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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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Kritik

„Es ist schwer, dieses Leben im Paradies“

Hamburg

Es sind außerordentliche Geschichten, die in Lucia Berlins neuem, posthum erscheinenden Erzählband „Abend im Paradies“ versammelt sind: Ob sie nach Juarez führen, wo zwei kleine Mädchen einen Tag als Straßenkinder Lose für ein Spieluhr-Schminkkästchen verkaufen oder aber aus der Perspektive einer Teenagerin von einem verunglückten Motorradrennfahrer und der anschließenden Beerdigung berichten.

Die dritte in Deutschland erschienene Geschichtensammlung lehnt sich thematisch stark an Orte und Themen des kürzlich erschienenen Erinnerungsbandes „Welcome Home“ an und führt, gerade in der parallelen Lektüre, zu interessanten Effekten. Die Freude über das Wiederentdecken des offenen Hauses mit Sandboden in Yelapa, México, das an ein „viktorianisches Fährschiff“ erinnert, ist zum Beispiel groß; ebenso helfen die charakteristischen Ortsbeschreibungen aus den Memoiren für eine genauere Ausstattung der fiktiven Handlungsorte. Kritikwürdig ist jedoch durchaus die Reduktion, die die starken Kurzgeschichten erleiden, liest man sie rein autobiographisch. Wie Berlins erster Sohn Mark Berlin in seinem persönlichen Vorwort unterstreicht, sind die Kurzgeschichten seiner Mutter eben nicht bloß autobiographisch, sondern langsam erwachsene Umformungen, Überarbeitungen des Erlebten.

Lösen wir uns also ein Stück von den Erinnerungen aus „Welcome Home“ und messen die neu erscheinenden Geschichten vielmehr an der präzisen Prosa von „Was ich sonst noch verpasst habe“ (Arche Verlag 2016). Symmetrie und Asymmetrie in Gebäuden, Denkstrukturen und Menschen spielen nach wie vor eine große Rolle, so gibt es zum Beispiel das gepachtete Grundstück in der Corrales Road in Alameda, New Mexico, auf dem ein ferner Verwandter der Vermieter ohne Erlaubnis einzieht und in dem Löcher für den Wasseranschluss nie mit den notwendigen Rohren verbunden werden. Dann gibt es den Tod, der in Form von Überdosen oder gefangenen Mäusen auftritt, die durch eben jene Löcher im Fußboden eindringen und die Protagonistin fast um den Verstand bringen. Und schließlich gibt es die alles umfassende Suche, den Neubeginn, der stets wieder an den Ursprung zurückführt. So lässt Berlin ihre Figur Claire Bellamy in „Mein Leben ist ein offenes Buch“ etwa wehmütig sagen:

„Ich war nach Corrales gezogen, um ein neues Leben anzufangen, meine Kinder richtig zu erziehen. In einer kleinen friedlichen Stadt, als Teil der Gemeinschaft. […] Und jetzt das.“

Und an einer anderen Stelle konstatiert Mayas Freund Buzz passend zum Titel des Erzählbands in „La Barca de la Ilusión“:

„Es ist schwer, dieses Leben im Paradies“

Lucia Berlin hat mit „Das Lehmhaus mit Blechdach“, dem fulminanten „Zeit der Kirschblüte“ oder „La Barca de la Ilusión“ die Kurzgeschichte aus der Sie-Perspektive einer trotz Ehemann quasi alleinerziehenden Mutter bis ins Meisterhafte getrieben. In diesen Geschichten geht man als Leser*in auf, möchte sich von der jeweiligen Hauptfigur, die sich von der vorigen nie gänzlich unterscheidet, am Ende noch nicht lösen. Und trotzdem gibt es Geschichten aus anderer Perspektive wie „Noël. Texas. 1956“ oder das titelgebende „Abend im Paradies“, die sich mit zugeschnittenen Dialogen oder einem spannenden Drehort-Setting als wahre Entdeckungen herausstellen.

Lucia Berlin
Abend im Paradies
Aus dem amerikanischen Englisch von Antje Rávik Strubel
Kampa
2019 · 288 Seiten · 23,00 Euro
ISBN:
978 3 311 10015 7

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