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Kritik

Verachten Sie mir die vierte Galerie nicht, sie kennt und ehrt ihre Meister …

Hamburg
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Wien 1927, das ist im kollektiven Gedächtnis wahrscheinlich vor allem der Justizpalastbrand, der vorläufige Kulminationspunkt der politischen Antagonismen im Österreich der Zwischenkriegszeit. Möchte man meinen. Denn man kann alles ausblenden und wie Ludwig Hirschfeld ein Wien zeichnen, das den „sagen wir […] zweitausend Menschen, die wenig oder nichts zu tun haben, deren Hauptbeschäftigung im Umkleiden besteht und die deshalb vorgeben, die Wiener Gesellschaft zu sein“ gehört und das dort endet, wo auch deren Flaniermeilen und Ausflugsziele enden.

Und doch ist Ludwig Hirschfelds Reiseführer „Wien – was nicht im Baedecker steht“ ungewollt ein höchst politisches, wenn auch eigenartiges Zeugnis dieses Wien der sozialen Spannungen, die sieben Jahre ___STEADY_PAYWALL___später zur Auflösung der Republik und weitere vier Jahre später zur Auslöschung des Staates selbst führten. Denn das, was er ausklammert oder nur en passant streift – etwa den latenten Antisemitismus, den er mit der Frage „Ist er ein Jud?“ und der anschließenden Bemerkung, dass sie „gar nichts mit Politik und Rassenantisemitismus zu tun [hat], denn diese Frage wird hier von allen, ohne Unterschied der Konfession, gestellt, von Hakenkreuzlern und von Juden“ abtut – drängt sich dem Spätgeborenen nicht nur auf, sondern in den Vordergrund. Dass Ludwig Hirschfelds unbekümmerte, fast frivole Fehleinschätzung ihn und seine Familie letztendlich ins Konzentrationslager und in den Tod geführt hat, lässt einen schaudern.

Karl Kraus beschreibt in der dreifach-Nummer 363/364/365 der Fackel unter dem Titel „Ein loser Scherzbold“ Ludwig Hirschfelds Herangehensweise und Stil aufs Treffendste:

„Ein loser Scherzbold scheint dieser Ludwig Hirschfeld zu sein. Immer vif, immer flott, immer bereit, die Schwächen zu geißeln, aber durchaus liebenswürdig, Schwerenöter, aber kein Spielverderber, scheinbar nur der mondäne Causeur mit dem Hautgout, aber doch einer, der lachend die Wahrheit sagt. Er kennt die Torheiten, aber er verzeiht sie, wobei ihm der Schalk aus dem Auge lacht, während er zum Beispiel bei […] andern liebenswürdigen Humoristen, mehr im Nacken sitzt. Es ist die Art dieser heiteren Menschenkenner, am Sonntag die Eitelkeit des schwachen Geschlechts und überhaupt das Leben in seinen Schattenseiten, die man nolens volens hinnimmt, mit einem Scherzwort zu erfassen, das huschend in eine gewisse Nachdenklichkeit übergeht, in der der Esprit vom Boulevard sich mit der unverkennbaren Wiener Note vermischt. Hirschfeld hat immer etwas zu sagen.“ Und er fügt fast nebenbei an, dass er „den Frauen gegenüber […] immer eine Galanterie [parat hat], in der ein gewisser überlegener Ton von Chuzpe durchaus nicht verstimmt.“ Aber „man kann Hirschfelden nicht gram sein.“

Dass diese Beschreibung vom Dezember 1912 datiert, also etwa 15 Jahre vor Erscheinen des Wien-Führers entstand, mag verwundern, auch, weil es bekundet, dass Hirschfeld bereits früh seinen Stil gefunden zu haben scheint. Dass Kraus‘ augenzwinkerndes Lob sich bald in fast blanke Verachtung verwandelte, war dem Großen Krieg und der Bereitwilligkeit vieler Autoren geschuldet, das große Sterben zu verherrlichen und seine Gräuel zu vertuschen. Das konnte und wollte der Kriegsgegner Kraus dem „grauslichste[n] von allen Wohlstandsplauderern“, wie er Hirschfeld in der Fackel Nr. 462-471 vom Oktober 1917 nannte („Man promeniert, politisiert, man knabbert Süßigkeiten“), zeitlebens aber nicht mehr nachsehen.

Doch zurück zu Kraus‘ Beschreibung. Hirschfeld, der Scherzbold stellt 1927 etwa fest, dass „im Parkett und in den Logen [des Burgtheaters] die heutige Wiener Gesellschaft, die Gott sei Dank nicht mehr so neu ist wie in den Konjunkturjahren“ zu sehen ist, der Causeur sagt lachend über die Burg, dass sie „früher das Privattheater des Kaisers [war], jetzt […] das Defizittheater der Republik [ist]“, was uns zur Bemerkung veranlasst, dass sich in den letzten einhundert Jahren nicht alles verändert haben dürfte. Hirschfeld kennt nicht nur die Torheiten der anderen, sondern auch seine eigenen und die seiner Frau. Und so gibt er zu, dass der Wien-Führer deshalb zustande kam, weil ein Dr. Freund vom Piper Verlag ihm „einen Vorschuss an die Brust setzte und dass [s]eine Frau dringend einen Pelzmantel benötigte, um jene Blößen zu decken, die zu den wichtigsten Bestandteilen eines modernen Abendkleids gehören“. Und die gewisse Chuzpe in Hirschfelds Galanterie den Damen gegenüber findet sich auch, etwa wenn er seine Frau dazu einspannt, die notwendigen Informationen für eine Shoppingtour zusammen zu tragen, auch wenn sie „zwar glücklicherweise gar kein schriftstellerisches Talent [hat, dafür] Shoppinggehen, Quellen ausfindig machen […] ihre stärkste schwache Seite [ist]“.

Der Verlag Milena hat Ludwig Hirschfelds Wien nicht als Reprint, sondern als der neuen Rechtschreibung folgenden Neudruck aufgelegt. Dass diese Anpassung nicht erwähnt wird, ist schade, andererseits habe ich sie erst auf Seite 107 wirklich realisiert. Da gibt es eine zweite Fußnote, die den heutigen Leser darauf hinweist, dass die problematische Bezeichnung „Niggertänze“ übernommen wurde, denn „Geschichte soll Geschichte bleiben und nicht verfälscht und nachträglich korrigiert werden“. Ein löblicher Ansatz, der halt nicht in allen Bereichen durchgehalten wurde. Dass mir diese Anpassung erst so spät aufgefallen ist, liegt auch daran, dass sich das Buch tatsächlich wie ein (drucktechnisch ausgezeichnetes) Faksimile präsentiert: Der feste Einband ist wohl der Auflage von 1927 nachempfunden, die drei Schnittseiten Rot gehalten, ebenso wie der Vorsatz sowie die Kapital- und Lesebändchen, der Buchblock wird durch eine Fadenbindung zusammengehalten. So gut wie jede Seite weist Marginalien auf, die zum Teil wie Zwischentitel wirken, zum Teil Hinweise auf beschriebene Personen oder Sehenswürdigkeiten sind oder auch als kurze Randbemerkungen daherkommen. Die Bebilderung, durchwegs Strichzeichnungen, nutzt bei großen Bildern nicht die ganze Breite des Satzspiegels aus und wird bei kleinen Bildern quasi zur in den Text hineinreichenden Marginalie. Insgesamt gibt sich das Buch den Anschein, ein Faksimile zu sein und passt sich damit der nostalgischen Note, die der Text verströmt, an.

Womit möglicherweise eine Antwort auf die bisher noch nicht gestellte Frage, warum Hirschfelds „Anti-Baedeker“ über Wien nach knapp einhundert Jahren wieder aufgelegt wurde, gefunden sein dürfte: die Sehnsucht nach der guten (?), alten Zeit, nach einem entschwundenen Utopia. Die hat Ludwig Hirschfeld selbst zur Genüge: „Es ist […] wirklich schade, dass Sie diese Stadt nicht so um 1900 herum kennengelernt haben“ um sich dann die einzige fast politisch anmutende Frage zu stellen: „Was mag aus ihnen geworden sein, nachdem sie um ihre Hauptbeschäftigung gekommen sind? Wahrscheinlich verbitterte Arbeitslose und Kommunisten.

Und dennoch lässt sich dieser liebenswürdig lässige und ironische Blick zurück ins Wien der Zwischenkriegszeit durchaus politisieren, nicht zuletzt dann, wenn dem alles Politische ausblendenden Wien-Führer das spätere Schicksal seines Autors und dessen Familie gegenübergestellt wird, wenn sich die Sorglosigkeit, mit der Ludwig Hirschfeld etwa die Frage „Ist er ein Jud?“ fast ins Lächerliche schiebt, als völlig falsch angesichts der späteren tödlichen Antwort erweist. So gesehen könnte die Neuauflage von Ludwig Hirschfelds nahezu verzweifelt apolitischem Wien-Führer eine Mahnung sein, die Vergangenheit und Gegenwart nicht nostalgisch verklärt, sondern kritisch und gegen den historischen Hintergrund zu betrachten.

Ein wenig weist das Nachwort von Martin Amanshauser in diese Richtung, wenn er den Wien-Führer in sein Umfeld einbettet und vor allem eine Kurzbiografie von Ludwig Hirschfeld anfügt. Für den begrenzten Raum, den ein solches Nachwort bietet, ist sein Beitrag umfangreich und vor allem sehr gut recherchiert. Doch wie Ludwig Hirschfeld lässt sich auch Martin Amanshauser vom Zeitgeist leiten. So belässt er es nicht, wie Karl Kraus, bei der Bemerkung, dass Ludwig Hirschfeld „den Frauen gegenüber […] immer eine Galanterie [hat], in der ein gewisser überlegener Ton von Chuzpe durchaus nicht verstimmt […] man [aber] Hirschfelden nicht gram sein kann“, sondern unterzieht, trotz seiner Leugnung, „diesen fast hundert Jahre alten Text einer feministischen Kritik des 21. Jahrhunderts“. Schade, denn für mich wäre eine politische Kritik aus der Distanz und mit dem Wissen von fast hundert Jahren gerade in einer Zeit, in der wieder vieles nicht wahrgenommen werden will, lohnender gewesen. Aber das ist auch schon der einzige Kritikpunkt.

Natürlich könnte die politische Dimension, ganz dem Beispiel Ludwig Hirschfelds folgend, völlig außer Acht gelassen und der Wien-Führer aus 1927 mit rein archäologischem Interesse gesehen werden. So nach dem Motto: was ist denn von Ludwig Hirschfelds Wien noch übriggeblieben? Da der Anti-Bedaeker fast keine Sehenswürdigkeiten beschreibt muss man als Wiener erschreckt feststellen, dass fast alles verschwunden ist, wobei das „fast“ fast weggelassen werden kann. Von den Geschäften, die Frau Hirschfeld für das Shopping besucht hat, gibt es heute noch vielleicht eine Handvoll, Nachmittagstanz ist in Wien so gut wie unbekannt, mit der Straßenbahn fährt kaum noch jemand ins Grüne, im wiedereröffneten Central hängt nicht mehr „das Bild Peter Altenbergs […] an der Wand und sucht elegischen Blicks die Gestalten Egon Friedells und Alfred Polgars“ sondern Peter Altenberg sitzt als lebensgroße Puppe an einem Tisch und versucht verzweifelt, den Blicken und Selfies der Touristen zu entkommen. Ein Piccolo hat mich zuletzt vor etwa fünfundzwanzig Jahren in einem Restaurant nach meinen Getränkewünschen gefragt und die Stehplätze im Steh-Parterre, am Balkon und auf der Galerie, der dritten und vierten zu Ludwig Hirschfelds Zeiten, bleiben „coronabedingt“ frei. Doch eines ist Wien geblieben: die vielleicht lebens- und liebenswerteste Stadt der Welt – zumindest für uns Wiener. Aber das geben wir nicht zu.

 

Nachsatz: Zufall oder nicht, im Löcker Verlag, Wien, ist quasi zeitgleich eine Auswahl von Ludwig Hirschfelds Wiener Feuilletons publiziert worden, die Peter Payer herausgegeben und kommentiert hat.

Ludwig Hirschfeld: Wien in Moll. Ausgewählte Feuilletons 1907–1937
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter Payer
Löcker Verlag 2020
ca. 264 Seiten, EUR 24,80

Ludwig Hirschfeld
Wien: Was nicht im Baedeker steht
Mit einem Nachwort von Martin Amanshauser
Milena
2020 · 240 Seiten · 23,00 Euro
ISBN:
978-3-903184-57-2

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