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Kritik

Flott sein, wenn's brennt

Hamburg

Filmemacherin und Autorin Lola Randl, geboren 1980 in München, erzählt uns aus dem Mikrokosmos vom Lande. Nicht erst seit ihrem neuesten Buch "Die Krone der Schöpfung", denn ihr Erstling vom letzten Jahr, "Der große Garten", spielte schon in der gleichen Gemeinde, in der Randl seit nunmehr elf Jahren lebt: einem Dorf in der brandenburgischen Uckermark. Und auch ein paar ihrer teils preisgekrönten Filmwerke haben sich in der Vergangenheit schon mit diesem dichotomischen Phänomen von der Städterin in der ruralen Einöde beschäftigt.

So weit, so grün. Doch Lola Randls namenlose Protagonistin und Ich-Erzählerin, rein biografisch nicht weit von der Autorin zu verorten, da ebenfalls Drehbuchschreiberin, die den Auftrag hat, ein mehrstafflige Zombieserie in Angriff zu nehmen, steckt sich mit SARS-CoV2 an - ___STEADY_PAYWALL___zumindest ist sie überzeugt davon. Ein ziemlich vollmundiges Setup also, und so herausfordernd aktuell, dass man sich unwillkürlich fragen muss, ob einem da als Rezensent nicht ein Buch aus dem Hause Schnell & Schlampig untergekommen ist, aber nein: Matthes & Seitz.

Clever ist die formale Umsetzung des Projekts: sehr kurze Kapitel von einer halben bis maximal zwei Seiten mit lexikalisch anmutenden Überschriften gliedern das Buch, das natürlich dem bundesrepublikanischen Verkäuflichkeitsparadigma folgend mal wieder als Roman bezeichnet wird, obwohl es sich eher um eine mehr oder weniger originelle Collage aus populärwissenschaftlichen Einlassungen zum aktuellen Lieblingshobby der Deutschen, der Virologie, der Parallelwelt der Zombiedrehbuchhandlung und den Sorgen und Nöten der dörflichen Stadtfluchtgesellschaft in Zeiten der Pan(ik)demie handelt, welches wie aus wiedergefundenen Schnipseln zusammengeleimt bzw. im Copy-Paste-Verfahren aneinandergereiht wirkt. Das Ergebnis darf ausnahmsweise einmal aufgrund der Aktualität mit knapp über zweihundert Seiten anstatt der sonst von einschlägigen Verlagen geforderten mindestens dreihundert auskommen. Flott muss man sein, besonders wenn's brennt.

Lola Randl gibt natürlich noch allerlei vielversprechende Zutaten in ihre belletristische Schichttorte: etwa den "Mann" und den "Liebhaber" als ebenso namenlose und ein wenig zurückgeblieben wirkende Antagonisten, bei deren Beschreibung man stets an Gerburg Jahnkes sommerlich-kabarettistische Männer-Garten-Haltung erinnert wird, oder die misstrauischen Dörfler, die argwöhnen, die Städter brächten ihnen das Virus aufs Land. Vielleicht am besten gelingt Lola Randl die Charakterisierung des US-Präsidenten, der natürlich in einem zeitgenössischen Rundumschlag auch nicht fehlen darf und dessen Unterbelichtung mit herrlicher Lakonie beschrieben wird. Im Ganzen kommt alles sehr "retro" rüber, der Humor gemahnt zuweilen an die ersten Bücher von Hera Lind (kennt die noch wer?) aus den 1980er Jahren. Ja, ein Lächeln nötigt der Text allemal ab, doch unter einem "hochamüsante[n] Abgesang auf die Welt" (O-Ton Verlagswebsite) verstünde man dann schon noch was anderes. Und so plätschern die Einträge bis Seite 100 so vor sich hin, zwischen Homeschooling, störrischen Alten und den inneren Monologen der eingebildeten Kranken einerseits und den Überblendungen in die von der Protagonistin entwickelte Untoten-Story, die sich allerdings erschreckend stereotyp an gängigen Genreprodukten orientiert. Das persifliert nicht, das wirkt leider nur abgestanden.

Um die Mitte des Buches nimmt der Text dann aber doch noch etwas Fahrt auf. Das liegt einerseits daran, dass die sozialkritischen Töne, die sich etwa mit dem Arbeitsschutz der Versandhändler oder der prekären Situation von Künstlern und Solo-Selbständigen auseinandersetzen, prägnanter werden und auch die erwähnten lexikalischen Einträge an Schärfe gewinnen:

"Als kleinste Untote sind die Viren die Losbude der Evolution. Sie ermöglichen den Austausch des Erbgutes zwischen grundverschiedenen Spezies, die weder durch Fortpflanzung noch durch andere Praktiken jemals in der Lage wären, ihre Gene miteinander zu vermischen, und ohne das wäre der Mensch niemals der geworden, der er war."

Zum anderen fällt Lola Randl zur Zombiestory ihrer drehbuchschreibenden Protagonistin wenigstens das Ringen um einen halbwegs plausiblen Schluss ein, was der Leserschaft einige erheiternde Varianten verschafft. Auch sieht sich die vermeintlich Erkrankte, aber weitgehend Symptomlose nun mit der Wahrscheinlichkeit konfrontiert, einen Nachbarn angesteckt zu haben, der tatsächlich ins Krankenhaus muss. Doch so richtig will das alles nicht zünden.

Übrig bleibt ein Büchlein, das zwar keine Apologie der bundespolitischen Krisenbewältigungssimulation ist, jedoch auch den beißenden Sarkasmus deutlich vermissen lässt, den jene in den Augen einer von der Mehrheit als verstrahlt und diskursunfähig bezichtigten Minderheit wohl mindestens verdient hätte. Allen wohl und keinem wehe, Hauptsache, man kann ein wenig darüber schmunzeln. Wem das reicht, hat vielleicht auch gar keine Literatur gesucht, sondern ein Trostpflaster gegen die schleichende Covidepression. Eine satirisch boshafte oder gar eine literarisch ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Geschehen ist allerdings so kurz nach Eintritt seines akuten Auslösers auch noch nicht zu erwarten. Kluge Belletristik explizit zum Thema Corona will wohl erst noch geschrieben werden. Bis dahin sollte man sich vielleicht noch mal Juli Zehs zehn Jahre alten Roman "Corpus Delicti" über drohende Gesundheitsdiktaturen reinziehen. Die Parallelen zu real existierenden Szenarien sind jedenfalls beklemmend genug.

 

Lola Randl
Die Krone der Schöpfung
Matthes & Seitz
2020 · 214 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-75180-006-8

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