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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Trinidad-und-Imago

Hamburg

Im letzten Jahr ist Lisa Kränzlers mächtiger Roman Coming of Karlo im Verbrecher Verlag erschienen. Der stoffgoldene Buchklotz ist eine textliche Tour-de-Force, ebenso überdreht wie nervig, so happig wie lustig. Der 600-Seiten-Text nimmt sich nicht allzu ernst, verleibt sich dafür aber alles ein, wirklich alles, was einem an kalauernder Assoziation im Sinne einer Coming-of-Age Geschichte um jenen gefoulten Karlo mittels bildungsbürgerlicher Sprache in den Sinn kommen kann. Dabei wird jene bestimme Sprachgrenze jedoch nie übertreten, was gleichzeitig das eine Manko des Romans sein könnte. Federleicht dreht sich die 90ies-Britannica-Link-Uhr, allerdings nicht um sie zu demaskieren, sondern einfach nur an ihr zu saugen. Der Stoff bleibt somit sich selbst verpflichtet, strebt nicht nach Befreiung oder Ungehorsam. Will popp-Literatur sein. Und schlägt sich famos. Bis es irgendwann ermüdet.

Dann allerdings, im letzten Fünftel ungefähr, bricht die schleppende Story___STEADY_PAYWALL___ um Karlo mit der Beinschiene (beim Bolzen von einem üblen Treter genotbremst) und Gwen und einigen anderen Kommunarden des Kurt-Gödel-Gymnasiums im provinziellen Süddeutschland ein, knallt sozusagen durch. Ein seitenlanges Wirrwarr gecutteter Textfetzen in diversen Sprachen, Schriftgrößen, Grafiken und Mythologica macht, was es will. Karlo, in den Fluss gestürzt, ist weg und nicht weg, wird betrauert, ihm aber keine Träne nachgeweint. Zurück bleibt Sprache allein, in Hoffnung auf „eine“ Zukunft. Das ist im Endeffekt eine unerwartete schöne Dramaturgie, die Kränzler dem ansonsten eher dünnen Stoff verpasst.

Das Prinzip Überdosis führt Karlo / Gwen durch diesen idiosynkratrischen Jam, der wie es Jams so eigen ist, gut geraten kann, oder an seiner Überlänge erstickt. Beides ist in Coming of Karlo der Fall. Es steht und fällt zudem mit dem Humor, der das Buch fest im Griff hat, und schließlich jene Distanz zum Inhalt entstehen lässt, die sozusagen echte Melodien oder Lyrizität nicht an sich ranlässt.

„Das sind Bilder aus Platons Höhle, daher die schlechte Qualität.“

Die vielen Kapitel sind häufig stilistisch von einander abgetrennt, es gibt viele kecke Fußnoten, dennoch ergibt sich das Provinzbadesee-Bild recht schnell, auch die Disko-und Bettszenen, die Schule- und Fußballsituationen sind rasch kapiert. Es stellt sich etwas die Frage, ob ein wenig Zügelung bei der Auswahl der textlichen Imitationen bzw. Entscheidungsschneid im Konzept dem Roman gutgetan hätte. Andererseits ist es ziemlich selten, dass sich ein Werk heute dermaßen gehen lässt, sich trotz Selbstverliebtheit ein Text so massiv gegen die Glättungen der literaturverarbeitenden Industrie stellt. Insofern allein ist Coming of Karlo eine wichtige Veröffentlichung und ganz gewiss sitzt eine Riesenanzahl Gags richtig gut. Es ist eine Sammlung Tagträume, die bei Kränzler immer auch Sprachträume sind. Ein Romanmonster voll borstig-vorlautem Charisma.

Kristallkugeln aus gebauschten Kissen, die lavaheisse Leidenschaft prophezeien (Kugel: „Dein Herz ist eine Magmakammer.“ Ich frage: „Was bedeutet das?“ Sie sagt: „Druck.“ Ich frage: „Kein Ausbruch?“ Sie: „Insert coin to continue.“) – amputierte Clownsnasen – eine Schar geklonter Mars-Planeten, die einen zerhackten Zentralstern umrunden (Rise and Fall of the Stars: Vom Braunen Zwerg zum kakaoigen Stellarschrott) – Stielaugen eines an Albinismus leidenden Monsters (Wer hat Angst vorm Dutzendglotz?) – die warnfarbenen, aus milchfettem Schlamm aufragenden Rücken pfeilgiftgebender Urwaldfrösche – blutige Biss-Spur eines spitzzähnig bestückten Mauls (Der Beißer, der mich liebte.) (Leider verschollen: Bram Stoker’s „Dodeka“) – Stopplichter im Schneestöber – Rettungsbojen auf wild-schäumenden Wogen – rot-perliger Piercingschmuck in der Haut eines Sonnenallergikers ...

Lisa Kränzler
Coming of Karlo
Verbrecher Verlag
2019 · 624 Seiten · 29,00 Euro
ISBN:
9783957323705

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