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Kritik

Geometrie dieses Nachmittags

Hamburg

Ein schmales Bändchen Prosa ist unlängst in der Parasitenpresse erschienen, Die Schönheit der Wüste von Luise Boege, dabei muss man gleich konstatieren, dass es da noch einen anderen Titel gibt, einen durchgestrichenen, nämlich Exorzismus in Polen. Womit wir sofort beim Thema wären: das Buch ist zur Hälfte durchgestrichen, sprich der Text soll nicht das sein, was da steht. Dürfen wir das trotzdem lesen? Einen Grund wird es haben, und natürlich fügt es sich. Es ist einfach eine bestimmte Information, ein Filter, dieser Text sollte eigentlich nicht da sein. Er ist es aber, er ist anders, besitzt dieses verbotene Vorzeichen. Oder das sich schämende. Auf manchen Doppelseiten sind es nur ein, bis zwei Wörter, die nicht durchgestrichen sind. Dieses poetische Verfahren wendet Luise Boege konsequent an. Dabei ist es nun auch nicht so, dass der "normale", also nichtdurchgestrichene Text in irgendeiner Weise normal wäre. Es handelt sich um eine Kreisbewegung aus schätzungsweise drei Seiten Muttertext, der sich als Schlange-im-Schwanz um sich selbst dreht und sich wiederholt, mit einigen Variationen zwar, aber doch im Prinzip fast eine Komposition im uncreative writing und copy pasten. Zudem ist dieses Exorzismus in Polen ein Leihtext/ Titel der Journalistin und Autorin Nadine Wojcik, die sich mit dem kürzlichen Comeback der offiziellen Teufelsaustreibungen im katholischen Polen beschäftigt hat. Die kursivierte Kernaussage, bei Boege, "im Radio gehört", wonach es heißt:

Sie wollen lieber glauben, dass ihre Kinder vom Teufel besessen sind als dass sie eine psychische Störung haben/ etwas psychisch nicht in Ordnung ist.

Hier steckt die Essenz. Die "Geometrie des Nachmittags" ist eine bedrückende Beschreibung des Spaziergangs einer Mutter, deren Familie sich in einem sich auflösenden Zustand befindet, von dem wir in immer neuen Varianten erfahren. Depression, Sucht, Dyskommunkation etc. Alles da, auf wenigen Sätzen, die es in sich haben, deren Wucht und deren Streckung in Schlaufen man sich im ganzen Bändchen nicht entziehen kann. Obwohl Boege fast nichts sagt und die Manie des beschriebenen Inhalt zu ihrem Stilmittel macht, das Festhalten an Routinen, das Kreisen in der Sinnessackgasse, das nicht Wahrhabenwollen und Streichenwollen bzw ungeschehen/ ungeschrieben machen wollen, alles ist da. Verdichtet und erschütternd. Nach ihren beiden Romanen bei Reinecke Voß hat Luise Boege in der Parasitenpresse ein heftiges, forderndes Stück Prosa vorgelegt. Eine Beispielseite, die bei aller inhärenten Gleichförmigkeitsbewegung, dennoch ein wenig mehr verrät.

[...] bevor sie das Haus verlassen hatte, eine Radiosendung zum Thema Exorzismus in Polen gehört hatte, insbesondere den hier frei nachgebildeten Satz gut gehört hatte: Sie wollen lieber glauben, dass ihre Kinder vom Teufel besessen sind als dass sie eine psychische Störung haben/ etwas psychisch nicht in Ordnung ist... ich weiß es nicht, aber es gibt ein Überangebot an Erzählung und zugleich ein Unterangebot? Bin ich süchtig einfach bloß nach der schwarzen Höhle dem sich hier wiederfindenden Chaos eines klaffenden Munds ... eine Sucht, die, wie Mama wusste, gar nicht meine gar nicht ihre gar nicht seine ist, sondern nur schwarze Lettern rückwärts schreibt, uns einfach nur durchgereicht worden ist bis an diese Fensterchen, durch die wir sehr beschränkt blicken ... beziehungsweise stelle, so erklärte gelöschter Teilnehmer häufig, seine Sucht eine logische aber faule nur scheinbar faule in Wahrheit folgerichtige und revolutionäre wenn auch nicht direkt revolutionäre Konsequenz dar ... man fängt an zu trinken, weil etwas im Leben da ist, das man nicht aushält, weil etwas da ist, das platzen muss, man fängt an zu trinken, so gelöschter Teilnehmer, um mit dem gewaltsamen Konsens Schluss zu machen ... Mama versuchte, den Gedanken, der ihr gerade unterwegs eingefallen war, die sich geometrisch zwischen ihr und Papa gelöschter Teilnehmer aufspannenden Lichtfäden der Erkenntnis rasch zu formulieren

Ein harter, verunsichernder Text ist dieser Band, der zugleich ein mögliches Abbild seiner selbst ist. Nicht ganz ziellos zwar, doch auch nicht unbedingt in Progression befindlich. Eine verstörend-experimentelle Lektüre und zugleich eine besten Veröffentlichungen der Parasitenpresse in letzter Zeit.

Luise Boege
Die Schönheit der Wüste
Exorzismus in Polen [gestrichen]
parasitenpresse
2018 · 52 Seiten · 10,00 Euro

Fixpoetry 2018
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