Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
x
ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
Kritik

Absplitterungen mit eigener Schönheit

Lisa Goldschmidts Debüt „Tage Fragmente“
Hamburg

In der vielfältigen und mitunter unübersichtlichen Landschaft der Literaturförderungen gibt es erfreulicherweise immer wieder Stipendien, die durch ihre besondere Konzeption auffallen. Ein solches Stipendium ist das „Raniser Debüt“. Seit dem Jahr 2015 schreibt es der Lese-Zeichen e.V. in Jena jährlich aus und bietet damit literarischen Newcomern die Möglichkeit, ihr vielversprechendes Erstlingswerk mithilfe eines professionellen Lektorats fertigzustellen und natürlich zu veröffentlichen. Zudem kann der oder die ausgewählte Autor*in, wenn gewünscht, zwei Wochen lang kostenfrei auf der malerisch gelegenen Burg Ranis bei Pößneck wohnen und konzentriert arbeiten. Ein Kulturort, der nicht nur in Thüringen eine Leuchtturmfunktion erfüllt, sondern mittlerweile auch bundesweit geschätzt wird. In der Vergangenheit gaben sich hier u.a. Katharina Thalbach, Denis Scheck, Sven Regener, Saša Stanišić und Nora Gomringer die Klinke in die Hand.

Nach Denijen Pauljevic, Lars Jongeblod und Simone Scharbert war Lisa Goldschmidt 2018 die vierte Stipendiatin, deren Debüt Tage Fragmente nun erschien und jüngst in der Villa Rosenthal in Jena sowie natürlich auf der Burg Ranis in Lesung und Gespräch vorgestellt wurde. Die gebürtige Freiburgerin vertraut in ihren Texten zwar der „Lyrik als Medium der Selbsterkenntnis“, wie es im Klappentext heißt, zieht dieses Vertrauen jedoch auch immer wieder in Zweifel. Denn wie es sich für jede relevante Dichtung gehört, steht auch hier das Kernmaterial der Lyrik, die Sprache selbst, auf dem Prüfstand.

„oft träumte ich in den vergangenen wochen von gewässern,
träumte von ebbe, von worten, die sich zurückzogen, in einer
spröden langsamkeit sickerten, durchtränkt von einer salzigen
stimme.“

Wo, wenn nicht in einem Debüt, sind solche Eingangsverse angebracht, in denen die Autorin keinen Hehl daraus macht, sich ihrer Sprache erst einmal vergewissern zu müssen; eine Ahnung gleich mit einschreibend, dass es eine solche Gewissheit zunächst wohl nicht geben kann. Zahlreiche Wasser- und Fließmetaphern in den Texten untermauern den fast schon programmatisch erscheinenden Eindruck der dauerhaften Veränderlichkeiten. Ein Begriff wie „(Selbst-)Versicherung“ ist daher auch unbedingt zu vermeiden, da Lisa Goldschmidt nicht versucht, dem Leser eine Police zu verkaufen. Alle vermeintlichen Sicherheiten erscheinen illusorisch, ob es sich nun um die Küstenlinie handelt, um zwischenmenschliche Beziehungen oder den eigenen Körper. Von letzterem sprechen vor allem die Gedichte, die zu Arbeiten der Tänzerin und Choreografin Pina Bausch entstanden sind. Eine Inspirationsquelle, die Goldschmidt, die zuerst Malerei in Karlsruhe studierte, überhaupt erst zum Schreiben von Lyrik veranlasst hat, wie sie bei einer der Buchpremieren erklärte.

In den Gedichten Nelken, Vollmond und Endniss durchschreitet die Autorin aus Sprache gebaute Räume, streckt sich in verschiedene Richtungen, stößt auf Widerstände oder in Leere und kommt so zwangsläufig nicht zu einer Ich-Vermessung, sondern zu einer Ich-Abschätzung, die ahnen lässt, dass man dem Ich mit einem Gedicht allein nicht habhaft wird.

„... doch// im Melodram deines Schuhs zeigt dein Gesicht// ein Körper kaum mehr ein Farn, das// im Vollmond sich biegt.// Tausendfach sehnt mich, tausendfach/ spricht, das Rot deines Kleides/ Gebärden. Ich verstehe sie nicht, die Arme zu Körpern/ umwunden und von Tränen allzu lange, die von Gondeln/ erzählen, die Vollmonde sie spiegeln und es ist// in einer Weise zu sein/ Pina, es ist// ein/ Dazwischen/ was// Grenzen/ erfüllt ...“

Tage Fragmente heißt Lisa Goldschmidts Debüt, doch ihre Texte erscheinen nicht eigentlich fragmentarisch, sondern eher wie Absplitterungen von etwas Größerem, dessen sich die Autorin weiter anzunähern versucht. Jede abgeklärt wirkende, abgeklärt spielende Pose ist ihr fremd, was den Gedichten eine bemerkenswerte Zartheit verleiht. Ihr gegenüber steht jedoch ein auffallend kohärenter Bildraum, der in den kürzeren Gedichten, die nicht auf Pina Bausch zurückzuführen sind, recht souverän erscheint. Die angesprochenen Küsten, zudem Gesteinsformationen und Witterungsverhältnisse erinnern an eine Ingmar-Bergman-Ästhetik, die dem Band insgesamt gut zu Gesicht steht.

Lisa Goldschmidt
Tage Fragmente (Raniser Debüt)
Lesezeichen e.V.
2019 · 76 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3000617560

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge