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Kritik

elle-rebelle ist handgemacht - danke

Hamburg

In hohem Tempo, mindestens ein Band pro Jahr, haut Lütfiye Güzel ihre Gedichte raus. Nach einem ungewöhnlichen „Best of“-Band namens Faible? zu Beginn diesen Jahres, der Texte aus ihren Go Güzel Publikationen versammelt, ist es diesen August soweit für ihr nächstes reguläres Werk namens Elle-Rebelle.

Es handelt sich, wie auf dem Cover angegeben, um eine Sammlung Handzettel. Jenes Cover ist in Wirklichkeit ein Briefumschlag, darin die in Schreibmaschinentype arrangierten Gedichte. Meistens eines je Zettel, die Mehrzahl davon kurze, haikuartig verdichtete Ausschnitte, und alle ernüchternd. Die längeren erstrecken sich über ein, zwei der angeschrägten Zettel. Wie die Rebelle im Titel nichts anderes zu erwarten lässt, radikalisiert sich Güzels Schreiben ein weiteres Mal mit dieser Abkehr vom Konzept Buch. Die Zettel lesen sich flüssig und bitter, sie wollen nicht viele Worte machen, sie gehen auf den Punkt zu. Oft sind es Feststellungen, Notate, wie die hoffnungslose Bilanz einer sogenannten letzten Zeit.

„die letzten fünf jahre

sind nie passiert
von unten gucke ich rauf
zum flamingo-haus
hier wohnen noch
echte ausländer
deshalb gibt es auch wenig
beschwerden über verstopfte toiletten
vierundzwanzig-stunden lüftungslärm
über kaputte aufzüge
(das haus hat neun etagen)
quietschende zimmertüren
explosionsbereite waschmaschinen
vier von sieben sind außer betrieb
& die restlichen drei dürfen
auf eigene gefahr genutzt werden
auf dem hof steht ein gemeinschaftsgrill
mit schloss
alle sind freundlich & sprechen leise
laufen brav zur uni
sind hart im nehmen
weit weg von der familie
weit weg von krach-machen-um-sich-selbst
die küche
ist zu dreckig zum kochen
& der mann auf der butterdose
ist ein weiteres schloss
ich mag ausländer
man will sich an sie ranschmeißen
wie ein elefantenbaby
damit zumindest ein wenig was
von der großen
weiten welt an einem klebt“

Güzels neue Gedichte tragen illusionslose Titel wie „ich will nicht mehr“, „gegen heimat“, „das muss nicht so sein“ oder „meinen kopf schützen“, „ich muss lernen“, „schmerzmittel“ und „es war einmal“. Sie zielen auf das Alleinsein, das Abkapseln und Beobachten, die Worte als letzte Welt. Güzels Humor der früheren Publikationen weicht einer pausenlos harten Realität. Es ist keine Silbe zu viel, und der Frühling ist ausgestorben.

„mach was du willst
(für e.)

wie groß die welt
plötzlich wird
wenn man verlässt
oder
verlassen wird“

„nicht einmal feinde
haben

der garten ist dir fremd
& rasen bewässern
das sieht so traurig aus
wie die dartscheibe
mit den pfeilen
drin
seit ewigkeiten
drin
& wie du die pilze
aus dem boden reißt
da steckt viel wahrheit drin“

Wie eine endgültige Abkehr von jeglichem status quo wirken Güzels letzte Zeilen aus „sie gehen in die politik// ich gehe schlafen“:

„[…]
wenn dann aus büchern
flugblätter werden
ohne seitenzahl
&
auslieferung
dann hat der wolf
überlebt“

Lütfiye Güzel bleibt sich treu. Ihre neueste Publikation zementiert ihre Ausnahmestellung in der zeitgenössischen Lyrik. Wenn jemand wirklich unabhängig, fern und frei ist, dann sie. Elle-Rebelle unterwandert am Konsequentesten von allen ihren bisherigen Büchern das, was man einen Markt nennen kann. Die Handzettel/ Flugblätter bringen ihre Gedichte und Beobachtungen/ Feststellungen in Gedichtform noch ein Stück näher an im Grunde genommen politische Äußerungen heran. Das „Buch“ ist tough, und selbst wenn nicht alles zündet, oder zu viel zündet, liegen eine ganze Menge starker, persönlicher Verse in dem Umschlag, die das In-haltloser-Welt-sein in Worte transponieren. Ohne Ornamente.

Lütfiye Güzel
Elle-Rebelle / Handzettel
go-güzel-publishing
2017

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