben, den beiläufigen Arrangements im ganzen Haus, scheinen immer alle Jahreszeiten auf einmal sichtbar zu werden. Handke, der Zeitenumschichter, er wird in diesen Bildern vor allem anderen deutlich erkennbar. Die sommergelben Quitten in einer Schale, die vom Herbstregen welligen Bücher, ein von Efeu überwuchertes Faxgerät im Garten. In all diesen Bildern scheint Handke anwesend zu sein und sich zugleich zu entziehen, wie er es in jedem Interview, jeder Dokumentation, jedem Buch tut.

So fängt man an, den Handke, den man aus seinen Büchern, den Aufzeichnungen zumal, zu kennen glaubt, mit dem Handke der Birnbaum-Fotos abzugleichen. Besonders auffällig sind dabei die unzähligen Bleistiftstummel, die im ganzen Haus und im Garten verteilt liegen. Immer griffbereit, um weiterschreiben zu können, aber auch immer zu kurz, als das man sie noch richtig festhalten könnte. Irgendwo im Journal Das Gewicht der Welt schreibt Handke von einem Wegwerfzwang, der ihn verschwenderisch mit der Rasiercreme umgehen lässt, nur um die Tube möglichst bald entsorgen zu können. Diesen Zwang aus den 1970ern scheint Handke überwunden zu haben. Oder er übertrug sich nie auf Bleistifte, Kugelschreiber und Fineliner.

Und dann tritt natürlich die Handschrift der Fotografin zutage, die sich besonders im Spiel mit dem Licht und der Farbigkeit in der Niemandsbucht zeigt. Nicht selten führt dieses Spiel zu den erwähnten Zitaten der Kunstgeschichte, die die Zeitverschiebung in Handkes Schreiben untermalen. Der von Nüssen übervolle Küchentisch im Winter etwa, der an barocke niederländische Stillleben erinnert. Doch es sind eben nicht Hummer, Trauben und Silberkelche, sondern Nüsse, Brot und getrocknete Pflanzen, die mit ihren verschiedenen Brauntönen aus dem Stillleben ein Genrebild machen. Und in einer der Schalen, ganz unscheinbar, ein Überraschungsei, das den Betrachter in die Gegenwart zurückholt. Ebenso wie die gläserne Olivenölflasche im dramatischen Schattenwurf auf dem Abendbrottisch zwischen Brot, Quark, Karotten und aufgeschnittener Wurst.

Und Handke selbst? Von ihm bekommt man nur einmal die Hände zu sehen. Im letzten Bild, in dem er in Pilze putzt. Natürlich. Abgesehen davon Stillleben, die die Funktion des Kryptoporträts erfüllen. Auch das eine kunsthistorische Tradition, die wohl vor allem Vincent van Gogh dominiert. Sein gemalter Korbstuhl, mit der Tabakspfeife und den im Hintergrund aufkeimenden Zwiebeln geben uns bis heute einen authentischen Einblick in das bescheidene Leben des Malers in Südfrankreich. Nun ist der Lebensstandard Handkes natürlich nicht mit dem van Goghs vergleichbar, doch Luxusgegenstände wird man in Birnbaums Fotografien auch nicht finden. Es scheint ein sehr genügsames Leben zwischen Büchern, Bleistiften und Pilzen zu sein, dass der Schriftsteller dort in Chaville führt. Der verwitterte, ikonisch an van Gogh erinnernde Gartenstuhl, scheint einem Recht zu geben.

Lillian Birnbaum · Peter Handke
Peter Handke. Portrait des Dichters in seiner Abwesenheit
Vorwort: Peter Hamm
Müry Salzmann
2011 · 104 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-99014-042-0

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