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Kritik

Die Magie der Küche, des stillen Morgens

Eine bemerkenswerte Freundesgabe zu Ehren des 100. Geburtstages des tschechischen Schriftstellers Ludvík Kundera (1920-2010)
Hamburg

Mit den Texten „Berlin“ und „Konstantinopolis“ werden zwei kurze Prosatexte aus dem Frühjahr 1944 vorgestellt, die in charakteristischer Weise jenen poetologischen Ansatz des tschechischen Schriftstellers und Graphikers Ludvík Kundera zum Ausdruck bringen, an welchem er ein produktives Künstlerleben lang gearbeitet hat. Vielleicht sind es die einzigen surrealistischen Texte, die ein zur Zwangsarbeit in Berlin-Spandau verpflichteter tschechischer Schriftsteller geschrieben hat. Zeit seines produktiven Lebens hatte Ludvík Kundera, ein Cousin des berühmten Romanciers Milan Kundera, mit wacher Sensibilität auf die Herausforderungen eines Lebens in schwierigen Zeiten reagiert und sowohl literarisch als auch in der darstellenden Kunst versucht, Empfindungen, Gefühle und Träume zum Ausdruck zu bringen.

In „Berlin“ entfaltet sich in der Form eines Tagtraums eine entfesselte Kulisse von Gewalt und Zerstörung, ausgelöst durch die Bombenangriffe der Alliierten auf die Reichshauptstadt. In einer angedeuteten Fluchtbewegung suchen junge Leute den Weg zum Bahnhof. Die allgemeine Verwirrung verschluckt jegliche vernünftige Deutung der Wirklichkeit. Entwurzelte und verschleppte Zwangsarbeiterinnen aus verschiedenen Ländern Europas schließen sich dem irrenden Taumel an und fallen auch wieder ab. Nahezu dämonisch mutet die erotische Aufladung in diesem Albtraum an. Das Unterste ist zuoberst gekehrt und bisherige Orientierungsmarken sind dabei, ihre gewohnte Funktion zu verlieren. Auch insofern ist es bezeichnend, daß Ludvík, der seine Identität mit seinem Freund Jiří getauscht hat, für tot erklärt wird und dennoch lebt. In atemloser Spannung werden die Doppelung und gleichzeitige Zerrissenheit einer Persönlichkeit inszeniert.

In ähnlicher Weise verschwimmen in „Konstantinopolis“ die kennzeichnenden Züge der beteiligten Person. So, wie sich im Text Konstantia und Madelaine abwechseln, oszillieren auch die Schauplätze einer mittelalterlich anmutenden Kleinstadt mit einem Bahnhof. Traumwelten und Labyrinthe sind nicht mehr auseinanderzuhalten, geraten zu Kippfiguren:

„Ich würde die Nacht durchstreifen, wäre Konstantina nicht da, die endlich meine Hand ergreift, mich als Blinden führt, wie ein alter Söldner faselnd. Übergänge fehlten, Helldunkel legt sich auf Häuser und Gesichter. Augen strahlten in blutrünstigem Verlangen“.    

Eduard Schreiber, der etliche Vertreter der tschechischen Moderne in das Deutsche übersetzte, hat auch diese beiden Texte von Kundera übertragen und zudem in seinem ausführlichen Beitrag „Kundera in Kunštát“ über die Freundschaft und Arbeitsbeziehung mit Ludvík Kundera berichtet. Seit den 1990er Jahren hatte Eduard Schreiber Kundera in seinem Kunštáter Anwesen, etwa 40 Kilometer nördlich von Brünn, immer wieder besucht und Bücher von ihm in das Deutsche übersetzt. Im Laufe der Jahre waren von den beiden Liebhabern tschechischer Poesie zudem in Gemeinschaftsarbeit einige bemerkenswerte Herausgaben gelungen. In der 33-bändigen „Tschechischen Bibliothek“ hatten sie die Anthologie über den tschechischen Poetismus „Adieu Musen“ (2004) wie auch die Sammlung „Süß ist es zu leben“ (2006) zusammengestellt.

Bereits in den 1960er Jahren hatte der Schriftsteller Franz Fühmann den Weg nach Kunštát gefunden und ebenfalls eine produktive Freundschaft mit Ludvík Kundera gepflegt. Auch Fühmann stammte, wie der 1939 in Obernitz geborene Eduard Schreiber, der sich auch Radonitzer nennt, aus Böhmen.

Mit Schreibers Erinnerungen an Ludvík Kundera wird nicht nur ganz nebenbei ein kundiger Abriß tschechischer Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts geliefert. Die sinnliche Note der geschilderten Begegnungen auch mit befreundeten Schriftstellern und Malern - es wird viel mährischer Wein aber auch ausgewählter Tee getrunken - legt ein beredtes Zeugnis von der Lebensfreude dieser mährischen Künstlergeneration ab. Eduard Schreiber genoß nicht zuletzt den nostalgischen Charakter von Ludvík Kunderas Gastfreundschaft:

„Ludvík rührte im Teeglas. In der Stille, dem entspannten Da-Sein, Erinnerungen an meine böhmische Kindheit: die Magie der Küche, des stillen Morgens, das Summen des Wasserkessels, das Ticken der Uhr“.

Der Kontakt mit Künstlern, Schriftstellern und Malern waren Ludvík Kundera wichtig und hatten ihn inspiriert. Neben eigenen Texten hatte er Übersetzungen etwa aus dem Bulgarischen, Französischen und zudem umfangreiche Übertragungen aus dem Deutschen vorgelegt.

Währender der bleiernen Jahre der sogenannten „Normalisierung“ konnte Kundera in seiner Heimat so gut wie nichts mehr veröffentlichen. Erst nach der „samtenen Revolution“ in der ČSSR erschienen seine Bücher, Essays und Gedichtsammlungen wieder ungehindert. Zudem war es ihm fortan möglich, seine Bilder und Graphiken in öffentlichen Ausstellungen zu präsentieren.

Im Laufe der Jahre erhielt Ludvík Kundera zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen und Preise, so im Jahr 2007 die höchste Auszeichnung des tschechischen Präsidenten.

Eine Werkausgabe in Tschechien ist auf 17 Bände angelegt.

Ludvík Kundera
Berlin – Konstantinopolis
Aus dem Tschechischen übersetzt, hrsg., und mit Erinnerungen von Eduard Schreiber
Arco Verlag
2020 · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-96587-022-2

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