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Kritik

Im Krieg und in der Liebe

Hamburg

„Unkonventionelle literarische Stimmen“ fördern, Bücher herausbringen, „die sich etwas trauen“ – das schreiben sich nach wie vor so einige Verlage auf die Fahnen, die wenigsten werden diesem Anspruch gerecht. Schaut man sich das Programm des relativ jungen Tempo-Verlags an (benannt nach dem gleichnamigen Zeitgeist-Magazin der 1980er- und 90er-Jahre), scheint sich der erste Eindruck eines recht inhaltsleeren Aushängeschilds zunächst zu bestätigen. Was sich dort tummelt, verspricht nicht unbedingt Innovation und Risiko, sondern vielmehr eine marktkonforme, bekömmliche Aufbereitung von Sex, Drugs & Punk. Doch findet sich zwischen Pop-Urgestein Maxim Biller, Allround-It-Girl Kat Kaufmann und einem Zungenbrecher-Baedecker mindestens ein Titel, der auf eine gewisse Originalität hoffen lässt: Lina Wolffs Bret Easton Ellis und die anderen Hunde.

Zwar trifft das Cover genau die geglättete Edginess, die man von einer 90er-Retro-Ästhetik erwartet, und im Titel wird ein berühmter Vertreter der US-amerikanischen Popliteratur zitiert – der Inhalt jedoch stößt in Regionen vor, die mit der Coolness postmoderner Zitatcollagen wenig zu tun haben. Eine Art Collage ist Wolffs Debütroman gleichwohl. Allerdings eine, die vielmehr an surrealistische Traditionen anknüpft und dabei so tief in die Abgründe der menschlichen Psyche vordringt, dass sie letztendlich beinahe zeitlos wirkt. Was sich vor unseren Augen auffächert, ist ein Zusammenspiel verschiedener Stimmen, aus deren Schnittmenge sich nach und nach ein facettenreiches Bild der exzentrischen Schriftstellerin Alba Cambó zusammensetzt. Dass dabei mehr im Dunkeln bleibt als erhellt wird, versteht sich beinahe von selbst.

„Ich kannte sie doch gar nicht“, protestiert auch die Ich-Erzählerin Araceli, als Albas ehemaliger Lover sie bittet, einen Nachruf auf die Verstorbene zu verfassen. Trotz allem beginnt Araceli zu schreiben. Warum einen diese stille, ja beinahe unsichtbare Beobachterin an der nebulösen Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsensein überhaupt interessieren soll, mag man sich fragen. Oder ihr flüchtiges Subjekt, Alba. Oft bleibt unklar, wer überhaupt spricht, und warum. Wolffs Dramaturgie ist purer Treibsand; sie springt vor und zurück in der Zeit, greift Dingen vor, die man noch nicht einzuordnen weiß, oder wechselt abrupt von einer Erzählung zur nächsten. Das klingt verwirrend, um nicht zu sagen, frustrierend – umso erstaunlicher, dass es Wolff gelingt, ihre Leser_innen nach wenigen Seiten zu packen. Was vor allem an der Dichte und Sinnlichkeit jeder einzelnen Passage liegt: Schönes wie Hässliches, Abstoßendes wie Erhabenes kriechen förmlich aus den Seiten und setzen sich als unvergessliche Bilder im Hirn fest – da muss man nicht immer auf Anhieb verstehen, wohin das, was erzählt wird, führen soll. Man nehme z.B. die unauflösliche Beziehung der Figuren zu ihren Wohnräumen, die Wolff für sich sprechen lässt: „Unsere Burg, unser Grab und vielleicht auch unser Mausoleum“ nennt Aracelis Mutter die enge, dunkle Mietwohnung am Rande Barcelonas, in der sie ihre Tochter großzieht und mit diversen „Eintagsvätern“ konfrontiert. Den permanenten Geruch nach Schimmel und Eintöpfen wird die Halbwüchsige auch draußen nicht los – erst als die neue Nachbarin Alba und ihre undurchsichtige Haushälterin Blosom unter ihnen einziehen, ist es, als hätte jemand ein Fenster zu einer anderen Welt aufgestoßen.

Obsessiv verschlingen Araceli und ihre Mutter jede Kurzgeschichte, die Alba regelmäßig in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht. Vermutlich nicht ganz zufällig heißt diese Zeitschrift „Semejanzas“ („Ähnlichkeiten“) – denn nach und nach werden gewisse Parallelen zwischen Albas Texten und den Begebenheiten augenfällig, die Araceli selbst erlebt oder zu hören bekommt.

Eine Geschichte, die komplett wiedergegeben wird, spielt in einem abgeschiedenen spanischen Kaff, dem „letzten Halt vor der Hölle“, dessen Eckpunkte ein Bordell und ein gigantischer Friedhof bilden. Darin will ein kleines Mädchen namens Lucifer mit dem neuen Dorfpfarrer durchbrennen, wofür diesem als vermeintlicher „Kinderschänder“ von den Frauen des Dorfes ein grausamer Prozess gemacht wird. Dass dieses alptraumhafte Tal der lebenden Toten tatsächlich existiert, mag man kaum glauben – doch wird das Dorf später im prosaischen Zusammenhang eines Holzhandels wieder eingeführt, und man versteht, dass „Lucifer“ das kindliche Alter Ego der Schriftstellerin gewesen sein muss.

Plötzliche Gewaltausbrüche, Machtspiele und Rachefantasien durchziehen die Fragmente als eine Art (blut)roter Faden. So erinnert sich Araceli an einen älteren Mann, den „Candyman“, der ihr einst den gesamten Eisvorrat einer ihr verbotenen Eisdiele aufkaufte und an den Strand liefern ließ. In einer anderen Geschichte wirft Blosom aus Rache ob des ihr angetanen Leids eine Katze in einen Kochtopf. Vieles klingt unglaubwürdig oder übertrieben, und doch suggerieren kleine realistische Details immer wieder einen Wahrheitsgehalt des Erzählten. Letztendlich, so kann man wohl sagen, hält Alba die Fäden in der Hand (selbst aus dem Totenreich heraus scheint sie noch die Geschehnisse zu steuern), und man wird das Gefühl nicht los, als seien sämtliche Figuren, inklusive der Erzählerin, ihren ausufernden Fiktionen entsprungen.

Nicht selten enden Albas Geschichten mit brutalen Racheakten an brutalen Männern („…was denn falsch daran sei, über geschändete Männerkörper zu schreiben, wenn die Literatur sich andauernd über weibliche Körper hermache?“ fragt sie einen verdutzten Journalisten). So lässt sich Wolffs Darstellung komplexer Herrschaftsverhältnisse auch als zynischer Kommentar auf einen als erbitterter Geschlechterkampf verstandenen „Feminismus“ lesen – selbst dann, wenn die Machtkämpfe zwischen zwei Frauen ausgefochten werden. Die unnahbar-strenge Französischlehrerin auf Aracelis Übersetzerschule scheint einer Hochglanz-S/M-Fantasie zu entspringen, angesichts derer männlicher Größenwahn gepaart mit völliger Hilflosigkeit zur Höchstform aufläuft: „Ich werde sie jedenfalls eines Tages besteigen wie einen Berg, und wenn ich am Gipfel ankomme, ramme ich meinen Fahnenmast in ihr weiches Fleisch.“ Während ihrerseits besagte Lehrerin den Geschlechterkampf verbal auf absurde Spitzen treibt: „So wie ein Häftling versuchen muss auszubrechen, muss ein Gefängniswärter ihn davon abhalten.“

Araceli und ihre beste Freundin geben sich derweil recht konventionellen Träumen hin, in denen ihnen ein wohlhabender Traum-Ehemann das Leben versüßt. Und blicken zugleich auf die sie umgebende Männer mit einer Verachtung, als seien sie nichts als ein Pack hechelnder, abhängiger, bestechlicher Hunde. Die Reibungsenergien dieser Widersprüche einzufangen, die Stellen, an denen sich explosionsartig Spannungen entladen, erhebt Wolff zur Meisterschaft.

Hat man diesen Unterstrom einmal erfasst (oder umgekehrt: hat einen dieser Unterstrom erfasst), erklärt sich auch der zunächst irreführend erscheinende Titel: Ein Holzhändler – an sich eine bloße Nebenfigur – besitzt einen Hund, der auf den Namen Bret Easton Ellis hört. Er hat ihn aus dem erwähnten Bordell im „letzten Halt vor der Hölle“ – denn dort werden ausschließlich Rüden in einem Zwinger gehalten, die die Namen berühmter männlicher Schriftsteller tragen. Wie kommt’s? Einst kam eine überhebliche akademische Feministin auf Recherchereise ins Dorf und riet den Sexarbeiterinnen zu dieser Praxis. Und dazu, die Hunde ordentlich zu quälen, wenn ihre Kunden sie schlecht behandelt hatten. Eine höchst pragmatische Form des „passiven Widerstands“ sei das.

Der einzige ironische Twist? Beileibe nicht! Auf der Metaebene birgt diese makabre Dynamik eine weitere, quasi gedoppelte Form des „passiven Widerstands“. Nämlich den einer feministischen Autorin gegen das Pantheon männlicher Literaten: Houellebecq, Chaucer, Bukowski und Dante werden allesamt in einen Zwinger gesperrt und bei Bedarf mit verdorbenem Fleisch gefüttert. Leidet, ihr Hunde!

Lina Wolff
Bret Easton Ellis und die anderen Hunde
Übersetzung: Stefan Pluschkat
Tempo · Hoffmann & Campe
2017 · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-455-00107-5

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