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Kritik

Schneespuren, Winterräume

Lisa Elsässer widmet einen ganzen Gedichtband dem Schnee
Hamburg

Schon als der Winter noch eine allseits gefürchtete Jahreszeit war, weil man um Nahrungsmittel und Feuerholz bangen mußte, verbreitete der Schnee eine seltsame Faszination, als metaphorisches Bahrtuch auf dem Land ebenso wie als Möglichkeit des Vergnügens von Schlittschuhlauf und Schlittenfahrt. Der Schnee ist eine feste Größe in der Malerei und der Dichtung – Ron Winkler z.B. hat vor einigen Jahren (2011) eine Anthologie über ihn zusammengestellt, die längst nicht alles zum unerschöpflichen Thema, aber doch vieles Wesentliche enthielt. Lisa Elsässer reiht sich somit in eine gewisse Tradition ein, wenn sie nun gleich einen ganzen Band mit Schneegedichten vorlegt. Und seltsam, trotz des – im doppelten Sinne – bekannten Stoffs bleibt die Faszination auch hier erhalten, denn Elsässer kann ihm einige neue Töne und Blickwinkel abgewinnen.

Zunächst einmal fällt auf, wie enggeführt Elsässer den substantiellen und den metaphorischen Aspekt des Schnees behandelt. Zugleich ermöglicht der Schnee – selbst in seiner jahreszeitlich frühsten Ausprägung als »Morgentau« – eine Reibungsfläche von Außenwelt und Innenwelt, wie bereits im ersten Gedicht des Bands: »es ist möglich am rand / den eigenen code zu sehen / das raureifumschlungene // netz der zierlichen gräser«. Außenwelt und Innenwelt bedingen einander beim kreativen Prozeß des Dichtens: »und fehlt der schnee / dem winter / fehlt ihm meine schrift«. Die Beschreibung realer Schneemomente, die sich beim Lesen vorm inneren Auge entfalten und wirklich nachfühlbar werden, sind deshalb auch immer Verweise auf die Stimmungslage des ›lyrischen Ichs‹.

Der Schnee ist Projektionsfläche für Erinnerungen; ist Hall- und Echoraum für Gespräche und Selbstgespräche; ist Trost und Mahnung zugleich, durch alle Tonarten und Gedichtformen, bis hin zum pantheistischen Gebet:

mein schneeunser
geheiligt werde dein weiß
das täglich winterbrot

Blendender Schnee verstärkt die Konturen der Schönheit, unbegangener Schnee schärft die Sinne für das Potentialis der Zukunft, die Schneedecke als Winterphase bringt immer wieder die (Lebens-)Zeit und ihr Verticken, Vertröpfeln in den Sinn. Dies alles berührt Elsässer bei ihren Beschreibungen, oft indem sie einfach nur Landschaften, Stimmungsbilder, Schneeszenarien und Schneeszenerien skizziert. Und da die Schnee-Metapher auf die oben erwähnte, längere Tradition zurückblicken kann, scheint sie geradezu prädestiniert zu sein für sprachlichen bzw. literarischen Anspielungsreichtum. Elsässer macht davon Gebrauch – die »Winterreise« von Schubert/Müller z.B. schimmert durch –, aber behutsam, unaufdringlich, leichthändig.

am brunnen
vor dem tore
hat sich das wasser
in eis verwandelt
ich trinke die milch
des schwarzen himmels

Nichts verblüfft vielleicht mehr als die Doppelnatur des Schnees. Einerseits gibt er sich unwirtlich, starr, abweisend: »strenger hinein / ins kalte weiß«, »gingen wir übern schnee / seine härte wach« ; andererseits ermöglicht und befördert er die Heimeligkeit des Hauses, die Stille, die Introspektion, die fröhlich gehegte Hoffnung auf wärmere Tage. Und auch noch bei der Schmelze nimmt der Schnee ambivalenten Charakter an: »schöner kann ein tod / nicht sein im wissen um / das leben neuer kreaturen«. Kurzum: Schnee stellt die Substanz des Verstummens ebenso dar wie die Substanz des Gesprächs. Bei seinem Anblick spürt man die Verluste, die Leerstellen umso stärker: »der schnee bricht ein / und mit ihm die liebe«, beginnt einmal ein Gedicht in anrührend schlichter Mehrdeutigkeit.

›Schneeblind‹ werden offenbar viele beim Überhandnehmen von zu viel Weiß ringsum, doch besteht eben diese Gefahr bei Lisa Elsässers Gedichtband nicht, denn aus dem Monochromen beobachtet sie die vielfältigsten Augenblicke und Empfindungen, treffsicher, exakt, knapp und dabei doch genau kalkuliert. Auch der »wortzauber«, also die eher sprachspielerischen Elemente, bleiben immer leicht nachvollziehbar, verselbständigen sich nicht und lassen den sichtbaren Dingen den Vortritt. Zu diesem eindrücklichen Buch wird man (wie der Rezensent) noch in vielen Wintern (und nicht nur dann) greifen – falls der Schnee inzwischen nicht zur Rarität geworden ist (und dann womöglich deshalb umso lieber).

Lisa Elsässer
Schnee Relief
Wolfbach DIE REIHE
2020 · 79 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
9783906929385

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