Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

„Und die Welt/ ist Abgrund im Echo der Form,/ in der du sie beschreibst.“

Hamburg

Quick, strike a flame cause the very last light is gone. […]
What is this darkness that's coming for my soul? (Anna Calvi)

Ich habe beim ersten Betrachten des Covers kurz überlegt, ob wohl irgendeine Verbindung zwischen dem Gedichtband von Luis Quintais und Jacques Derridas 1974 erschienen Buch „Glas“ besteht, dieser unbändigen Verschmelzung aus hegelianischer Philosophie und der Lebensbrutalität von Jean Genet. Es ist zumindest ein netter Zufall, zumal der im Titel der deutschen Übersetzung vorkommende Zusatz „Totenglocke“, auch bei Quintais Gedichtband nicht unbedingt fehl am Platze wäre.

Denn was Quintais Sprache hier ab- und bedeckt ist so etwas wie ein großangelegter Scherbenhaufen [sic]; ein Auf- und Untergehen von Landschaften in einem entropischem Kosmos, in dem sich sprachliche Impulse, Durchbrüche und Abgründe in den Umfeldern von Verweisen auf Historisches, Erkenntnistheoretisches und Philosophisches auf- und umtun. Ein auf Endzeit gestimmtes Lied, das versucht eine Melodie für das Scheitern der Dinge zu finden, sie noch zu spielen.

Alles ist Spiel und Musik, alles schlussendlich wenig.
Das Paradies ist seit langem schon der List der Maschinen verfallen,

und es gibt keinen erkennbaren Ursprung in dem, was du sagst.

Die Dynamik ist dabei im ersten Teil an die Form des fortlaufenden Langgedichts gebunden, das seine Inhalte in drei Zweizeilern pro Seite bündelt. Im zweiten Teil sind es dann Textflächen, in denen die aufgeschichtete Sprache des Langgedichts langsam, wie in einer Sanduhr, verrinnt, Satz für Satz.

Ich werde schreien und nichts wird zu hören sein. Ein Echo wird die einzige Verständigungsmöglichkeit sein. […] Mich überkam Mitleid mit den Monstern an der Türschwelle, ganz mit dem Brauch im Einklang, dass nichts innerhalb und nichts außerhalb zu sein hat.

Diese klare Form und auch die gute, teilweise allerdings schon interpretierende Einführung von Nuno Carrilho, die im Vorwort stattfindet, könnten glauben machen, es handle sich bei Quintais Band um eine sehr rigide und strikte Komposition, in der wenig Raum für Unwägbares, für Zwischentöne und Unklarheiten bliebe.

Doch trotz seiner Strukturierung und der offengelegten Bezüge, der scheinbar direktiven Sprache und der über viele Strecken gehaltenen Konsistenz, sind es vor allem die am Wegrand sich auftuenden Spalten und die Momente des Sinnzwielichts, die den Band in meinen Augen interessant machen; dort, wo er sich wie nebenbei in zusätzliche Ideen verstrickt.   

Das ist zum Beispiel eine Stelle, wo es heißt:

Aus Scherben
ist die gläserne Stimme […]

wie das zerrissene Netz, das die Geschichte stürzen lässt
und die Stadt verschlingt, in Schall und Wahn und Wehklagen

und Rückkunft: die Umkehrung der Schornsteine
in denen Rauch sich in Körper verwandelt

Einen Blick auf manchen Quader aus den Steinbrüchen von Paul Celan und T.S. Eliot meint man hier und da in den Wänden des Textes zu erhaschen (zumindest Eliot wird dann auch, zusammen mit Fernando Pessoa und Anna Calvi, Edmond Jabès und Martin Amis, hinten im Buch als Quell-/Anspielungsmaterail genannt).

Dieser Abschnitt aber geht es über die bloße Anspielung hinaus, denn das Bild von den Schornsteinen und dem Rauch, der sich zurück in Körper verwandelt, dürfte zumindest in den Köpfen des deutschen Lesers Gedanken an den Holocaust und die Verbrennungsöfen von Ausschwitz aufkommen lassen. Dazu passen die immer wieder vorkommende Angst vor dem Untergang der Stadt und die leicht religiösen Konnotationen, sowie die Verweise auf die „List der Maschinen“; die leichte Tendenz, Technisierung als Übel, als eine Art Geißel der Welt darzustellen.

Ist der Mensch verdammt, als einzelner, als Gattung? Als anthropologisch versierter Autor, scheint Quintais auch immer das Größere mit einschließen zu wollen; was er intoniert scheint nicht nur auf ein einzelnes lyrisches Ich, sondern eine bedrohte Gemeinschaft, eine bedrohte Welt hinauszulaufen.

Noch immer rührt dich

die mögliche Realität klarer Verordnungen
und durchsichtiger Gewässer. An der Oberfläche aber

schaut ein Schrei hervor

Im Vorwort meint Carrilho, dass Quintais sich konsequent an sein Vorhaben hält, „eine Melancholie durch zu deklinieren“. Unterstützen würde diese These jenes gleichsam entropische und ikonische Illuminieren, das Quintais betreibt. Was allerdings zum Stichwort Melancholie weniger passen will ist der teilweise ruhelos-suchende Ton, der die Sätze streckt, noch eine Formulierung, noch eine Dimension hinzupackt und sich teilweise wie ein Entlarven, ein Anklagen ausnimmt.

Auch die raschen Wechsel im Text zwischen hellen und dunklen Atmosphären, eine gewisse Wildheit, die sich in mancher Formulierung zuspitzt – das alles lässt mich weniger an eine Melancholie und vielmehr an eine duale, gespaltene Wahrnehmung denken, an zwei Positionen, die versuchen sich einander zu nähern und die jeweils andere Position wie hinter Glas sehen, und nur beobachten und beschreiben können. 

Straßen sind zurückgeblieben?
Ja, da sind sie, doch du schaust vorwärts,

hebst die Belagerung dieser rückwärtsgewandten Trübung auf
und deutlich werden die Visionen dessen, was nicht stattfinden wird.

Visionen von etwas, das nicht stattfinden wird. Quintais Texte sind Visionen von Dingen, die waren, die vielleicht werden, die vielleicht sind. Manchmal kommt es einem vor, als würden Sprachfluss und Vokabular sich selbst zersetzen, zu einem elastischen Material werden, das sich problemlos in alle Richtungen verbiegt/verbiegen lässt. Dann kommt wieder eine unerwartete Formulierung daher, etwas, das ganz nah herantritt an eine Stelle, von der man gar nicht wusste, dass sie von Bedeutung ist.

Letztlich würde ich sagen: „Glas“ ist eine Beunruhigung. Sicherlich nicht die schlechteste Bezeichnung und Eigenschaft, die ein Gedichtband haben kann. 

weiches Baumgewand auf Stein, vom Wind geglättet,

vom Wasser, von der rückübertragenen
Tat einer geologischen Zeit,

die die süße Silbe übertrifft,
vom Denken erobert.

Luís Quintais
Glas ( O Vidro)
Übersetzung: Mário Gomes , Vorwort: Nuno Carrilho
Aphaia Verlag
2017 · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-946574-01-9

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge