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Kritik

Helvetias kalte Schulter

Hamburg

Du wirst es schwer haben“, warnt ein Freund die junge Lisette vor ihrer Ausreise aus dem nationalsozialistischen Deutschland. „Die Österreicher sind angesehener im Ausland …“ Lisette lässt das unkommentiert, außerdem steht ihr Entschluss längst fest: Mit einer Empfehlung ihres Freundes in der Tasche macht sie sich auf den Weg nach Zürich, wo sie als Dienstmädchen in der Pension Comi arbeiten wird. Geführt von dem charismatischen osteuropäisch-jüdischen Ehepaar Paksmann wurde die Schweizer Pension zur Zuflucht für jüdische und politische Flüchtlinge und Emigranten.

Lisette, so nennt sich Lotte Schwarz in ihrem Roman „Die Brille des Nissim Nachtgeist“ (Limmat Verlag), mit dem sie ihrem alten Arbeitsplatz und Übergangs-Zuhause ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Als Schwarz 1934 ihre Hamburger Heimat aus politischen Gründen verließ und nach Zürich emigrierte, lagen ihr Gedanken an Schriftstellerei höchstwahrscheinlich noch fern – doch als vielbeschäftigte, politisch wache Hausangestellte war sie geradezu dafür prädestiniert, aus den tragischen und auch tragikomischen Szenen in der Comi Literatur zu machen.

Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind also beabsichtigt. Hinter dem sprechenden Namen Nissim (hebr.: Wunder) Nachtgeist verbirgt sich Kurt Nussbaum, Jura-Doktorand, der jahrelang Kleinkriege mit den Schweizer Behörden ausfechten musste und harsche Kritik an der Flüchtlingspolitik laut werden ließ. Die rothaarige Kosmopolitin Signora Teresa hieß in Wirklichkeit Gabriella Seidenfeld; sie war als Antifaschistin und Jüdin 1928 aus dem faschistischen Italien geflohen. Wer sich sonst noch hinter den fiktiven Namen verbirgt, das verrät die Herausgeberin und Lotte-Schwarz-Biographin Christiane Uhlig in ihrem umfangreichen Nachwort.

Die Comi ist eine Welt für sich, scheinbar abgeschirmt, doch es weht ein kalter Wind herein. Wo die „Ausschaffung“ wie ein Damoklesschwert über ihnen schwebt, und das Wort „Fremdenpolizei“ die Schutzsuchenden zusammenzucken lässt, wird die Pension für ihre Bewohner mythisch überhöht zum „Ort für die Verlorenen“ und zur „Arche Noah“. Lisette macht aus ihr gar ein Attribut, spricht von „comianischem Scharfsinn“ und „comianischen Träumen“. Ihr „comianischer Blumenstrauß“ spielt wiederum darauf an, dass die Pension nicht zuletzt auch ein Sammelbecken für Exzentriker ist. Da ist etwa die kokette Vicky, die nach einer gerade eben verhinderten Brandkatastrophe auf ihrem Zimmer „aufgeregt wie ein Perlhuhn“ herumläuft. Oder der 13-jährige Alois, der von der jüdischen Abstammung seiner Gewerkschafter-Vaters nichts weiß und begeistert Nazi-Parolen nachplappert. Es sind die skurrilen Szenen, die das Leben in der Pension erträglich machen, weiß Lotte Schwarz aus Erfahrung, und verschafft auch dem Dackel Cherili gelegentliche Auftritte im Roman.

Lisette, der guten Seele des Hauses, vertrauen die Bewohner nicht nur persönliche Dinge an, sie zeigen ihr gegenüber auch in puncto politische Gesinnung klare Kante. Und die junge Angestellte lässt es sich nicht nehmen, bei den täglichen politischen Auseinandersetzungen mitzumischen. Hier in Zürich ist sie auch erstmals direkt mit dem Schicksal rassisch Verfolgter konfrontiert, mit der „Demütigung, verfolgt zu werden wegen der Geburt, und nicht nach dem Denken befragt.“ Und mit Vorbehalten gegenüber Deutschen.

Der aufmerksamen Leserin wird nicht entgehen, dass Lisettes eigenes Familien- und Gefühlsleben bestenfalls angerissen wird. Über ihre Liebe zu dem „dunklen, schweigsamen“ Pensionär und ihr jähes Ende – er emigriert nach Amerika – verliert sie nur kurze, rätselhafte Sätze. Auch das Schicksal ihres Bruders wird von ihr nur hier und dort angedeutet. Sowohl Hans als auch „er, dessen Namen ich nur denken, aber nicht aussprechen konnte“, erscheinen dadurch umso bedeutender für Lisette und für ihre Sicht auf politische und private Erlebnisse; als ob sich beides so klar trennen ließe.

Doch weil die Bedienstete Lisette nicht als unterwürfiges, identitätsloses Subjekt auftritt, sondern als den Paksmanns ebenbürtige Person mit eigener Stimme, bekommt es dem Roman, dass nicht ihr eigenes Wohl und Wehe im Mittelpunkt steht. Vielmehr verschreibt sich die Erzählerin der Aufgabe, Individuen sichtbar zu machen, niemanden in einem diffusen Kollektiv von Flüchtlingen verschwinden zu lassen, denen viele alteingesessenen Schweizer schon früh mit Misstrauen und Pauschalurteilen begegnen.

 „Auf unsere Umwelt wirkten wir penetrant, weil niemand die Wurzellosen liebt. In diesem Gefühl könnte der gottlose Fremdenhass wurzeln. Der Einheimische verliert beim Anblick des Fremden für einen Augenblick die Unschuld seines Daseins.“

Während ein Pensionsgast ein Loblied auf Lenin anstimmt, läge ein anderer „lieber der Freiheitsstatue zu Füssen, statt hier im Salon der Comi zu diskutieren, dazu noch mit hungrigem Magen.“ Trotz aller Meinungsverschiedenheiten ist man sich in den grundlegenden Fragen einig – etwa, was die Notwendigkeit des antifaschistischen Widerstandes anbelangt. Weitaus komplizierter sind die Gefühle, die Helvetia entgegengebracht werden. Schließlich kann die Landesmutter, die sich Lisette mit „langem, wallendem Gewand“ vorstellt, die Comi nicht lieben, auch wenn mancher Bewohner „ein treuerer Bürger geworden (war), als mancher Alteingesessene es war.“

Lotte Schwarz‘ Erzählweise ist nüchtern, gleichzeitig hat sie ein Gespür für die absurd-komischen Momente im Alltag, der in der Comi vom Hoffen und Bangen der Gäste geprägt ist. Ein Glück, dass sich Schwarz nicht von literarischen Konventionen einzwängen lässt, weil es trotz der deplatzierten Traumsequenz am Ende des Buches ein Vergnügen ist, sich in Schwarz‘ comianischen Mikrokosmos zu verlieren. Sie interessiert sich für Momentaufnahmen, Gesprächsfetzen, Charakterskizzen; erzählt vom Abhandenkommen von Schmuck, einem Bücherdiebstahl, einer Verlobung, einem Todesfall. Kein Ereignis ist zu banal, kein menschliches Schicksal wiegt schwerer als die anderen. Schade nur, dass wir am comianischen Alltagsleben erst jetzt, fast 50 Jahre nach Entstehen des Romans, teilhaben - und Schwarz als unprätentiöse, talentierte Erzählerin kennen- und schätzen lernen dürfen.

Im Laufe ihres relativ kurzen Lebens (1910 – 1971) arbeitete Lotte Schwarz als Archivistin, Bibliothekarin, Werbetexterin und Autorin, sie war Mitglied der antistalinistischen Roten Kämpfer, Frauenrechtlerin und Recycling-Künstlerin: Für Menschen wie sie müsste eine weibliche Variante zur Wendung „Hansdampf in allen Gassen“ erfunden werden. Lotte Schwarz gelang es, das Elend des Flüchtlings- und Exilantendaseins mit zeitlosen Worten zu beschreiben. Sicher hätte sie ihrem Zeitgenossen Jean Améry beigepflichtet, der in Jenseits von Schuld und Sühne schrieb:

„Ohne das Gefühl der Zugehörigkeit zu den Bedrohten wäre ich ein sich selbst aufgebender Flüchtling vor der Wirklichkeit.“

 

Lotte Schwarz · Christiane Uhlig (Hg.)
Die Brille des Nissim Nachtgeist / Die Emigrantenpension Comi in Zürich 1921–1942
Limmat Verlag
2018 · 224 Seiten · 29,00 Euro
ISBN:
978-3-85791-853-7

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