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Kritik

Das elfte Gebot

Hamburg

Knapp hundert Seiten enthält der Lyrikband des in Berlin lebenden Dichters und Übersetzers Lothar Quinkenstein, Die Brücke aus Papier / Sprachen der Bukowina. Von diesen Seiten mit den Sprachen, die in der Bukowina gesprochen wurden oder heute gesprochen werden, kann ich nur die auf Deutsch und Englisch verstehen, dann einzelne Wörter des in lateinischen Buchstaben wiedergegebenen jiddischen Textes und solche, die auf den rumänischen Seiten anderen romanischen Sprachen ähneln. Doch gerade, weil mir Armenisch, Polnisch, Romanes und Ungarisch fremd sind, mehr noch Hebräisch, hebräisches Jiddisch, Russisch und Ukrainisch mit ihren eigenen Schriftsystemen, wird mir die Vielsprachigkeit der Bukowina deutlich und gleichzeitig das, wovon der Autor in seinem Nachwort schreibt: ___STEADY_PAYWALL___Der unwiederbringliche Verlust dieser reichhaltigen jüdischen Kultur durch Ermordung und Vertreibung durch die NS-Barbarei.

Wir müssen uns erinnern. Dieses elfte Gebot, das die polnisch-israelische Dichterin Irit Amiel dem Dekalog hinzugefügt hat, steht Pate für das in der Lyrikreihe edition textfluss des danube books Verlags erschienenen Buchprojekts. Denn:

Wo kein Gedächtnis mehr verbleibt, wird niemand mehr wissen, niemand mehr spüren, dass etwas fehlt.

So beziehen sich die in die oben genannten Sprachen übersetzten fünf Gedichte von Lothar Quinkenstein auf jüdische Traditionen und Geschichte, auf die Shoah und die damit zusammenhängende Entwurzelung der Überlebenden. Es ist eine in Sprache und in der Fülle der Gedanken erstaunliche Lyrik.

Im ersten Gedicht August mit dem poetischen Satz die Heupferdchen schrieben die Noten ins Blau wird an die Schönheit der Landschaft erinnert, an einen Morgen, der sich bis nach Kimpolung Radautz ausdehnt, doch schon im zweiten Gedicht Jenseits des Flusses ist die Sprache eine völlig andere. Darin wird ein Sederabend beschrieben, der jenseits des Flusses, gemeint ist wohl der Dnjestr, also offensichtlich in einem Lager in Transnistrien, nicht in gewohnter Weise stattfinden kann. Dieses großartige Gedicht muss man im Zusammenhang mit der ausführlichen Beschreibung eines Sederabends im Nachwort sehen. Darin zitiert Lothar Quinkenstein die Eingangsfrage des Seder-Ritus Warum wird diese Nacht von allen anderen Nächten unterschieden? um anschließend den genauen Ablauf eines solchen Abends zu beschreiben.

In völligem Gegensatz hierzu steht der Abend in Jenseits des Flusses. Es gibt keinen Seder Teller, die Nacht unterscheidet sich nicht von den Nächten davor und mit den wenigen Wörtern Frost, Hunger, bittere Erde, schwarz sehen wir sofort das Leid der Menschen. Einzig die Erinnerung an die traditionelle Lobpreisung Gottes am Pessach-Fest mit dem fünfzehnstrophigen Lied Dayenu - Es wäre genug gewesen lassen sich die Menschen nicht nehmen. Bei allen Entbehrungen, allem Leid, die Nacht

lässt dem Leben
jenseits des Flusses
fünf Strophen
                dayenu

Fünf Strophen, immerhin.

Um das Purim-Fest geht es in dem Gedicht März, wenn Kinder sich verkleiden, Hamantaschen essen und so an Haman, den höchsten Regierungsbeamten des persischen Königs, der alle Juden töten wollte, erinnern. Zeilen im Konjunktiv geschrieben, der die Zerbrechlichkeit der Existenz betont, als warte das Geräusch des Regens / auf den Bericht der Katastrophe. Diese Katastrophe ist hier das tatsächliche Ereignis eines Unfalls aus dem Jahr 1868, bei dem ein Zug in den Pruth stürzt und ein Mensch dabei umkommt.

Besonders eindrucksvoll ist das Gedicht Briefe. Es beginnt folgendermaßen

von den Ufern solcher Nächte
            Saras Lachen ‒
                        Jakobs Stimme

Sara also, die Gott nicht glauben kann, als er ihr eröffnet, sie werde mit 90 Jahren noch ein Kind bekommen, und Jakob, der seinen Vater Isaak täuschen kann, obwohl dieser dessen Stimme erkennt. Diese beiden Bibelstellen ziehen sich durch das ganze Gedicht, konfrontiert mit Zitaten mehrerer in der Welt verstreuter jüdischer Dichter und Dichterinnen, von denen jedes für sich eine Geschichte erzählt. Auf diese Weise zeigt das Gedicht die Folgen der Shoah, und wie die Überlebenden sich in ihrem Schreiben damit auseinandersetzten.

Da wäre als Erstes die Post aus Düsseldorf mit einem Zitat von Rose Ausländer grüne Mutter Bukowina, das sich einreiht in ihre zahlreichen Gedichte, in denen sie den Verlust der Heimat thematisiert.

Die nächsten Zeilen kommen aus New York von Elie Wiesel und diese beziehen sich auf die Geschichte des Rabbi Levi-Jizchok von Berditschew, der in seinen Gebetsmantel gehüllt auf dem Vorbeter Pult steht, aber vor Zorn mit den Bildern vom Ghetto im Kopf statt zu beten schweigt.

Reb‘ Levi Jizchok in Schal und Riemen
rührt sich nicht vom Ort

Er muss schweigen, weil er seinen Gott nicht begreifen kann, und dies wird auch am Ende des Gedichts noch einmal angedeutet.

Er steht von dem Pult. Das Gebetsbuch ist offen,
doch er spricht kein einziges Wort.

Kommen die Briefe bisher von den Ufern solcher Trauer und von den Ufern solcher Dämmerungen, ist die Sprache bei dem Zitat shtiler shtiler auf von den Ufern reduziert. Stammt doch das Lied shtiler shitler mit der Musik des elfjährigen Alek Volkovisky und dem Text des Dichters Shmerke Kaczerginski aus dem Ghetto Ponar bei Vilnius.

Weitere Briefe kommen aus Paris von Paul Celan, der weiteste aus dem chinesischen Guangzhou, wohin es Klara Blum verschlagen hat und der letzte aus Naharija /Israel, von Salomea Mischel, die zum Bedauern des Autors zu Unrecht fast völlig vergessen ist.

Ein Atem Gottes ist das Meer.
Aber der Mensch ist sein Gedanke.

Von den Ufern solcher Verse spricht die letzte Strophe, es muss folglich nicht bei Sprachlosigkeit bleiben, auch wenn das letzte Wort in dem Gedicht der Rabbi Levi Jizchok mit seinem Schweigen hat. Aber das Gebetbuch ist offen.

Abschließend sei aus dem Zyklus, der 2017 den Spiegelungen-Preis erhalten hat, das letzte Gedicht aufgeführt. Ihm ist das Zitat von Itzik Manger vorangestellt: Wir warten, erzähl

 

Die Brücke aus Papier

Wer trägt die Sehnsucht trägt die Last
trägt die Genisa der verbrannten Namen

wer trägt das nicht gelebte Leben
über die Brücke aus Papier?

Lothar Quinkenstein
Die Brücke aus Papier. Sprachen der Bukowina.
danubebooks
2020 · 100 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-946046-21-9

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