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Ein weißes Feld. Selbstversuch

Hamburg

Es ist eigentlich nur konsequent, dass Lucas Cejpek nach „Unterbrechung. Burn Gretchen“, einem Buch, in dem er nicht zuletzt gezeigt und vorgeführt hat, dass Schreiben eine Unterbrechung der Gedanken, des Gedankenflusses ist, eine Unterbrechung, die Leerstellen für den Leser entstehen lässt, jetzt als Selbstversuch ein weißes Feld vorlegt. Selbstversuch, als der Versuch die Leerstelle, die man selbst auch ist, anhand von Assoziationen zur Farbe weiß zu füllen. 

Und weiß ist schließlich nicht irgendeine Farbe. Weiß ist keine der sogenannten Spektralfarben, vielmehr entsteht das, was das menschliche Auge als weiß wahrnimmt, durch ein Gemisch von Einzelfarben, aus diesem Gemisch resultiert paradoxerweise die sichtliche Abwesenheit von Farbe, das, was wir weiß nennen. Weiß bringt andere Farben zum Leuchten, auch das Licht wird als weiß definiert. Melville widmet der rätselhaften Farbe in seinem Roman Moby Dick ein ganzes Kapitel. Weiß ist eine überaus komplexe Farbe, was sich auch in der Symbolik widerspiegelt, so sind Leichentücher weiß, Brautkleider aber auch. Kandinsky beschrieb die Farbe weiß als „großes Schweigen“, aber als „Schweigen voller Möglichkeiten“. Wittgenstein hingegen hielt weiß für eine undurchsichtige Farbe. Vor diesem Hintergrund erscheint das „weiße Feld“ als überaus geeignet für den Selbstversuch das eigene Ich zu finden, oder wenigstens zu verorten. 
Cejpek benutzt die Farbe weiß als Ordnungsprinzip, als Faden, an dem entlang sich die Geschichten aufreihen und entwickeln. Als Rahmen, in dem sich ein Text, die Suche nach dem „ich“ entfalten kann. Cejpek selbst schreibt dazu: „Ein weißes Feld ist auch eine Beschreibung von Handlungen, die jeder ausführen kann, und von Erfahrungen, die jeder machen könnte: Ich–Sätze, das heißt Ich-Setzungen: Akte der Selbstbehauptung.“

Was passiert mit dem Erzählen, wie verändern sich Geschichten, wenn man sie auf diese Weise, also unter dem Ordnungsprinzip einer Farbe, gliedert? Wie ändert sich das Muster des Erzählgewebes, wenn es vor diesem sehr dominanten (und dennoch ausreichend flexiblen) Hintergrund geschieht? 
Entsteht so eine Möglichkeit, Dinge zu verknüpfen, die sonst unbeachtet, oder bestenfalls kaum bemerkt als lose Fäden neben der eigentlichen Textur herumbaumeln? Oder entsteht ein willkürlicher Text, ein Konglomerat aus Assoziationen, deren Anordnung nur darum nicht vollkommen unübersichtlich ist, weil es diese Vorgabe gibt? Ist die Farbe mehr als ein Ordnungsprinzip, als ein Mittel zur Strukturierung?

Wenn Cejpek Olivier Assayas zitiert, der über Guy Debordt sagt: „Er stellt Verbindungen her, die niemand sonst gewagt hat herzustellen, Verbindungen zwischen Philosophie, Kunst, Soziologie, Stadtforschung,“ dann finde ich in „Ein weißes Feld“ einen Widerhall dieses Prinzips. Denn immer aufs Neue verbindet Cejpek hier das Politische und das Private, das Tragische und das Banale. Das Menschliche und das Nationale. Filmgeschichte mit Kunst- und Literaturgeschichte. Beobachtung mit Reflexion. Wenn Cejpek Zitate aus Romanen oder von anderen Künstlern mit Episoden aus seinem Leben verknüpft, klingt in dieser Vorgehensweise auch die Frage nach den Grenzen des eigenen ich an, wo fängt die Welt, das andere, an und wo hört das eigene, das ich, auf? 

Das Buch beginnt mit einer wahllos erscheinenden Aufzählung von weißen Dingen, Gegenständen, Lebensmitteln, Kleidungsstücken. „Ich beschreibe alles, was weiß ist, und so weiter.“

Was macht das mit uns, wenn wir alles beschreiben, was weiß ist? Schärft es die Sinne, die Einbildungskraft, die Fähigkeit kleinste Details zu erkennen? Das Unterscheidungsvermögen, die Bereitschaft, alles in Frage zu stellen?
Ist weiß wirklich neutral, wie in „Ein weißes Feld“ behauptet wird?

Weiß, Wissen und Weißen, das Übermalen und Streichen. Der Selbstversuch das „ich“ in einem weißen Feldes zu verorten, beschreibt unsere Assoziationen zu der Farbe und wie sehr sie kulturell geprägt sind. Es ist wahrhaftig ein weites Feld, das Lucas Cejpek mit seinem aktuellen Buch bearbeitet und eröffnet. Und es klingt beinahe wie ein Exposé, wenn er schreibt: „Das Weiß und das Ungewisse. Das ungewisse Ergebnis der Selbsterkundung und weiße Gegenstände, die dabei ins Spiel kommen müssen: Kleidungsstücke, Kreide, Milch und andere Lebensmittel, Papier, Schach und Schachteln, Schnee, Servietten und Taschentücher, Wände und Wolken, Zigaretten.“

„Ein weißes Feld“ ist Kunstgeschichte, Filmgeschichte, Literaturgeschichte, keine umfassende Abhandlung, eher eine Ansammlung zufälliger Eckpfeiler, an denen entlang die Assoziationen ein Feld beschreiben, weiß, aber aufschlussreich. 
Das „Ich“ erscheint dabei als weißes Blatt, ergebnisoffen, oder unmöglich zu erkennen. 

„Ein weißes Feld“ auch eine Untersuchung, warum wir Menschen immerzu erzählen und beschreiben müssen. Wie wir mit dem „weiß“ als Sinnbild für Leere und Unbestimmtheit umgehen. Wie wir versuchen, zu begreifen, was sich nicht verstehen lässt, nämlich uns selbst.

Lucas Cejpek
Ein weißes Feld
Selbstversuch
Sonderzahl
2017 · 140 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978 3 85449 470 6

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