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aufbau Guzel Jachina "Wolgakinder"
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aufbau Guzel Jachina "Wolgakinder"
Kritik

Fragile Gefüge

Hamburg

Wie kann sich Begehren entfalten, ohne eine gewisse Intransparenz, ohne ein bisschen Spielraum für Ungesagtes zu lassen, fragen die einen. Frauen sollen sich mal nicht so penetrant zu Opfern stilisieren, seufzen die anderen. Mit ein bisschen Queerness ließen sich die leidigen Geschlechter-Machtverhältnisse doch einfach aushebeln, und wir könnten uns alle wieder auf Augenhöhe begegnen. Und überhaupt: Blöde Sprüche und Vergewaltigungen diskursiv zu vermischen – bagatellisiert das nicht die „echten Verbrechen“?

Kurz: Es scheint, als sei zur #MeToo-Bewegung so ziemlich alles gesagt worden, was man sich vorstellen kann. Was die Wellen der medialen Empörung allerdings vermissen ließen, waren Komplexität, Zwischentöne, das Nebeneinander verschiedener, auch widersprüchlicher Meinungen.

Nun verspricht ein neuer Sammelband, der „17 Erzählungen über Sex und Macht“ vereint, eine Ausdifferenzierung der Debatte. Wenngleich der Titel, „Sagte sie“ – abgeleitet vom Englischen „he-said-she-said“ – eine, allerdings historisch gerechtfertigte, Einseitigkeit suggeriert. „Weil es durchaus sein könnte, dass wir schon zu lange und zu oft seiner Version der Geschichte zugehört und Glauben geschenkt haben, soll in dieser Anthologie ausschließlich ihre Sicht der Dinge erzählt werden“, schreibt Herausgeberin Lina Muzur im Vorwort. Abwehrreaktionen (v.a. von Männern) sind vorprogrammiert und vermutlich mit einkalkuliert. Eine gewisse Überlast junger weißer Frauen ist nicht zu leugnen, ansonsten jedoch reicht die Stimmenvielfalt (Helene Hegemann, Anna-Katharina Hahn, Anke Stelling, Nora Gomringer, Margarete Stokowski u.a.) von bekannten Romanautorinnen über Lyrikerinnen bis hin zu Kolumnistinnen. Entsprechend divers fallen Tonfall und literarische Qualität aus; realistisch erzählte Erlebnisberichte wechseln sich ab mit dadaistischen Dialogen, subtilen Horroranleihen und abstrakt-poetischen Miniaturen. Einzeln gelesen, mag man sich bei einigen Beiträgen fragen, was genau sie mit #MeToo zu tun haben. Doch auch das ist vermutlich Programm.

Wie etwa bei Kristine Bilkaus „Die kurze Zeit der magischen Logik“, in der die Ich-Erzählerin einen Streit zwischen der elfjährigen Tochter ihres Lebensgefährten und den zwei Söhnen eines befreundeten Pärchens beobachtet. Obwohl die beiden Jungen eindeutig den Streit provozierten, lässt deren Mutter sie „unauffällig gewähren“, anstatt ihnen ihr Fehlverhalten zu erklären. Am Schluss ist es das Mädchen, das sich bei ihren Spielkameraden entschuldigt – obwohl sie weiß, dass sie im Recht ist. Ihre Begründung: „Ich wollte aber weiterspielen“.

Blättert man zurück zu Antonia Baums „Setzen Sie sich!“, lässt sich Bilkaus Text als nachgeschobener Prolog verstehen, eine Art „Wie es soweit kam“.

Nach einer Agenturfeier teilt sich Baums Protagonistin ein Taxi mit ihrem Vorgesetzten, der zwar „Mansplaining und den Gender-Pay-Gap megascheiße“ findet, sich dann aber doch im angetrunkenen Zustand das Recht herausnimmt, ihr auf der Rückbank die Zunge in den Hals und den Finger in die Vagina zu stecken. Als Leserin wünscht man sich, dass sie ihn wegstößt und laut schreit, und ist vielleicht sogar enttäuscht von ihrem diplomatischen Herauswinden aus der Situation. „Ich wollte irgendwie höflich bleiben und C. nicht beschämen“, rechtfertigt sie sich vor sich selbst. Am Ende ist sie froh, den Täter nicht bloßgestellt, die Fassade gewahrt zu haben: „Wir würden weiter zusammenarbeiten können.“

Die meisten (sexuellen) Übergriffe, das zeigen diese beiden Texte eindrücklich, finden in bestehenden sozialen Gefügen statt – in der Familie, zwischen Spielkamerad_innen oder Arbeitskolleg_innen. Und die Wahrung oder Wiederherstellung eines harmonischen Miteinanders liegt traditionell nun mal in weiblichen Händen. Mitunter hätte das Zusammenbrechen dieser Strukturen auch für das Opfer – zumindest gefühlt – weitaus schlimmere Folgen als die Sorge um die eigene Unversehrtheit.

In „Sagte sie“ verlaufen die Täter-Opfer-Demarkationslinien keineswegs immer, wie man es erwarten würde, zwischen mächtigen (älteren) Männern und wehrlosen (jüngeren) Frauen. Hahns „Drei Mädchen“ reflektiert jene präpubertäre Phase, kurz bevor sich die Macht- und Kräfteverhältnisse umkehren, in der sich die Mädchen auf dem Schulhof gegen die Jungen verbünden; wieder andere Texte zeigen, wie sehr Klassenunterschiede, Rassismus, Nationalitäten und sexuelle Orientierung die Geschlechter-Asymmetrien beeinflussen und verschieben können.

So auch Margarita Iovs „Das Wasser des Flusses Lot“. In einer fiktiven Stadt, geteilt durch einen Fluss, mit zwei aneinander gespiegelten Kathedralen, besucht das Erzähl-Ich einen Mann namens A. Eine Frau allein in der Fremde, denkt man; auch die Macht- und Besitzverhältnisse scheinen klar („A zeigt mir seine Stadt, als gehöre sie ihm“). In der Nacht jedoch verkehren sich die Rollen; plötzlich weiß man nicht mehr recht, ob Iov einen Traum, eine Nötigung oder eine einvernehmliche BDSM-Szene beschreibt, in der A den Unterlegenen gibt – selbst über das Geschlecht des Erzähl-Ich herrscht mit einem Mal Ungewissheit. Und das ist nicht alles: Auf der anderen Flussseite gibt es ein weibliches Pendant zu A, dem das Erzähl-Ich am nächsten Tag begegnet. Noch einmal vertauschen sich die Rollen.

Ein weiteres Highlight des Bandes ist Jackie Thomaes „Unsexyland“, eine unheimlich-vertraute Zukunftsvision, in der „Nichtregistrierte“ per se verdächtig sind und Paarbildungen per „Kompatibilitätscheck und Pheromonabgleich“ zustande kommen. Auf einem „analogen Abenteuer“ in Kanada, bei dem die Reisenden „eine vergangene Epoche der Sorglosigkeit“ simulieren, hat die Protagonistin eine sexuelle Begegnung, die zum Debakel gerät. In ihrer digitalen Gegenwart hätte sie ihren Ärger zumindest in eine schlechte Bewertung übersetzen können; in der Simulation des Analogen aber sieht sie keine Möglichkeit, ihre Erfahrung öffentlich zu machen. „Er konnte sich für den Rest der Reise mit anderen Frauen amüsieren ohne die geringste Konsequenz. Dieses ominöse Früher war ein rechtsfreier Raum.“ Nicht zuletzt wirft Thomae hier spannende Fragen nach dem Pro und Contra totaler Transparenz auf.

 

Mit Beiträgen von Fatma Aydemir, Antonia Baum, Kristine Bilkau, Heike-Melba Fendel, Nora Gomringer, Annett Gröschner, Anna-Katharina Hahn, Helene Hegemann, Margarita Iov, Mercedes Lauenstein, Juliane Liebert, Anna Prizkau, Annika Reich, Anke Stelling, Margarete Stokowski, Jackie Thomae, Julia Wolf.

Lina Muzur (Hg.)
Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht
Hanser Berlin
2018 · 224 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26074-0

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