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Kritik

Ostragehege 85

Hamburg

Die 85. Ausgabe von Ostragehege wird eröffnet von einem Langgedicht von Zsuzsanna Gahse, in dem eine ganze Sippe vorgestellt wird oder besser gesagt: abgelaufen, abgeschritten. Ein bisschen Schmunzeln, ein bisschen Nachdenklichkeit; ein sanftes Gedicht, in das man sich hineinlesen muss und dessen Dimension man vielleicht erst gegen Ende hin wirklich wahrnimmt.

Es folgt ein Essay, eine Einführung, eine persönliche Huldigung von Horst Zimmermann an das Werk des Bildhauers Hermann Naumann, der u.a. ein Denkmal mit Friedensente für Christian Morgenstern schuf. Ein fundierter und wunderbar ungezwungener Text.

es macht keinen Unterschied was du entsorgst
dir bleibt kein Raum du wirst hier nicht gebraucht
irgendwo parterre und ohne Küche
die Schalter für das Licht liegen gut versteckt

Sascha Kokots minuziöse Ausuferungen, in denen die Sätze wie Gezeitenbewegungen Bilder, Details und Furcht herankarren, Sicherheit, Klarheit und Beständigkeit entziehen, könnten immer so weitergehen und es sind die einzelnen Beobachtungen, die am Ende mehr erschließen als der Korpus.

Sanft, dem doch noch gerade Wunderbaren auf der Spur, legen Dorothea Grünzweigs Gedichte mit ihren dahinziehenden Zeilen leise Verständnisse um meinen Verstand; als schlage die Umgebung, der Moment, einmal so zärtlich meinen Blick zurück, wie ich ihn warf.

Es scheint, dass ich desorientiert bin.

Mit diesem Satz beginnt Theodor Weissenborns Erzählung, die Geschichte einer Beunruhigung zunächst, einer unklaren Situation, die zu einer halben Selbstfindungs- und einer halben Familiengeschichte wird. Erzählen scheint Weissenborn auf angenehme Weise leicht zu fallen, der Text geht ohne Hast und ohne Längen seinen Gang. Wie der Text sich auseinanderfaltet und am Ende wieder ein bisschen in sich zusammenfällt, diese Kreisstruktur, hat mich sehr beeindruckt.

so auch wir einmal, auf ihm gesessen haben werden,
ein rezept vom hausarzt, die zugreservierung
vielleicht noch in der hand

Von Michael Hillens drei Gedichten gefällt mir „der leere stuhl“ am besten, ein Werk, das auf ein Bild von Vincent van Gogh namens „Paul Gauguins Stuhl“ referiert, diese Referenz aber schließlich übersteigt und aus dem Stuhl DEN leeren Stuhl, das Unbesetzte schlechthin macht, auf dem wir alle einmal gesessen haben und der doch eines Tages leer sein wird. Die anderen beiden Gedichte haben keine so nachdrückliche, kompakte Wirkung, sind aber feiner und ebenfalls gelungen.

Sie räumte das ganze Zimmer auf.
Dann wusch sie sich die Hände.
Das holte sie das Kleid am Bügel,
dieses nackte, neue Kleid,
sanft wie ein Fluss im September.

Die Brüste meiner Tochter bekomme ich nicht mehr zu sehen.

Über sie schiebt sie sich gerade
ihr erstes Abendkleid.
Ich warte draußen.

Die Trauer eines von den Lebensräumen seiner Tochter langsam wegdriftenden Vaters, unzimperlich geschildert und aufgehängt an einem speziellen Detail: den Brüsten, die der Vater vermutlich nicht zu sehen begehrt, doch dass es ihm verwehrt ist, sie zu sehen, gemahnt ihn, dass bestimmte Zeiten endgültig vorbei sind: das Kind ist nicht mehr nur seine Tochter. Petr Hruška arbeitet gekonnt mit dieser heiklen Sehnsucht und auch sprachlich ist sein Gedicht „Brüste“ (aus dem Tschechischen übersetzt von Martina Lisa) vielschichtig und stark.

Jiří Daníčeks Prosa „Engel & Handschuh“ (übersetzt von Daniela Pusch) kann ich weniger abgewinnen. Ein Spruch auf einem Stein, den eine alte Frau nicht mehr ganz entziffern kann, ist der Aufhänger, doch man verliert in dem kurzen Text schnell die Übersicht darüber, was gerade eine Bedeutung hat und was nur vorkommt.

Namen sind Griffe an der Welt, die sonst keine hat, Griffe der Bemächtigung.

So auch der Name Odysseus, Held der sprichwörtlichen Odyssee, dem Archetypus der Heldenreise, dem Gregor Kunz in seinem Essay nachspürt. Er untersucht und wendet Motive des Textes, des Mythos in der Hand: zunächst ist da der Namen, dann sind da Schauplätze, zuletzt die Essenzen (ohne Penelope schließlich kein Ithaka). Es ist eine auf engstem Raum gehaltene, gelungene, umfassende Arbeit, Hut ab! Es sei aber an dieser Stelle auf die vielleicht noch gelungeneren, umfassenderen Beobachtungen und Analysen zur Odyssee von Barbara Köhler hingewiesen.

Über mehr als zehn Seiten interviewte Axel Helbig den Dresdener Stadtschreiber 2017, den Dichter und Autor Uwe Kolbe. Es geht um die DDR, um Bertolt Brecht, Volker Braun, Vaterfiguren, E.T.A. Hoffmann, antike Themen und noch eine Menge anderes – ein wunderbares, lange beschäftigendes Gespräch.

Im Abschnitt Lagebesprechung geht es diesmal um Gedichte von Kristin Schulz, eingeleitet von Jayne-Ann Igel. In einer nachgestellten Notiz schreibt die Autorin:

Sie sind – wie jeder Text – erzwungene Formulierung, da man ohnmächtig genug war, auf die Verhältnisse nicht anders reagieren zu können als mit Worten. […] Texte als Orientierung im Gestrüpp, wenn irrlichtern nicht hilft, schweigen und singen auch nicht.

Die Gedichte selbst haben etwas Walzendes, gleichsam wie bei einem Nudelholz und einer Druckerwalze. Worte reihen sich stimmig aneinander, wirken aber irgendwie gedrängt, gedrückt, dabei nicht wirklich verdichtet, sondern eher gepfercht. Ein Beispiel:

erbarmen mein almosen aschekorn all
diese zweitnamen hungern mich aus
keiner verschreibt laben dem darben
dem mageren teller (abgespeist und
ausgeleert) beschäftig im warten mit
worten

In anderen Gedichten gelingt die Engschnürung besser; wobei die Einteilung in besser und schlechter hier natürlich eine Geschmacksangelegenheit ist und keine wirkliche Qualitätsattestierung. Ich mag persönlich Gedichte, in denen man sich zurechtfindet, aber das genaue Gegenteil ist ja durchaus auch ein reizvolles Terrain.

Es folgt noch ein weiterer Abschnitt mit Lyrik. Hier gefiel mir besonders Uwe Salzbrenners Text „Nachmittags, sitzend“, der seinen Titel mit feinem Pomp einlöst, sowie Verica Trickovič sehr schöner „Brief an Marina Zwetajewa“ und nicht zuletzt das sanft-unsanfte Gedicht von Matthias Kehle mit den Anfangsversen:

Im November kommt
eine Geliebte die dir eine
lange Nase macht

Wolfram Malte Fues hat eine kleine Erinnerung, Einführung, Huldigung zum Werk von Kuno Raeber geschrieben, ein beschwingter, vielleicht etwas zu kurz geratener Essay; Raeber hätte wohl eine längere Arbeit verdient.

Dann noch der Rezensionsteil u.a. mit einer gelungenen kurzen Rezension zu Navid Kermanis Mammutroman „Dein Name“, erschienen vor 2 Jahren.

Fazit: Eine weitere schöne Ausgabe, die durch viele kleine Glanzlichter besticht und eine durchgehend anregende Lektüre verspricht.

Literarische Arena e.V. (Hg.)
Ostragehege 85 · Zeitschrift für Literatur und Kunst
Ostragehege
2017 · 4,90 Euro

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