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Lisa Elsässers „flussbewohner“ lotet die Untiefen der Liebe aus
Hamburg

Im direkten Vergleich mit so manchen lyrischen Neuerscheinungen der letzten Zeit löst Lisa Elsässers neuer Band „flussbewohner“ eine leichte bis mittelschwere Irritation aus — von Licht, Wasser, Tau, von Luft, Schlaf, Schnee ist die Rede, von Begrifflichkeiten und Dingen also, die bekannt klingen und schon in der einen oder anderen Lektüre begegnet sind. Doch man muß sich hüten, ein vorschnelles Urteil zu fällen! Daß Elsässer sich auf avanciertere Formen versteht, hat sie bravourös in ihrem Band „Da war doch was“ (2013) bewiesen, die Umkehr zur Schlichtheit der Gedichte von „flussbewohner“ ist demnach unbedingt gewollt und gehört zum Konzept. Eines der elementarsten menschlichen Gefühle, die Liebe, braucht offenbar eine Sprache, die nicht verstellt und nicht ergrübelt ist, sondern genauso unmittelbar wie diese in Erscheinung tritt. Sicherlich rekurriert das Vokabular dabei auf Metaphern, die seit der Romantik bekannt sind; aber es erhält eine Frischzellenkur aus dem 21. Jahrhundert, was zu einer wunderbaren Spannung führt, die eine ganze Tradition hinter sich weiß und doch wieder aus ihr ausbricht. Die Liebe ist alt und immer zugleich neu.

Nicht nur vom unbescholtenen Liebesglück schreibt Lisa Elsässer, sondern von der  Zerbrechlichkeit des Glücks, von Abwesenheit und Leerstelle, von Sehnsucht, Verlangen, Erinnerung, Abschieden, Ungewißheiten, vom Auflodern und Verglimmen, eines im andern eingeschrieben. Zitate von Dorothy Parker eröffnen und beenden den Zyklus, und auch dies wiederum ist eine gezielt eingesetzte Irritation, denn mit Parkers zynischem Blick auf Liebesbeziehungen haben Elsässers Gedichte nichts gemein. „mein schreibtisch // hat eine affaire mit / einer alten dichterin / ich lasse sie und ihn / ein paar gedichte / schreiben über die so / genannte liebe“, heißt es einmal und zeigt, wie wenig die Autorin bzw. das Lyrische Ich aktiv an diesem Prozeß beteiligt ist. Denn was sich ereignet, an Gefühlen, Stimmungen, Handlungen, wird in die Außenwelt verlegt, findet seinen Spiegel, seine Reflektionszone in der Natur, vor allem aber im Wasser, im Fluß.

Im Sinne der Programmatik steht das Bekenntnis: „wasser sprach zu mir / ungekünstelt wie / es nur das wasser / kann frühmorgens“. Die Schlichtheit und die Kürze der meisten Gedichte erinnern zunächst an tagebuchartige Notate, doch bei näherer Betrachtung stellen sie sich als wohlüberlegte Gegensteuerung heraus: die Reduktion des Gefühls auf eine Essenz mittels Sprache, die Bändigung des Gefühls auf konzentrierte Zeilen, die ihrerseits an östliche Dichtung gemahnen, an deren paradoxe Heiterkeit aller Trauer und Melancholie zum Trotz.

es ist november deine sprache
auf meiner verdrossenen so klar
das angebot des flusses sicht bis
auf den grund unter irrendem
wasser jeder stein dem andern
naher freund in kalter zeit

Die Jahreszeiten dringen in die Gedichte herein, Herbst und Schnee sind von realer Gegenwart und zugleich metaphorisch gemeint. Die Gedichte widerstehen indessen einer überdeutlichen saisonalen Chronologie — das „jahr der liebe / das zu ende geht“ schimmert zwar überall durch, aber niemals so aufdringlich, daß sich eine Abfolge von Ereignissen ergäbe: Das Wandelbare des allgegenwärtigen Flusses ist ein Abbild der wechselvollen Gefühle; die Aggregatzustände des Wassers spiegeln die Empfindungen. Keine Natur ohne Beseelung und kein Gefühl, das nicht eine Entsprechung in der Natur fände. Damit geht Lisa Elsässer, im bereits erwähnten Vergleich, ein gewisses Wagnis ein, doch sie tut es nicht vergebens.

Obwohl die Naturbilder durchaus konkret sind, ist die Schilderung nirgends so zwingend und beengt, daß sich der Eindruck von Allzubekanntem einstellt. Denn oft wird nur angedeutet, im Ungewissen belassen, im Schwebenden gehalten. Die Überschriften sind allermeist ein Teil des Gedichts, kaum als solche zu definieren, und schlagen zuweilen einen Bogen zur abgesetzten letzten Zeile, z.B. „keine worte [...] ohne glück“, woraus sich eine interessante, das dazwischenliegende Gedicht gleichsam negierende Binnenspannung ergibt, die, wie vieles andere in dem Band, jede klischeehafte Eindeutigkeit vermeidet, wie ja auch Gefühle sich einem Schwarz-Weiß-Schema entziehen können — denn sie warten auf stete Neudeutung, auf ein Entziffern, das ebenso vielschichtig ist wie die syntaktischen Zusammenhänge im folgenden Beispiel:

[...] als hauchten sie aus
unsern augen das entziffern
doch lesbar eingeschrieben

die worte durch jeden smog
der zeit

Unbestreitbar hat Lisa Elsässer mit „flussbewohner“ einen der schönsten Liebesgedichtzyklen der neueren deutschsprachigen Lyrik vorgelegt. Sensibel, unmittelbar und in der Abwesenheit, Flüchtigkeit und Brüchigkeit der Liebe die Kraft und Dauer der Liebe umso intensiver feiernd, ohne Zynismus, ohne Ironie, mutig die eigenen Schwächen bekennend, benennend. Die Liebenden mögen am Ende vielleicht sogar getrennt bleiben — in der Dichtung hat dennoch etwas fest zusammengefunden: traditionelles Vokabular und dezent moderner Sound.

Lisa Elsässer
Flussbewohner
orte / Verlagshaus Schwellbrunn
2017 · 96 Seiten
ISBN:
978-3-85830-221-2

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